Fichtners Tellergericht: Kaufen Sie ja keinen Käse! - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht Kaufen Sie ja keinen Käse!

Wer hätte das gedacht? Selbst die Franzosen fürchten die riesige Auswahl einer guten Käsetheke und kaufen lieber fade Fabrikware. Höchste Zeit, sich als Mäzen hervorzutun - und unsere bedrohte Käse-Kultur vor dem Untergang zu retten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Franzosen haben es mit hohen symbolischen Feierstunden, sie begehen immerfort Gedenktage an Kriege, Revolutionen und sonstige nationale Höhenflüge, und so wundert es nicht, dass am vergangenen Samstag der "nationale Tag des Käses" anstand. Prompt bildeten sich vor den kleinen Läden der Affineure längere Schlangen als sonst und die Leute ließen sich eintüten, woraus sich allerlei Gerichte, aber auch viele schöne Gedichte machen ließen.

Brie de Meaux und Fourme d'Ambert gingen über die Tresen, Beaufort, Cantal und Comté, dazu Rocamadour und Rocquefort, Pont l’Evêque und Camembert, Sainte Maure, Saint Nectaire, Epoisses und Chaource – die Liste ist lang, beneidenswert lang, man muss sie sich gesungen vorstellen, und wer am Ende seines Lebens in all die guten Stücke wenigstens einmal hinein gebissen hat, darf unter die glücklichen Menschen gezählt werden.

Käse ist in Frankreich nicht irgendein Lebensmittel. Er ist vielmehr ein dicker Baustein im Gebäude des Nationalstolzes und immer bringt er einen Bilderbogen schöner Heimat mit. Die vielen hundert Sorten sind Botschafter ihrer Regionen, ihre Namen verbinden sich mit den heiteren Flusslandschaften entlang von Loire und Rhône, mit den salzigen Wiesen in der Normandie, mit rauen Bergtälern in Savoyen, mit den grünen Hügeln der Picardie.

Angriffe der "Pasteurisierer"

Immer wieder einmal ist diese großartige Vielfalt bedroht, weil Welthandels- und andere Organisationen meinen, Käse aus Rohmilch könnte für die menschliche Gesundheit gefährlich sein. Nun, wenn das stimmen würde, dann wären Franzosen, Italiener und Spanier längst ausgestorben, und mit diesem Argument, unter anderen, haben sie es bislang stets geschafft, ihre Traditionen zu verteidigen und die Angriffe der "Pasteurisierer" abzuwehren.

Die wahre Gefahr für den guten Käse kommt, leider, aus ganz unerwarteter Richtung. Es sind die Konsumenten selbst, die sich abwenden, deren Lebensstile sich verändern, deren kulinarische Bildung schrumpft. Es gibt jetzt, auch in Frankreich, eine "Schwellenangst" vor der Tür des Käseladens, weil der Reichtum an der Theke viele heillos überfordert.

So greifen auch die Franzosen, eigentlich die geborenen Hüter des Weltkäseerbes, täglich beherzter in die Kühlregale der Supermärkte, und statt der handgemachten Originale aus der Provinz kommen die Kopien aus der Fabrik auf den Tisch. Bel, Bongrain und Lactalis heißen die Platzhirsche, die praktisch alles herstellen, was auch in Deutschland Käse heißt.

Die Großen Drei der Käseindustrie

Baby- und Bonbel, Fol Epi, Géramont, Chaumes, Etorki, Président, Salakis und natürlich "Le Tartare" – wann immer diese Fantasienamen fallen, haben die Großen Drei der Käseindustrie ihre Finger im Spiel. Ich vermute, sie staunen selbst über ihre Erfolge. Denn Bongrain konnte seinen Umsatz im Geschäftsjahr 2007 um 8,4 Prozent auf 3,4 Milliarden Euro steigern, Bel hat 1,9 Milliarden umgesetzt, gut 10 Prozent mehr, und Lactalis verzeichnete gar ein Umsatzplus von 32 Prozent auf 9,5 Milliarden Euro.

Natürlich haben nicht die Franzosen allein diese zusätzlichen Massen vertilgt. Die Konzerne arbeiten weltweit und rollen gerade Mittel-Ost-Europa inklusive Russland auf. Aber sie haben, die Franzosen, eben auch ihren Anteil daran. Gewiss stehen viele noch zur heimischen Ware. Und ja, es gibt jetzt auch Gegenbewegungen, die den Kult ums "terroir" feiern.

Trotzdem: Für die kleinen, traditionellen Produzenten ist jeder Kunde, der zur Industrieware überläuft, ein herber Verlust. Und jeder, der den Weg zum Echten findet, wird nicht nur mit großen Geschmackserlebnissen belohnt, sondern darf sich nebenbei auch als Mäzen einer bedrohten Kultur fühlen.

Wir Deutsche spielen dabei übrigens keine kleine Rolle. Der Chef des Bel-Konzerns wurde zitiert mit dem Satz: "Die starken, charaktervollen Käse sind wunderbar – aber sie verkaufen sich leider nur in Frankreich und Deutschland." Schau an. Wer hätte das gedacht. Nicht nachlassen!

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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