Fichtners Tellergericht: Mehr Küche statt Comedy! - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht Mehr Küche statt Comedy!

Die Ära der TV-Köche neigt sich ihrem Ende zu. Was? Die hat doch gerade erst angefangen! Schon, aber das pointenlose Geplapper der Lafers und Wieners ist nur zu ertragen, wenn die kulinarische Leistung stimmt. Und die, weiß Ullrich Fichtner, lässt viel zu wünschen übrig.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vergangenen Freitag, als ich fast vor dem Fernseher eingeschlafen wäre, hatte ich mich endlich zum ZDF durchgezappt – und es liefen gerade "Kerners Köche". Im Halbschlaf wähnte ich mich in einem Alptraum, denn Andreas "C." Studer richtete eben sein "Scharfes Gulasch mit Vier-Farben-Paprika im Brotkörbchen" an. Nun, wer es nicht gesehen hat, möge mir glauben: Spätestens nachdem Studer seine "Körbchen" für die Kollegen portioniert hatte, sah das Ganze aus wie ein zerfetzter Wischlappen nach missglücktem Ölwechsel, aber immerhin "an" Kirschtomaten. Lustig fast, aber natürlich lachte wieder keiner, sondern alle "verkosteten" andächtig und logen sich die fernsehtauglichen Komplimente zurecht.

Und so ging es weiter. Sarah Wieners nachfolgender "Grießschmarrn mit Apfelmus", ein ausgesprochen kindisches, anspruchsloses Essen, sah auf dem Teller ebenfalls entsetzlich aus: eine Ruine schon vor der ersten Berührung, der ganze Schmarrn ein unansehnlich bröseliger Berg, daneben das Apfelmus wie ein umgekippter Tümpel in der Gegend von Tschernobyl. Ich schweige über Kolja Kleebergs "Tokany von der Kalbsleber mit Pallfy-Knödeln" und den ganzen anderen Ramsch dieser Sendung. Nichts hatte Form, nichts "stimmte", und deshalb glaube ich: Wir haben den Anfang vom Ende des TV-Koch-Booms gesehen.

Ich will diese steile These gern begründen. Als der Abflug der TV-Köche vor Jahren begann, stellten sie vor allem brav und gewissenhaft ihr Handwerk und seine Schönheiten aus, ein bisschen bieder, ein bisschen deutsch-verschmitzt, aber sympathisch, gemütlich und irgendwie ging es immer darum "was die Großmutter noch wusste", es ging ums Essen, um gute, alte Hausmannskost, um Rezepttipps, Bildungsauftrag, heimeliges Plauderstündchen. Um die Quote ging es nicht.

Von der Ess- zur Spaßkultur

Das Auftauchen des Schaumschlägers Biolek, der vom Kochen liebhaberisch wenig, von Fernsehunterhaltung aber sehr viel Ahnung hatte, markierte sozusagen die erste kleine Wende weg von der Ess-, hin zur Egal-wie-Spaßkultur. Und dieser Strang wurde schnell der übermächtige. Die soliden Handwerker sahen sich weitgehend in den Dritten Programmen wieder oder sie traten zu unmöglichen Sendezeiten auf, während die neuen "Küchenbullen" und Koch-Duellisten zur besten Stunde und national senden durften.

Selbst bei ihnen aber stand die längste Zeit das Essen selbst, seine gediegene Zubereitung doch immer im Mittelpunkt. Auch Tim Mälzer, der sich sonst für keine grobe Geste zu schade ist, kippte bei seinen Aufzeichnungsterminen im Studio doch die Gemüsepfanne in den Abfall und machte eine neue, wenn die erste misslungen war oder wenn sie nur, in seinen Worten, "scheiße aussah".

Eben dies, behaupte ich, war und ist das Rückgrat des TV-Koch-Booms: Es muss am Ende schon immer noch ums gute Kochen gehen, ums Essen, um die Konzentration auf dieses Wesentliche. Immerhin war das öffentliche Kochen immer eine Nostalgie-Veranstaltung. Wir fanden dort wieder, was aus unserem Alltag nach und nach verschwunden war. Bei Lafer & Co. konnte man für einen Moment lang Pause machen von den Zumutungen unserer kulinarischen Wirklichkeit, die sich zwischen Kamps-Salatcreme-Sandwiches und Maggi-Fünf-Minuten-Terrine "Kartoffelbrei mit Röstzwiebeln und Croutons" traurig abspielt. Wir wollten, weil es sonst niemand mehr für uns tut, sozusagen virtuell bekocht werden. Die TV-Köche hatten sentimentale Macht über uns.

Küchen-Comedy

Aber nun geht eben etwas vor, das mir neu vorkommt. Bei Kerner und anderswo halten sich die Köche nun selbst für das Ereignis. Sie kommen sich sehr witzig und amüsant vor. Es geht nicht mehr so richtig ums Kochen, sondern um eine Art Küchen-Comedy, und die Köche, sofern sie überhaupt noch welche sind, eifern gewissermaßen nicht länger Witzigmann nach, sondern Ingolf Lück und die zugehörigen Sendungen heißen dann: "Lafer Lichter Lecker".

Das Problem ist nur: Kolja Kleeberg und Sarah Wiener und all die anderen sind nicht komisch. Ihr pointenloses Geplapper ist nur zu ertragen, wenn ihre kulinarische Leistung stimmt, wenn sie irgendwie zirkushaft überzeugend ist oder wenn "Schönes" hergestellt wird. Daran hapert es nun. Und in dem Maße, in dem die selbstverliebten Köche ihr Handwerk nur noch nebenher und eben: lieblos aufführen, wenn sie Teller hinstellen wie jetzt bei Kerner, werden sich die Zuschauer von ihnen abwenden, darauf gehe ich jede Wette ein.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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