Fichtners Tellergericht: Nostalgie macht dick - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht Nostalgie macht dick

Toast Hawaii, Sahnesaucen, Butterhuhn - das Essen vergangener Jahrzehnte war vor allem schwer und fettig. Heute geht der Trend in Richtung künstlich angereichertes "functional food". Da können Sie essen, bis der Arzt kommt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von Zeit zu Zeit, wenn die Modeschöpfer ein, zwei Saisons lang selber erschöpft sind, rufen sie den Retro-Stil aus, und alles wird "Vintage". Die Tasche von vorgestern, die kaum mehr gut genug war, um darin die leeren Flaschen zum Container zu tragen, wird wieder hoffähig, die Jacke, die man schon für die Gartenarbeit weggelegt hatte, kommt selbst für Opernbesuche wieder in Frage. Auch unser Essen unterliegt solchen Konjunkturen, die Schöpfer heißen hier Köche, und transportiert wird alles in Zeitschriften wie "Elle".

Das schöne Magazin hat hier in Frankreich jüngst die Vintage-Küche ausgerufen und Fotografen beauftragt, die typischen Menüs der fünfziger, sechziger, siebziger, achtziger und neunziger Jahre in Szene zu setzen. Eine gute Idee und gut ausgeführt, denn wirklich steckte in den Bildern der Geist der verflossenen Epochen, und der Leser konnte seinen nostalgischen Gefühlen nachsteigen.

Es ging vom buttrig schweren Huhn nach Jägerart nebst Käsesoufflé und Crêpes Suzette aus den Fünfzigern in steiler Linie hinauf (oder hinab, je nach Perspektive) zu den minimalistisch-fettarmen Kreationen der Neunziger, wo auf großen Tellern kleine Portionen von geschichtetem Tomaten-Carpaccio und farcierten Mini-Gemüse angerichtet waren.

Dazwischen waren die sechziger Jahre perfekt erfasst in ihrer Liebe zur milden Exotik, die sich in Schinken Hawaii, Pfirsich Melba und Eiern "Mimosa" Bahn brach. Kerniger, poppiger auch, dann wieder die siebziger Jahre mit Krevetten auf Avocado, Chili con Carne und zum Dessert ganze Orangen, ausgehöhlt und mit Eis gefüllt. Genauso war’s, wobei, für Deutschland, auch an Schinken im Brotteig und Kasseler im Blätterteig zu denken gewesen wäre. Die Achtziger? Gemüsepasteten, Lachs-Rösti und große, pure Portionen gegrilltes Fleisch und Fisch, begleitet von Alessi-Geschirr und Leonardo-Gläsern. Viel mehr war wirklich nicht, damals.

Bei allen Unterschieden lassen sich einige Entwicklungslinien doch leicht ausmachen: Unser Essen hat sich in den vergangenen 50 Jahren vom Fetten hin zum Mageren bewegt, vom ausgestellten Überfluss zur bewussten Reduktion. Butter, Eier, Sahne, einst großzügig und fast bedenkenlos verwendet, spielen beim Kochen keine große Rolle mehr. Unser Essen hat sich, dank der stabilen Konjunktur des Olivenöls, gewissermaßen "mediterranisiert".

Was die Techniken angeht, so haben wir uns vom gut Durchgekochten wieder hin zum Rohen aufgemacht. Das Schmoren, einst die höchste Kunst der klassischen französischen Küche, scheint auszusterben auf breiter Front. Wir halten es heute mit Kurzbraten (gern auch im Wok) und Grillen, und den Fisch schieben wir – à la Jamie Oliver – für 8 bis 12 Minuten in den glühend heißen Ofen. Das schmeckt gut, und obendrein macht es so gut wie keine Arbeit, ein Kriterium, das ebenfalls steile Karriere gemacht hat.

Wer sich nun ein typisches Menü für unser Jahrzehnt am Beginn des 21. Jahrhunderts ausdenken wollte, würde vermutlich Fisch mit Chorizo kombinieren, es gäbe Thunfisch-Tartar asiatisch gewürzt, viel Hühnerbrust, gern gedämpft, wenig rotes Fleisch, viel rohen Fisch, Nudeln auch, und beim Abschmecken würden pazifische, japanische, chinesische Einflüsse eine große Rolle spielen, mit einem Tupfer Spanien hier und da.

What’s next? Nun, in der "New York Times" war neulich zu lesen, dass in Beverly Hills und Hollywood die Zeichen auf "functional food" stehen. Und weil jede Mode aus Kalifornien früher oder später auch Europa erreicht, lohnt sich ein Blick darauf.

Es geht um turbogesundes Essen, künstlich angereichert mit Vitaminen, mit Omega-3-Fettsäuren, mit sonst wie "guten" Wertstoffen. Manche Restaurants dort haben also begonnen, die Gerichte auf ihren Menükarten mit Gesundheitspunkten zu markieren, sodass es künftig nicht mehr einfach heißen wird: "schmeckt gut", sondern: "stärkt die Abwehrkräfte". Aber wär’s da nicht am besten, man schriebe auf den unteren Rand der Karte gleich: "Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker"?

In diesem Sinne: guten Appetit und gute Nacht!