Fichtners Tellergericht Farbengraus statt Augenschmaus
Die Firma "Gutfried" hat mir unaufgefordert eine dicke Pressemappe zugeschickt, aus der ich lernen kann, dass sich die "beiden TV-bekannten Starköche Mario Kotaska und Martin Baudrexel" ein bisschen Taschengeld nebenher verdienen, indem sie als "Gutfried-Starköche" auf "Gutfried-Presse-Fotos" mit eingeschweißtem Gutfried-Industriefleisch hantieren. Da sag' ich natürlich: Toll!
Wobei ich allerdings zugeben muss, dass ich kein RTL-2-Zuschauer bin und also die beiden "TV-Starköche" gar nicht kannte. Kotaska und Baudrexel waren mir Jacke wie Hose bis gestern, aber egal: Schön, dass ich sie auf diesem Wege kennen lernen durfte, der UGW sei dank, das ist eine Public-Relations-Firma mit Sitz in Wiesbaden, die es offenkundig sehr smart und sehr proaktiv fand, mir eine "Gutfried-Pressemappe" zuzuschicken.
Die Fotos darin sind entweder schwarzweiß oder tendenziell farblos, deshalb sieht das abgebildete Essen ein wenig nach Gefängniskantine aus. Der "Grill-Spaß mit Pute" will nicht so richtig rüberkommen, die "Gutfried Mini-Putengriller" sehen aus wie vom Bürgersteig geschaufelt, und die "Gutfried Knusprige Grillnuggets" wirken, als wäre jemand mit starker Profilsohle in etwas Hellbraunes getreten. Das ist boshaft? Nun, wer's nicht glaubt, mag sich selbst auf der Website des Unternehmens überzeugen.
Ich erkenne dabei ausdrücklich an, dass die PR-Arbeit in Sachen Lebensmittelindustrie eine äußerst harte Nuss darstellt, und ehrlich, ich beneide niemanden, der in dieser Branche schuften muss. Wer kann schon gefriergetrocknete Gulaschsuppe gut ins Bild setzen? Wie bringt man Tiefkühl-Lasagne in Funk und Fernsehen locker rüber? Wie verschafft man Leberwurst-Lachs-Aufstrichen einen guten Auftritt? Oder wie lässt sich Erdbeer-Joghurt ohne Erdbeeren erfolgreich vermarkten? Es ist, fürwahr, kein leichter Job.
Man braucht vor allem ein sehr entspanntes Verhältnis zur Wahrheit. Man muss das reale Produkt mit irrealen Bildern zudecken, und dann läuten über saftigen Almen die Kuhglocken, obwohl nur ein magerer Schmierkäse aus Massentierhaltung und Maschinenfertigung angepriesen wird. Oder es versammeln sich unter alten Obstbäumen fröhliche Hochzeitsgesellschaften, um vorgebackene, aufgetaute, industriegenormte Torten zu verspeisen oder sandige Kuchen aus fixfertigen Backmischungen samt 2-Acetyl-I-Pyrrolin und Neohesperidin-DC und wie sonst noch die tausendundeins Aromastoffe heißen.
Wir wollen daran glauben, wider besseres Wissen, dass unsere Nahrung - und wie schön ist eigentlich das Wort: Lebensmittel - aus einer heilen Welt stammt, aus urigem Bauernland. Und weil wir das so beharrlich wollen, schlucken wir jede noch so große Illusion, die uns die Werbewirtschaft hinzaubert. Kühe auf Almen, Bauern beim Säen, Kinder auf Blumenwiesen, gesunde Familien bei traditionellen Festen - bei so viel blonder, blauäugiger Heimatliebe kann einem ideologisch fast ein wenig übel werden.
So gesehen aber hat die Gutfried-Pressemappe fast etwas Vorbildliches: Die Fotos darin machen die Ware nicht viel schöner als sie ist, und die besonders misslungenen Abdrucke kommen der Wahrheit erstaunlich nahe. Ja, so sehen sie aus, genau so, all die "Mini-Griller" und die "Nuggets", die "Kräuter Fix Sahne Hähnchen" und die "Finesse Barbecue Putenbrust" und all die anderen Fertigfleischteile und "Nassfertiggerichte", egal, von welcher Firma sie stammen, egal, welcher Konzern sie ausspuckt. Am Ende alles eine Soße.
In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!