Fichtners Tellergericht: Ferkelei in China - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht Ferkelei in China

Pünktlich zum Olympia-Start werden in Peking Spanferkel und Rindergulasch serviert. Und das bei Sauna-Temperaturen. Sieht so das neue Doping aus? Schwere Kost für Leichtathleten? Eine Besorgniserregung von Ullrich Fichtner.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dieser Text wurde gegen die Stoppuhr geschrieben, denn es beginnen die Olympischen Spiele von Peking, und ich darf dabei sein, so wie ich gestern Abend schon dabei sein durfte, als hier im aufgerüschten Hotel Kempinski das "Deutsche Haus" samt Spezialitäten-Büfett eröffnet wurde. Aus dem Garten der Anlage wird Johannes B. Kerner in den kommenden Wochen pausenlos für das ZDF um Einschaltquoten kämpfen, im ersten Stock des Hotels hat sich die ARD ihr Logo in Holz gravieren lassen, und hier wie dort wird sehr viel Schweiß fließen.

Es ist schwül in Chinas Hauptstadt, dabei herrscht eine Hitze wie in einer finnischen Sauna nach dem dritten Aufguss. Unvorstellbar, dass sich hier irgendein Mensch schneller als im Schritttempo und viel weiter als bis zum Kühlschrank bewegen kann. Unvorstellbar erst Recht, dass hier bald 5000- und 10.000-Meter-, ja Marathon-Läufe bestritten werden sollen.

Auch käme niemandem in den Sinn, bei diesem Wetter Spanferkel oder Rindergulasch zu essen, aber eben sie standen nebst anderen Schwergewichten auf dem heiß-kalten Büfett des kleinen Galaabends, dem stilistisch anzumerken war, dass Angela Merkel Kanzlerin ist.

Chinesische Köche hatten sich über deutsche und andere Spezialitäten hergemacht, jedenfalls standen sie hübsch aufgereiht hinter den Schüsseln und Wärmeplatten im Hotelgarten. Die Tafel führte von rechts – kalt – 20 Meter nach links – heiß, wo eben jenes veritable Babyspanferkel die nahe Verwandtschaft von germanischer und chinesischer Fleischeslust schön in Szene setzte.

Zum Glück nicht aufgebrezelt

Daneben ein bisschen Dim Sum, viel nichtssagender Salat, irgendwie anonymer Schinken, lustloser Lachs, fade Forelle, gelangweiltes Gemüse und halb aufgebackene Vollkornbrötchen, die schmeckten, als wären sie schon vor Tagen draußen am Flughafen aus einer verspäteten Lufthansa-Maschine entführt worden.

Trotz solcher Schwächen war mit Freuden festzustellen, dass es im großgeschriebenen Deutschen Haus weder Bratwürste noch Sauerkraut, weder Buletten noch Laugenbrezeln, weder Königsberger Klopse noch Dill-Heringe gab, wie das sonst auf offiziellen Banketten dieser Art durchaus typisch ist.

Es kann wirklich vorkommen, dass sich Deutschland im Ausland von "Handkäs’ mit Musik", "Saumagen" und/oder Blut- und anderen Würsten kulinarisch vertreten lässt. In Peking tritt man, zum Glück, gleich zu Beginn polyglotter, globalisierter, eigentlich: bescheidener auf, und das ist natürlich gut so.

Durch die Menge, die klein war, weil das Kempinski weit vom olympischen Dorf entfernt liegt, gingen die deutschen Basketballer um Dirk Nowitzki wie schwankende Leuchttürme. Fechterinnen wurden gesehen; auch Nicola Kiefer, in der Raucherecke stand ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender und zog die Zigaretten reihenweise weg. Unser IOC-Zar Thomas Bach sprach kurz französisch, die Band sang englisch, und zwar Schlager von vorgestern, und der Moderator fragte in die Menge, ob denn auch alle gut drauf seien.

Anschließend gab es Bier, gesponsert von Warsteiner, auf den Tabletts von 20 Serviermädchen erwärmten sich Sekt und weiße wie rote Weine schnell auf die Trinktemperatur von grünem Tee. Es kann also manches noch besser werden im Deutschen Haus. Dass es den deutschen Athleten ein "Wohnzimmer" sein möge, wie Thomas Bach sagte, ist ein gut gewähltes Wort. Denn ein Esszimmer wird wohl nicht daraus.

Zahnpflege mit Cola?

Aber was soll man überhaupt essen in Peking? So fragen besorgt die Boulevardblätter rund um den Globus, und in der Woche bis zur Eröffnungsfeier wurde darum und um die Menschenrechte allgemein viel Wind gemacht. Werden die Chinesen unsere Athleten vergiften? Senkt Pestizid im Spinat die Sprintstärke? Könnten Doping-Stoffe im Kalbfleisch sein? Und soll man sich die Zähne aus Angst vor dem Leitungswasser gleich mit Coca-Cola putzen?

Wie auch immer: Wir werden alle viel Spaß haben hier. Die Rede ist von 20.000 akkreditierten Journalisten. Und solange der Sport nicht begonnen hat, jagen sie alle 30 Sekunden eine andere Sau durchs Dorf.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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