Fichtners Tellergericht: Maos Mampf macht müde - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht Maos Mampf macht müde

Die chinesische Küche ist reich an raffinierten Delikatessen. Sie kann aber auch brutal sein wie Maos Rache an der Bourgeoisie. Und wenn man sich dann noch in Richtung Russland bewegt, wird's richtig scharf - oder leider gerade nicht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Einmal noch darf ich mich aus China melden, aber diesmal geht’s russisch zu, denn es hat mich gerade in den fernsten Norden des Landes verschlagen, wo schon die Elche durch die Wälder streifen und breit der Amur fließt. Heihe heißt der Ort direkt an der Grenze zu Russland, vier Flugstunden nördlich von Peking, acht von Hong Kong, er gibt mir eine neue Definition von "ganz weit weg". In den frühen Abendstunden trifft sich die Bevölkerung zu Formationstänzen am Flussufer, später in der Nacht spricht sie dem Wodka zu. Denn es ist kalt in Heihe. Im Winter werden minus 40 Grad gemessen, jetzt, im kurzen Sommer, zehn. Dazu Nieselregen.

Mein Hotel "International" ist ein letztes Refugium des lupenreinen Staatssozialismus, ein Hochhaus direkt am Amur. Die Bar im elften Stock ist möbliert wie einst die Vergnügungsparks in der DDR, und die Kellner hantieren mit dem Charme von Grenzsoldaten. Das Hotelrestaurant ist zu allen Zeiten menschenleer, dabei so groß wie eine Turnhalle. Man sitzt darin wie eine Figur von Franz Kafka, einsam, ratlos, und wenn das Essen kommt, halb gefrorener Lachs, der irgendwie nach Nagellack-Entferner schmeckt, dann wäre man lieber woanders.

Besser, man nimmt ein Taxi und erkundet die kleine Stadt. Sie ist ein irgendwas zwischen verrotteten Blockhütten und Plattenbauten, dazwischen stehen in Stein ein paar neue Zeugen des chinesischen Aufschwungs, aber nicht viele. Heihe ist arm; wer nach dem besten russischen Restaurant fragt, wird immer nur auf zwei Läden verwiesen: namenlose Gaststätten, in denen Bilder von Sacre Coeur an der Wand hängen, weil der Besitzer glaubt, die Pariser Kirche sei der Moskauer Kreml. Knapp daneben ist auch vorbei. Und so ist es auch mit dem Essen hier.

Fiese Füllung

Um mir nicht die Moskauer Mafia auf den Hals zu hetzen, verschweige ich hier lieber meine Meinung über die russische Küche. Was allerdings in Heihe serviert wird, das ist beispiellos. Es gibt Eier, gefüllt mit schmieriger Leberpastete, Schweinekoteletts überbacken mit Schmelzkäse, Rib-Eye-Steaks ohne Rib Eye.

Der Sauerrahm in der Soljanka hat die Konsistenz von Mayonnaise; der angeblich echte Kaviar kaut sich wie Schießpulver. Es gibt gewürzte Kartoffeln in einem Panzer aus zerstoßenem Chili, ungenießbar, und Rehbraten, der verdächtig nach Hammel schmeckt. Das Brot kommt aus der Tüte, das Bier nicht aus dem Fass. Und wer nach Wein fragt, hat im schlimmsten Fall die "Große Mauer" Jahrgang 1985 im Glas, ein Tropfen, der den Gaumen trifft wie Maos späte Rache an der Bourgeoisie.

Aber die Chinesen hier sind dankbar für jede Abwechslung. Einmal, am Nebentisch, versammelte sich eine lustige Männerrunde, deren Mitglieder sich immerfort gegenseitig ihrer Freundschaft versicherten. Natürlich zogen sie bald auch die Fremden mit ein, und um die Völkerfreundschaft zu besiegeln, orderten sie das Bier palettenweise, füllten veritable Weingläser wieder und wieder bis zum Rand mit "Finlandia"-Wodka. Dass ich am Tag danach überhaupt noch aufgewacht bin, grenzt an ein medizinisches Wunder. Aber es war ein schöner Abend. Ein Totalausfall, kulinarisch, aber in sozialer Hinsicht ein großer Gewinn.

Einfach einfach

Insgesamt bin ich, nach fast drei Wochen China, ziemlich erschöpft, ehrlich gesagt, auch und gerade in kulinarischer Hinsicht. Ich fühle mich jetzt überreizt von Chinas Fülle, werde müde an seiner esskulturellen Pracht, die für den westlichen Esser ja trotz aller Herrlichkeit eine große Herausforderung bleibt. Ich ertappe mich dabei, hier in Heihe, an ein schnödes Stück Käse zu denken, an einen Apfel, an eine Hühnersuppe ganz ohne Ingwer, ohne Koriander, ohne China-Morcheln, ohne Chilischoten, Pak-Choi und Schweineinnereien.

Es heißt, jeder Stoff werde giftig in zu hohen Dosen. Das gilt auch für die nicht-stoffliche Exotik. Mich befällt, nach diesem Ritt durch Yunnan und Szechuan, durch Helongjang und Futian, durch Peking und Schanghai und Hong Kong ein Gefühl von kulinarischem Heimweh. Eine Sehnsucht nach dem Einfachen, Gewöhnlichen, Konventionellen. Aber auch das ist eine interessante Erfahrung.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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