Fichtners Tellergericht: Endstation Schlemmerfilet - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht Endstation Schlemmerfilet

Auch die Amerikaner haben inzwischen den Trend zum "cook-off" entdeckt - Schnellmerker. In Europa wird die Kluft zwischen kulinarischen Super-Kennern und Mikrowellen-Dumpfheimern immer größer. Beide Extreme nerven, meint SPIEGEL-ONLINE-Besseresser Ullrich Fichtner.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schön ist es, die neuesten "Food-Trends" zu studieren und dabei immer wieder auf die Amerikaner zu stoßen. Die "Herald Tribune" meldete neulich, dass in der US-Wirtschaft die "cook-offs" groß in Mode kommen, das lässt sich nur schwer übersetzen, wir würden vermutlich auf gut deutsch "Koch-Event" dazu sagen, und gemeint ist damit, dass die Betriebsfeier ganz oder in Teilen an den Herd verlegt wird. Die sich anschließende Frage ist allerdings einfach: Leben die Amerikaner total hinter dem Mond?

Was da als neuer Trend verkauft wird, ist bei uns schon lange ein alter Hut. Kein Klobrillen-Hersteller, der nicht schon einmal auf die Idee gekommen wäre, seine Belegschaft zwecks Auffrischung des Betriebsklimas in eine Küche zu schicken. Kein Berliner Stadtteil, in dem nicht junge, dynamische Start-up-Köche "incentives" dieser Art anböten. Man versuche nur, in einem der Maggi-Kochstudios oder in der "Dr.-Oetker-Erlebniswelt" einen solchen Termin zu bekommen: Keine Chance! Ausgebucht auf Jahre!

Ich habe an solchen Sausen auch schon teilgenommen, aus soziologischem Interesse sozusagen, und ich will hier nicht wieder nur den Miesmacher spielen: Ja, die Leute haben sich amüsiert, man kam sich fröhlich näher zwischen Gemüsehobeln und Fleischmessern, es hat allen immer viel Spaß gemacht, und daran ist selbstverständlich überhaupt nichts auszusetzen. Nur muss ich leider auch berichten, dass die warenkundliche und kochtechnische Inkompetenz, die viele der Teilnehmer an den Tag legten, nachgerade erschütternd war.

Wer einmal einen jungen, seiner Ernährung komplett entfremdeten Ingenieur ein rohes Ei hat aufschlagen sehen, oder wer eine Sekretärin, die Essen nur noch in Form von Fünf-Minuten-Terrinen kennt, beim Zerlegen eines Fisches beobachten durfte, wer endlich den Geschäftsführer einer Spedition hat fragen hören: "Wie? Braten und Kochen sind nicht dasselbe?" – nun, der muss zu dem Schluss kommen, dass unsere Kultur nicht vom Untergang bedroht, sondern längst im Orkus der Weltgeschichte verschwunden ist.

Wieviel muss man über Essen und Trinken wissen?

Wieviel muss man über Essen und Trinken wissen, um als halbwegs gebildeter Mensch durchzugehen? Das ist eine schwierige Frage, und die Antwort hängt sehr von den sozio-kulturellen Umständen ab. In manchen Kreisen, in den gehobenen Ständen, wo sich die kulinarische Expertokratie breit gemacht hat, muss man heutzutage alle Risotto-Sorten nebst zugehörigen Anbaugebieten auseinander halten können, um überhaupt an den Tisch vorgelassen zu werden. In anderen Milieus reicht es dagegen, Fleisch und Fisch auf der Zunge grob unterscheiden zu können, und den Rest erledigt die Mikrowelle.

Mir sind, offen gestanden, beide Extreme ein Graus. Die ach so verfeinerten Super-Kenner gehen mir genauso auf die Nerven wie die besinnungslosen Dumpfheimer. Ich würde allerdings schon darauf beharren, dass ein paar Dinge des Essens zum Kanon der Allgemeinbildung gehören. Man kann von einem durchschnittlichen Mitteleuropäer erwarten, dass er die Grundtechniken der Essenszubereitung kennt. Man kann erwarten, dass er Fleischsorten auseinander halten kann, und dass er ein paar Fische mehr zu benennen weiß als nur den weißen, quadratischen namens "Schlemmerfilet bordelaise".

Man muss, denke ich, darauf bestehen, dass ein wenig Wissen über die Dinge des Essens und Trinkens zur charakterlichen Aussteuer des Menschen gehören. Wer keine Ahnung mehr davon hat, dass das Stück auf seinem Teller zum großen Kreislauf des Lebens gehört, wer sich nicht mehr bewusst macht, wieviel Kulturgeschichte, wieviel Tradition, wieviel magischer Mehrwert bei jedem Essen im Spiel ist, wieviel Arbeit und Anstrengung in unser aller täglichen Sättigung steckt, der geht nur noch blind und taub und sinnlos durch diese Welt.

Essen verbindet uns mit dem Leben. Wer die Freude nicht kennt, in eine reife Feige zu beißen, hat in seinem Leben Großes versäumt. Wer noch nie ein Salbeiblatt zwischen seinen Fingern zerrieben und den betörenden Duft eingesogen hat, der lässt sich die Chance auf bescheidene Glücksmomente entgehen. Wer endlich die Kunst eines guten Kochs nicht mehr begreifen kann, der hat in seinem Leben wirklich Pech gehabt. Kein "cook-off", kein "incentive", kein Event wird ihn retten. Gut nur, dass er auch davon nichts weiß.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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