Fichtners Tellergericht: Jamies heiterer Fusions-Mampf - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht Jamies heiterer Fusions-Mampf

Bevor die Jamie-Oliver-Begeisterung das letzte Restchen kulinarischer Vielfalt vernichtet, kommt ein Warnruf von SPIEGEL-ONLINE-Besseresser Ulrich Fichtner. Lasst uns Sauerbraten à la Mama nicht vergessen!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie sehr Köche und ihre Stile immer schon Modeerscheinungen waren, dafür steht kein anderer so strahlend ein wie der "Koch der Könige und der König der Köche", Marie-Antoine Carême. Sein Talent brachte ihn an die Herde der Schönen und Mächtigen seiner Zeit, alle wollten von ihm bewirtet werden, Talleyrand in Frankreich, der spätere englische König Georg IV., der russische Zar Alexander I. Ihnen baute Carême Pasteten so groß wie Häuser, ihre Tische deckte er mit Fleischbergen und Buttertürmen zu, die heutzutage nur noch die gesamte EU unter großen Mühen zustande brächte. Wir, heute, backen kleinere Brötchen.

Und mit den allmächtigen Herrschern verschwanden die Carêmes. Der kleine Mann regiert sich jetzt selbst und sein neuer Leibkoch heißt: Jamie Oliver. Man könnte sagen, er ist der Harry Potter des Kochens, ein Zauberer in jedem Fall, denn er hat ein, zwei ganze Generationen verhext mit seinen Rezepten und selbst bornierteste Essmuffel in kleine Chefs am eigenen Herd verwandelt. Ich würde sagen, dass ihm dafür alle Orden gebühren. Er hat sich zweifellos um diese Welt verdient gemacht.

Sein Rezept für Karotten, die er mit Kräutern, Knoblauch, Cumin und Orangen kocht, ist Weltklasse, seine schnell überbackenen Fische unter Oregano-Krusten im Herd sind astrein; seine lässig gefüllten Bleche mit Fleisch und Gemüse und was sonst gerade auf dem Gewürzbord herum steht, machen Spaß, sind einfach und in aller Regel so, wie Essen sein soll. Kleine Feste im Alltag, für jedermann, und wenn sich überraschend noch drei bis vier Gäste zusätzlich einstellen, dann reicht es auch für sie.

Nervige Rundum-Verkostung

Ich denke, ich war bis hierher ausreichend dankbar und anerkennend für Jamie Olivers Können, und jeder merkt, dass meine Sympathie für ihn und seinen Stil nicht gespielt ist. Mein Problem ist nur: Der Mann ist mittlerweile so in Mode, dass er zum Diktator meines Lebens geworden ist. Der Erfolg des lustigen Engländers ist so durchschlagend, vor allem in Deutschland, dass ich dort von Freunden und Bekannten nicht mehr zum Abendessen eingeladen werde, sondern nur noch zu Jamie-Oliver-Gottesdiensten.

Wo immer ich jetzt hinkomme als Gast, gibt es als Vorspeise einen Jamie-Oliver-Salat, danach ein Jamie-Oliver-Geflügel-Blech, danach einen Jamie-Oliver-Crumble-Pie, und gäbe es Jamie-Oliver-Wein und Jamie-Oliver-Wasser, so bin ich sicher, dass ich nichts anderes mehr eingeschenkt bekäme. Aus Jamie-Oliver-Gläsern, wenn es die gäbe, und von meinen Gastgebern mit einem Jamie-Oliver-Lächeln serviert. So kann es nicht weiter gehen!

Ja doch, das Allermeiste, was Oliver vorschlägt, schmeckt, aber wenn auf Dauer die Abwechslung so völlig fehlt, dann wird am Ende alles öde und leer, und selbst wenn der Koch Alain Ducasse hieße und mir jeden Tag Trüffel vorsetzte. Ist es eine deutsche Eigenart, alle Dinge für die Ewigkeit regeln zu wollen? Muss auch für Kochrezepte gelten, was wir uns für Arbeitsverträge wünschen: dass sie halten für immer?

Veto für Klopse und Nudeln

Nun legt uns der "naked chef" auch noch in schneller Folge dauernd neue Kochbücher vor, er ist jetzt schon "genial italienisch" unterwegs und wird bald auch allen anderen Nationalküchen zuleibe rücken. Wo soll das enden? Werden wir bald nicht mehr Teil nehmen an der großen, bunten Welt des Kochens, sondern uns ein- für allemal auf den einen, unfehlbaren Papst namens Jamie einigen?

Mir ist das, wirklich, des Guten zu viel, und sollten Freunde von mir diese Kolumne lesen, dann mögen sie meine Bitten erhören: Ich möchte auch mal wieder Sauerbraten à la Mama vorgesetzt bekommen! Oder einfach Nudeln! Oder, von mir aus, Königsberger Klopse! Nur nicht immer Jamies heiteren Fusions-Mampf!

Nun ja, vermutlich wird sich alles von selber erledigen. Auch Oliver wird als Mode-Phänomen nicht ewig überleben können. Von Biolek spricht schließlich auch keiner mehr, und wer weiß, wie lange uns Tim Mälzer noch durchs Leben begleiten wird. Alles hat seine Zeit. Und Jamie Oliver hat derzeit seine. Ich sage hier offen: Wenn er dereinst abtreten wird, werde ich ihm dankbar sein. Aber vermissen? Werde ich ihn nicht.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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