Fichtners Tellergericht Im Fleischplatten-Olymp
In den trägen Sommer hinein schicke ich eine kleine Abhandlung über die Fresslust und eine Abrechnung mit dem griechischen Essen, der Anlass dafür ist einfach: Mein Grieche an der Ecke, ein Händler, kein Gastwirt, hat mir ein Tarama untergejubelt, das mich zwei Tage lang außer Gefecht gesetzt und meine Verdauung zu Höchstleistungen getrieben hat. Danke dafür! Ich bin die längste Zeit Kunde gewesen, das war's, wir sehen uns nie wieder.
Ich muss trotzdem sagen, und dies ist ein Geständnis, das unter uns bleiben muss, dass mich hin und wieder trotz aller Liebe zum guten und richtigen Essen eine Schwäche überfällt und ich mich unselig hingezogen fühle zum Griechen. Man könnte sagen, alle meine Instinkte setzen aus, denn natürlich weiß ich, was mir blühen wird.
Ich werde zu viel Retsina und Ouzo trinken, ich werde zu viel versalzenes Fleisch in mich hinein stopfen, ich werde die große Vorspeisenplatte bestellen, obwohl ich genau weiß, dass mich all das Tsatsiki, die gefüllten Weinblätter, Kopanisti, Skordelia, Feta und Co. um den Schlaf und die innere Ruhe bringen werden, und sie werden mich ausdünsten lassen tagelang, zum Leidwesen meiner Umwelt, aber ich kann es nicht ändern.
Die schiere Fresslust, scheint mir, ist nicht wirklich auszurotten, vielleicht ist das ein Überbleibsel des Urmenschen in uns, wer weiß, eine normale menschliche Regung ist sie in jedem Fall und also mache ich mir keine allzu großen Vorwürfe, zumal ich weiß, mit derlei Gefühlen und Anfällen nicht allein zu stehen. Jeder von uns hat seine kulinarische Schwachstelle, der eine stopft sie mit Schokolade, der andere mit sauren Gurken, dieser kann wie im Rausch zehn Wurstbrote verschlingen, jener braucht feuerscharfes Chili zum Löschen des inneren Brands, verboten ist nichts und zu haben ist so gut wie alles.
Die Gier und die Lust und die Ausschweifung
Ich glaube, es ist gut, es ist heilsam, wenn wir mit solchen Gemütslagen ab und an Bekanntschaft machen, solange sie nicht ins Pathologische umschlagen, versteht sich. Die Gier und die Lust und die Ausschweifung, sie erinnern uns letztlich an den existenziellen Kern des Essens, an seine anthropologisch verbürgte Macht, sie machen uns für einen Augenblick zu Menschen vor der Kultur und für eine Sekunde lang lüften wir die bürgerliche Maske, hinter der wir uns dauernd verstecken, Messer und Gabel brav in der Hand, obwohl wir manchmal unsere Beute am liebsten mit bloßen Händen zerreißen würden.
Unverständlich, dass sich einer wie Wolfram Siebeck, der immerhin ein großer Esskultur-Kritiker unserer Zeit und unseres Landes ist, jahre- wo nicht jahrzehntelang dazu bekannte, nie in seinem Leben eine Currywurst angerührt zu haben. Ich würde sagen, das war ein Fehler, denn wer hätte besser als er erklären können, was es damit auf sich hat, und warum man auch auf eine Currywurst Lust haben darf (er hat später eine gegessen, es wurde darum viel Wirbel gemacht, aber sehr viel fiel ihm zum Thema dann doch nicht ein).
Der große Walter Benjamin hat für alle Zeiten gültig beschrieben, worum es hier geht. Ich erinnere mich immer an ihn, wenn ich mich am Ende doch wieder beim Griechen an den Tisch setze, ich muss hier ausnahmsweise eine längere Passage zitieren, weil niemand es schöner sagen kann und überlasse deshalb Benjamin den ganzen Schluss dieser Kolumne, vor dessen Wortgewalt ich mich in Ehrfurcht verneige.
"Der hat noch niemals eine Speise erfahren, nie eine Speise durchgemacht, der immer Maß mit ihr hielt. So lernt man allenfalls den Genuß an ihr, nie aber die Gier nach ihr kennen, den Abweg von der ebenen Straße des Appetits, der in den Urwald des Fraßes führt. Im Fraße nämlich kommen die beiden zusammen: die Maßlosigkeit des Verlangens und die Gleichförmigkeit dessen, woran es sich stillt. Fressen, das meint vor allem: Eines, mit Stumpf und Stiel. Kein Zweifel, daß es tiefer ins Vertilgte hineinlangt als der Genuß. So wenn man in die Mortadella hineinbeißt wie in ein Brot, in die Melone sich hineinwühlt wie in ein Kissen, Kaviar aus knisterndem Papier schleckt und über einer Kugel von Edamer Käse alles, was sonst auf Erden eßbar ist, einfach vergißt."
In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!