Fichtners Tellergericht: Frankreich goes Lidl - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht Frankreich goes Lidl

Immer mehr Franzosen kaufen bei Lebensmittel-Discountern, um sich billig mit Industriekäse und Mikrowellen-Lasagne einzudecken. Sogar Sternekoch Alain Ducasse ist nach Monaco geflohen, um Geld zu sparen. Ullrich Fichtner fürchtet: Der Untergang der kulinarischen Kulturnation steht bevor.
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Der jüngste Fall von vorsätzlicher Steuerflucht betrifft einen Koch, sein Name ist Alain Ducasse, er wird jetzt Monegasse. Prinz Albert von Monaco hat dem Franzosen die Mitbürgerschaft angetragen, angeblich verlangte er sie gar nicht, aber nun kann er sich künftig freuen über steuerfreie Einnahmen und Gewinne aus seinem sagenhaften Kulinarik-Imperium.

Ducasse ist der Meister aller Klassen, sein Pariser Restaurant steht mit drei Sternen im Michelin, ebenso sein "Louis XV" in Monte Carlo, ebenso seine Filiale im "Essex House" von New York, das macht schon einmal neun. Sein Portfolio besteht zudem aus vielen weiteren Gaststätten, berühmten und weniger berühmten, sie finden sich in Metropolen und entlegenen Dörfern, in Hongkong und Tokio, in Saint-Saturnin-lès-Apt und in Moustiers-Sainte-Marie, man braucht einen guten Atlas, um alle seine Häuser zu finden, und einen Taschenrechner, um alle seine Sterne zu zählen, es ist phänomenal.

Und doch: Dass er nun plötzlich (Steuer-)Geld sparen will, ist ein schlechtes Zeichen. Großzügigkeit ist ein wichtiges Merkmal guter Küche, und wer erst einmal an einem Ende zu knausern anfängt, der macht auch bald am anderen Ende, und womöglich in der Küche, faule Kompromisse. Als hätte auch Ducasse diesen Zusammenhang bemerkt, hat er Mitte der Woche eine Pressemitteilung verschickt, in der es heißt, seine Entscheidung für Monaco sei "eine des Herzens" gewesen. Ich befürchte nur für ihn, dass darüber ganz Frankreich herzlich gelacht hat.

Frankreich goes Lidl, goes Discount, goes down

Denn die Kaufkraft, sie ist das Thema Nummer eins dieser Tage im Land, und Ducasse hat die seine gerade kräftig erhöht. Sarkozy hat das als Präsidentschaftskandidat dem ganzen Volk versprochen, aber da tut sich nun wenig bis gar nichts. Stattdessen sind die Lebensmittelpreise weltweit derart angestiegen, dass sich das auch in Frankreich auf erschütternde Weise bemerkbar macht: Frankreich goes Lidl, goes Discount, goes down, und niemand findet sich, dagegen mannhaft aufzustehen.

Aber es ist jetzt soweit: Der Untergang der kulinarischen Kulturnation steht bevor. Länger schon greifen die Franzosen zu Industrie- statt Originalkäse, länger schon stehen Mikrowellen-Öfen zum Auftauen der Lasagne auch in Frankreichs Küchen herum. Nun aber wird es ernst: In den Zeitungen sind fette Schlagzeilen über den Aufstieg der Discount-Ketten zu finden, Soziologen geben Interviews über "Frankreichs neue Prioritäten", und die Manager der Hypermarkt-Imperien sprechen von einer Reduktion des "hochpreisigen Angebots". In meinem Viertel hier in Paris schließen Fischgeschäfte, und es eröffnen Ramschläden, und wo einst Pferdemetzger waren, verkaufen jetzt Nagel-Studios Maniküren. Es ist zum Verzweifeln.

Ich spüre dabei die Schwierigkeit, die treffenden deutschen Worte für diese Tragödie zu finden. Denn natürlich hat Deutschland längst hinter sich, was in Frankreich jetzt erst so richtig beginnt. Wir Deutsche wundern uns schon lange nicht mehr darüber, dass es in unseren Straßen keine Bäcker, keine Metzger, keine Milch- und Käsehändler mehr gibt. Diese Welt ist bei uns mit den Groß- oder Urgroßeltern untergegangen, und es ist herzzerreißend, dass Frankreich nun ausgerechnet diese deutsche Entwicklung nachzuholen scheint.

Arme Menschen, billiges Essen

Wir reden immerhin über ein Land, das der Welt die Echiré-Butter geschenkt hat und das Meersalz aus Guérande. Über eine Nation, die immer stolz war auf Beaufort, Sainte-Maure, Morbier, auf Epoisse und Roquefort, die 300 Heiligen der Käse. Wir reden über Frankreich, wo die Lozère-Lämmer und die Corrèze-Kälber immer behandelt wurden wie Ehrenbürger, wo jeder Fischladen immer größer schien als die ganze Fressetage des Berliner KaDeWe und wo die Köche so bewundert wurden wie anderswo nur Sporthelden.

Auf diese Insel des richtigen Lebens, in diese Welt der korrekten Prioritäten hat es uns Deutsche immer hingezogen. Was aber werden wir machen, wenn auch links des Rheins die Gebrüder Aldi bald den Markt erobern? Wenn es in Bordeaux nur noch den Käse gibt, den wir schon von Tengelmann kennen? Und wenn das Restaurant in der Provence, das mit der schönen Terrasse, seine Lämmer aus Neuseeland einfliegen lässt? Und die Tomaten aus Holland? Wir werden ärmer, unglaublich viel ärmer sein, obwohl alles billiger geworden ist.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!