Fichtners Tellergericht: Im Land der Pilzköpfe - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht Im Land der Pilzköpfe

Auch Chinas Großstadtjugend ist verdorben. Die eigene Küche hält sie für gestrig, muffig und zu billig, "Pizza Hut" dagegen für cool. Man sollte sie mit Speisen aus der Provinz Yunnan füttern - denn dort wachsen die Pilze in den kulinarischen Himmel.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wir hatten es an dieser Stelle kürzlich schon einmal davon, dass die Fast-Food-Industrie über China herfällt, nun, ich bin gerade mal wieder da und habe gestern mit einem Chinesen zu Abend gegessen, der in Shanghai lebt und sein Geld damit verdient, Werbung für "Pizza Hut" zu machen. Er bestätigte mir nicht nur, dass "Pizza Hut" von nun an alle zwei Wochen eine neue Filiale im Land eröffnen will, er sagte auch, mit zerknirschtem Gesicht, dass der Konkurrent "Kentucky Fried Chicken" im Augenblick täglich einen neuen Laden aufmacht. Wäre ich ein Verschwörungstheoretiker, würde ich sagen: Dahinter kann eigentlich nur die CIA stecken, die wollen jetzt China von innen heraus fertig machen. Aber die Wahrheit sieht viel schnöder aus.

Die jungen Chinesen, unerfahren und lebenshungrig, halten die westlichen Fast-Food-Ketten für eine coole Form, ihren Wohlstand auszustellen. Ein junger Arbeiter, der auf sich hält, führt sein geliebtes Mädchen zu McDonald’s aus und verprasst mit ihm dort seinen kargen Lohn von drei, vier Tagen. Selbst höhere Angestellte stellen sich bei "Pizza Hut" eine Stunde lang in die Warteschlange, bis endlich ein Tisch frei wird, und sie fühlen sich schick und modern dabei. Es ist zum Verzweifeln: Chinas Großstadtjugend hält die eigene Küchentradition gerade für gestrig, muffig und zu billig. Da muss man erst mal drauf kommen.

Ich bin die nächsten zwei Wochen im Land unterwegs, und weil mich meine Wege auch nach Yunnan führen werden, habe ich in Shanghai schon einmal vorgeschmeckt. Es gibt dort, im Französischen Viertel, ein Restaurant dieses Stils mit unaussprechlichem Namen, einen gewaltigen Bau auf drei verwinkelten Etagen, wo am Abend Hunderte Tische von noch mehr Kellnern bedient werden, es ist ein Palast. Und folglich ist das Essen königlich.

Man sagt, dass es in China fast tausend Arten essbarer Pilze gibt und angeblich wachsen in der Provinz Yunnan, weit unten im Süden, an der Grenze zu Burma, 800 davon. Kein Wunder also, dass sie in praktisch keinem Gericht der Region fehlen. Wir aßen, acht Leute um einen Tisch, sechs Chinesen, zwei Europäer, volle drei Stunden lang, und immer wenn die Teller leer waren, bestellten wir eine neue Lage, begeistert von der Qualität der Speisen, von der Würzkunst der Köche, von ihrer kulinarischen Phantasie. Wir wurden Teil der Magie, die unser Rilke in der schönen Gedichtzeile verdichtet hat: "Als Mahl begann's und ist ein Fest geworden."

Ganz ohne Stäbchen

Es gab Pilze, halb trocken, halb mariniert, die sich ein Kleidchen aus Koriander und vielleicht Zimt angezogen hatten, es gab Pilzragouts, die Garnelen sacht begleiteten, es gab fleischige, säuerliche, auch kernige Hüte und Stiele, gebraten, gedämpft, gekocht, sie begleiteten süßsäuerliches Hühnerfleisch oder feuerscharfe Garnelen, sie verheirateten sich mit kleinstgeschnittenen Rinderstreifen, mit knusprigem Schwein, mit Wurst, die nach Fenchel und fast nach Italien schmeckte. Am Ende, als fürchteten die Köche, ihre Gäste könnten verrückt werden angesichts dieses Feuerwerks, beschlossen sie das Menü mit einer schlichten, klaren, tief beruhigenden Fischbrühe, darin nur ein Streifchen Ingwer, ein Stückchen Frühlingszwiebel, und dieses Süppchen gehört von nun an zum Besten, was ich in meinem Leben essen durfte.

Auch sonst war dieser Abend sehr gelungen, denn die chinesische Art des Teilens fördert die kulinarische Gemeinschaft ungemein und bringt selbst Wildfremde schnell einander nah. Es kommen ja in China alle Tellerchen und Schüsselchen gleichzeitig auf den Tisch, und jeder bedient sich frei aus der Mitte. So kann, anders als bei uns, wo jeder nur stur den eigenen Teller leeren darf, das Essen selbst zum Thema werden. Man redet also über Tibet und das Erdbeben in Szechuan, über den olympischen Fackellauf und die Pekinger Politik, aber ab und zu dürfen alle ausruhen von der Schwere der Welt bei ein paar leichten Sätzen über die Kunst des Kochs.

Oder es wird eine Anekdote erzählt. Einer der Chinesen berichtete von einer Bustour seiner Eltern durch Europa. Die Touristen, unerfahren mit unserer Art des Essens, verfuhren in Brüssel, München, Paris nach guter chinesischer Art und bestellten nicht jeder für sich, sondern viele Teller für alle. Da wäre man dann doch gern dabei gewesen: Wie zehn Chinesen um einen Tisch sitzen, in dessen Mitte aus zwölf bis 14 Schüsseln Schweinebraten, Schnitzel, Gulasch und Würste dampfen – und alle fragen sich entsetzt, wie um Gottes Willen das jetzt funktionieren soll. Ganz ohne Stäbchen.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!