Fichtners Tellergericht Es geht um Lust!
Wer raucht oder geraucht hat, weiß, dass sich das Qualmen mit gutem Essen nicht verträgt. Es verdirbt den Geschmack, es betäubt die Papillen, es stört den Geruchssinn, es verfälscht, beeinträchtigt, es verhindert Genuss. Dass Zigaretten davon abgesehen zu den Massenvernichtungswaffen zählen, weiß jedes Kind, dass Raucherbeine und verkrebste Gaumen seine Folgen sind, und auch, dass einen Passivrauchen um die Ecke bringt. Aber, und ich sage dies auch auf die Gefahr hin, künftig auf den Schwarzen Listen der Nichtraucher-Lobby geführt zu werden: Eine Welt ohne Raucher ist eine ärmere. Und wir müssen jetzt schnell wieder Schluss machen mit der von oben verordneten Wellness.
Wer dieser Tage durch Berlin und Paris geht, nun, da die Verbote seit Neujahr in Kraft sind, sieht paffende Passanten überall, einsame Schlöte, die sich ihre Nikotindosis im Gehen geben, weil sie es in Kneipen und Bistros nicht mehr dürfen. Die Cafés hier in meiner Nachbarschaft, in der Rue de Bretagne, in der Rue Vieille du Temple, sie waren einst gesellige Orte, nun kommen sie mir deutlich leerer vor, unbehauster, und viele Menschen darin sehen ratlos aus, weil sie nicht recht wissen, wohin mit den Händen, was tun mit den nächsten acht bis zehn Minuten, wie sich inszenieren auf der schönen Bühne namens Paris.
Ich weiß schon, ich müsste dafür sein. Müsste mich freuen darüber, dass mir niemand mehr den Rauch über den Teller bläst, wenn mittags Steak und Fritten auf den Tisch kommen. Nur hat mich das, seltsam, nie sonderlich gestört. Es war für mich Teil des gastronomischen Erlebens, eine denkbar harmlose Spielart der Risikogesellschaft, und außerdem habe ich zu den Menschen gehört, die es charmant fanden, wenn sich auf Speisekarten ein "französisches Frühstück" fand, das nur aus schwarzem Kaffee und einer schwarzen Gitanes bestand.
Im Fernsehen hier haben sie dieser guten, alten Zeit gerade eine Hymne gesungen. Ausschnitte aus alten Schwarzweiß-Filmen zeigten die Ikonen des "tabagisme", Sartre, Camus, Bogart natürlich, den rührend schönen Marcello Mastroianni und selbst den jungen Freiheitshelden Charles de Gaulle, am Leib die Generalsuniform, im Mund die Gauloise. Beim Zuschauen beschlich mich ein herbes Gefühl des Verlusts, und kurz darauf eine Angst: Wenn wir uns nun alle darauf verständigen, dass das Leben vor allem gesund sein soll, dann werden wir, fürchte ich, nicht mehr sehr lange Spaß daran haben.
Und was kommt jetzt?
Denn eindeutig lautet die Frage: Was kommt jetzt? Wann wird sich, im Bundestag und anderswo, die "Arbeitsgruppe Alkoholverbot" formieren? Wer wird sich den Rohmilchkäse als Gefahr vornehmen? Die bedenklichen Muscheln? Muss der Staat nicht etwas gegen "böse Fette" unternehmen? Gegen Innereien? Und endlich das Gänsestopfen verbieten? Sind Pralinen gefährlich für unsere Gesundheit? Und Zucker! Wie viele Gebisse gehen auf sein Konto! Und wie viel Fettleibigkeit! Und ist nicht auch Kaffee schädlich? Tee? Rotes Fleisch? Roher Fisch? Frischmilch?
Debatten dieser Art werden auf uns zu kommen. Berauscht vom Triumph in Sachen Nikotin werden sich neue Lobby-Gruppen formieren, Vereine von Pedanten, um die Volksgesundheit ein- für allemal zu retten. Dass dies auch ein Feldzug gegen die Kultur ist, ein Anschlag auf die geliebten Schmuddelecken unserer Lebenswelt, dass unsere ohnehin überschaubaren Freiheiten noch weiter beschnitten würden, spielt keine Rolle im Augenblick. Wir kommen an in einer Welt, in der Menschen nicht mehr nach ihrem Reden und Handeln, sondern nach ihrem Body-Mass-Index beurteilt werden und danach, ob sie durch falsches Leben die Krankenkassen und "die Gemeinschaft der Steuerzahler" über Gebühr strapazieren.
Aber wir müssen aufpassen. Der perfekte Mensch, der "richtig" lebt, ist eine autoritäre Vision. "Vater Staat" ist wieder da und wir sollen die braven Kinderlein sein, solange wir die Beine unter seinem Tisch ausstrecken. Aber Leben erschöpft sich nicht im Streben nach Gesundheit und makelloser Lebensführung, wir würden alle an der Langeweile sterben. Wir sind, arme Sünder, im Imperfekten zuhause, in der Unvernunft, in Widersprüchen, und das gilt besonders für Essen, Trinken, Ernährung. Es geht um Lust dabei, es geht ans Eingemachte und manchmal darum, über die Stränge zu schlagen, einfach so, ohne Aufsicht, gedankenlos, und das hätte auch weiterhin gelten sollen, wenn sich jemand eine Zigarette ansteckt, obwohl es falsch ist. Vorbei. Wir werden jetzt gesund. Und dafür ein bisschen weniger munter.
In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!