Fichtners Tellergericht Einmal volltanken, bitte!
Wo essen wir heute? Das sieht nach einer harmlosen Frage aus, aber sie hat es soziologisch in sich. Wir essen in Möbelhäusern und an Tankstellen, in Kantinen und in fahrenden Zügen, in Fast-Food-Filialen und an Döner-Ständen. Wir essen in Autobahn-Raststätten, an Marktbuden, Kiosken, Kaffeeautomaten, wir essen von Klapptischen im Flugzeug, an Tresen im Supermarkt, wir essen auf der Straße, wir essen, wo wir gehen und stehen.
Das alles ist uns ganz selbstverständlich, weil unsere Zeit so schnell und unser Gedächtnis so kurz ist. Aber noch in den achtziger Jahren gab es keine nennenswerte Fast-Food-Industrie in Deutschland, schon gar nicht in der Provinz. Das war nur eine zarte Pflanze damals, die Supermärkte hatten noch keine "heiße Theke", die Bäcker noch nicht die tausendundeins belegten Baguettes und die Tankstellen verkauften einfach Benzin. Das ist heute ganz anders.
Soeben sind neue Zahlen erschienen, eine Liste der "größten Unternehmen der Gastronomie in Deutschland 2006" und sie erzählt davon, wie wir uns tagein, tagaus wirklich ernähren, sie erzählt vom verrückten Lebensstil in der totalen Konsumgesellschaft und vor allem vom wahren Sinn dessen, was wir "Essen gehen" nennen. Der Befund ist, nun ja, erschütternd.
McDonalds ist der größte Wirt im Land, das ist seit 25 Jahren so, ein einsamer Marktführer mit heute 1276 Filialen und fast 2,6 Milliarden Euro Umsatz. Auf Platz zwei stehen die LSG Sky Chefs von der Lufthansa, auf den Plätzen drei und vier folgen Burger King und eine "Autobahn Tank & Rast Holding" mit Sitz in Bonn. Aber es kommt noch dicker.
Platz 8 hält Aral, Platz 22 Shell, Platz 26 Esso. Wir sprechen hier, wie gesagt, über die deutsche Gastronomie, und man muss also zu dem Schluss kommen, dass das Essen von vielen Zeitgenossen nur als eine andere Art von "Auftanken" verstanden wird.
Der größte Wirt im ganzen Land
Aber Spaß beiseite: Die Platzierung der Ölkonzerne hat mich doch überrascht. Mir fehlte bislang die Phantasie zu glauben, dass sich nennenswert viele Menschen von Aral-Sandwiches ernähren oder von verschrumpelten Bockwürsten an welken Salatblättern Marke Shell. Stattdessen sind Esso & Co. zu Groß-Caterern unserer hochmobilen Lebensart geworden und mir scheint, man muss nicht sehr verfeinert sein, um darüber zu erschrecken.
Ikea übrigens hält Rang 9. Das Möbelhaus macht 153 Millionen Euro Umsatz in seinen "Bistros" mit Köttbullar und grellen Hot Dogs, serviert zwischen Billy-Regalen und Glimma-Teelichtern. Es ist unfassbar, aber wahr: Man kann mittlerweile bei Ikea "Riesengarnelen-Spieße an Wildreis" und "Jungschwein-Röllchen mit Pesto" essen und man muss sie, vielleicht erklärt das ihren Erfolg, noch nicht einmal selber zusammenschrauben.
Überflüssig zu erwähnen, dass sich die Geschäfte sehr gut entwickeln. Die Top-100 der Groß-Gastronomie steigerten ihre Umsätze vergangenes Jahr um mehr als sieben Prozent, das war das beste Ergebnis seit zehn Jahren. Man kann daran ablesen, dass wir mittlerweile immer öfter "außer Haus" essen, wie die Statistiker sagen. Ich habe die Zahl gefunden, dass im Jahr 1962 nur jede zehnte Mark vom Essensbudget "außer Haus" verjubelt wurde, 1995 war es schon jede vierte und diese Tendenz steigt unaufhörlich weiter.
Unser Essen flieht sozusagen das Private, es wird zur massenhaften, öffentlichen Vorstellung, egal wo, egal wie und das ganze Schauspiel aufgeführt von Menschen, von denen viele behaupten, sie hätten zu wenig Geld, um sich ordentlich zu ernähren. Dass sie trotzdem für die Milliardenumsätze und Millionengewinne der zuständigen Industrie sorgen, findet kaum jemand seltsam oder gar kritikwürdig. Dabei ist es eigentlich ein Skandal. In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!