Fichtners Tellergericht Feste feiern ohne Geschmack
Mit dem Sommer kommen die Feste, das wird jetzt monatelang so gehen. Aus riesigen Pfannen wird es in den blauen Himmel dampfen, und es wird nach Mexiko riechen in Cottbus, nach Thailand in Mainz, Chinesen werden rühren in zentnerschweren Woks von der See bis zu den Alpen, von der Oder bis zum Rhein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein.
Es wird "Zwiebelfleisch" geben, "Matjes-Brötchen", "Riesen-Bockwurst", "Meter-Bratwurst", "Winzer-Schinken". Angeblich werden in Deutschland übers Jahr verteilt 14.000 Volks- und andere Feste gefeiert, kein Wunder also, dass selbst Ministerien in Papiere schreiben, all die Sausen seien "das bedeutendste Angebotssegment im Bereich der inländischen Freizeit- und Tourismuswirtschaft". Schön gesagt.
Aber 14.000 Feste, das lässt sich ja wirklich hören, wie bunt, wie schön, wie herrlich muss dieser Kosmos sein! Ein Bilderbogen alter Zivilisation wird aufgeblättert, schöne Tradition lebt weiter, Bräuche werden hoch gehalten, das "Europa der Regionen" hält Hof! So könnte es sein. Aber seien wir ehrlich, so ist es nicht, so ist es ganz und gar nicht.
Im Grunde wiederholt sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, auf all den Winzer-, Schützen-, Ritter-, Altstadt- und Flößerfesten nur die immergleiche, austauschbare Tristesse. Es herrscht, vor allem kulinarisch, ein ewiges Einerlei. Egal, wo die Feier beginnt, auf dem Cannstatter Wasen, auf dem Münchner Oktoberfest, auf der Frankfurter Dippemess, auf dem Hamburger Dom die Chinapfannen und der Gyrosmampf, die Feuertöpfe und die Asia-Nudeln sind immer schon da, und überall kommen die zugehörigen Soßen aus dem 25-Liter-Plastikeimer, Marke: Delikatess-Mayonnaise.
Delikate Tradition der Nachbarn
Man muss kein Nestbeschmutzer sein, um neidisch auf unsere Nachbarn zu blicken. Natürlich sind auch sie und ihre Feste nicht unberührt geblieben von verderblichen Einflüssen, und doch haben sich ihre regionalen Besonderheiten, ganz anders als im größten Teil Deutschlands, viel deutlicher behauptet. Unvorstellbar, dass ein traditionsreiches Dorffest in Frankreich mit Mexiko-Pfannen aufwarten würde; undenkbar, dass in Italiens Provinz panierte Gummidichtungsringe oder Baked Potatoes (mit "Knofi-Topping") ein Renner wären.
Dort feiern die Leute auch immer ihre Regionen, samt zugehöriger kulinarischer Kultur. Die Spanier feiern ihre Schinken, die Franzosen ihre Austern, die Italiener ihre Würste, Nudeln, Öle und Gemüse. Uns Deutschen geht es beim Feiern der WM-Rausch hat es zuletzt gezeigt - nicht um Lebensfreude, sondern um diffuse Gemeinschaftserlebnisse, bei denen sich das Essen auf die ausgiebige Sättigung in anonymer Masse reduziert. Gegessen wird, um ausgiebigem Trinken "eine Grundlage" zu geben. Rar sind die Festlichkeiten, die sich kulinarisch ernster nehmen, die das gute Essen in den Mittelpunkt stellen, die Tradtition eines Landstrichs, den Genuss des schönen Lebens.
Aber Genuss und Volksfest sind in Deutschland gegensätzliche Begriffe geblieben, die Rummelplätze sind der Ort für maß- und kriterienlose Völlerei, wo Süßes und Salziges in wilder Folge vertilgt werden, als fürchteten die Esser, dies könnte die letzte Gelegenheit zum großen Fressen sein. Ich verstehe ja gut, dass Kinder ihren Spaß daran haben, Zuckerwatte auf Bratwürste auf Fassgurken auf Liebesäpfel folgen zu lassen. Aber Erwachsene? Was finden sie daran?
Eintopf an Konservierungsstoff
Ich trete auf die Spaßbremse? Aber woher! Was ist denn Spaß daran, wässrige Würste vom Industrieschwein an verdreckten Stehtischen aus Styroporschalen zu kratzen? Wer kann sich freuen an ledrigen Bismarckheringen, geschichtet mit fingerdicken Zwiebelringen im aufgeweichten Brötchen? Welchen Spaß bringen industriegewürzte Eintöpfe "an" Konservierungsmitteln, Farbstoffen und Acrylamid? Man muss, scheint mir, nicht über die Maßen verfeinert sein, um sich mit Grausen abzuwenden.
Warum sehen unsere Festplätze so aus? Warum stärkt sich mit Müll, wer Achterbahn fahren will? Es ist ein Rätsel und ich kenne seine Lösung nicht. Ich weiß nur: Eine Feier stelle ich mir anders vor, ein Fest hat auch mit festlichem Essen zu tun, und seien es derbe, kernige Genüsse, die es in Deutschland ja zuhauf gibt. Mit ihnen wären Volksfeste zu bestücken. Damit auch sie zur Demonstration würden gegen industrielles Einerlei.
In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!