Fichtners Tellergericht Nudeln im großen Eimer
Glücklich der Mensch, der in Chinas tiefem Süden Kunming erreicht und dort spätnachts das 24-Stunden-Nudel-Restaurant der Gebrüder Jiang. Es ist eine wüste Spelunke, auf dem Boden stehen Plastikwannen mit verdrecktem Geschirr und Essensresten, an niedrigen Tischen hocken Polizisten und Krankenschwestern auf Nachtschicht zusammen, sie trinken Bier aus großen Flaschen und rauchen Zigaretten, als würden sie dafür bezahlt. Es ist ein Ort, wie von Steven Spielberg für Indiana Jones erfunden, exotisch, um das Mindeste zu sagen, aber man tritt ein und weiß schlagartig, warum es heißt, dass Reisen bildet.
"Nudeln über die Brücke" im Jiang-Restaurant: Man denkt schon vorher an die Schnäpse danach
Foto: Mads NissenIch kam dort an um zwei Uhr nachts, mein Flugzeug hatte sieben Stunden Verspätung, und so gab es statt einem Abendessen einen Nachtimbiss. Mein chinesischer Übersetzer fand den Laden, er weiß, dass ich nicht auf westliche Hamburger, sondern auf fernöstliche Abenteuer aus bin, und also saßen wir bei den Gebrüdern Jiang, die in ihrer offenen Küche um eine Batterie dampfender Töpfe tanzten, die erloschenen Kippen im Mundwinkel, in den Händen großes Gerät und auf der Stirn den Schweiß harter Arbeit.
Die Spezialität des Hauses und der ganzen Provinz Yunnan sind die "Nudeln über die Brücke". Kein Mensch weiß wirklich, woher der Name kommt, es gibt nur Legenden, die alle langweilig sind und wie frei erfunden klingen. Besser wäre es ohnehin, das Gericht "Nudeln im großen Eimer" zu nennen, denn sie werden in ungefähr zwei Litern Hühnerbrühe pro Person zu Wasser gelassen. Aber der Reihe nach.
Wir bestellten das große Gedeck für 58 Yuan, macht 5 Euro 30 Cent, dafür mussten die Kellner sehr viel laufen. Sie brachten zuerst die Suppeneinlagen: Pro Person fünf Tellerchen, darauf Tofustreifen, Basilikumstängel, rohe Wachteleier, Shitake-Pilze, Wildpilze. Danach noch einmal fünf Tellerchen für jeden, mit korianderartigem Kraut, Stücken vom geräucherten Ziegenkäse, Bambusschoten, Ingwer, die zehnte Zutat habe ich vergessen, denn nun kam pro Person auch noch eine große Platte rohes Schweinefleisch auf den Tisch, mit Yunnan-Schinken, Speck, Scheiben von Nacken und Bauch und weitere Stücke, über die ich Genaueres nicht wissen will. Ein rustikales Festmahl in jedem Fall. Man denkt schon vorher an die Schnäpse danach.
Eine ehrliche Sache
Die Suppe kam zuletzt, eine sehr große Schüssel für jeden wie gesagt, geschätzt zwei bis zweieinhalb Liter. Die Brühe kochte fast noch, das soll sie auch, denn es ist insgesamt ein Ding zwischen Suppe und Fondue. Alle Einlagen werden mit schnellen Gesten untergerührt, die Pilze, die Kräuter, die Eier, das Fleisch, dazu noch eine große Schale Reisnudeln so lang wie Spaghetti und dann stehen sie vor einem, die "Nudeln über die Brücke". Es ist ein bäuerliches Gericht, keine Offenbarung, aber eine ehrliche Sache. Ein paar Messerspitzen Chilipaste tun dem Ganzen gut, dann sitzt man und löffelt und müht sich vor allem, die glitschigen, pochierten Wachteleier mit den Stäbchen irgendwie zu erhaschen. Dazwischen hat man Zeit sich umzuschauen. Und das ist im Grunde auch der eigentliche Reiz.
In Yunnan werden 25 große ethnische Minderheiten gezählt, sie haben Namen wie Yi und Bai, Dai und Miao, Burma ist nah, Laos und auch Thailand, in jener Nacht schien es, als hätten sie sich alle bei den Jiang-Brüdern verabredet, und so fühlte ich mich wie in einem Völkerkundemuseum. Aber die Menschen und Gesichter ringsum waren lebendig und echt, und auch das Geräusch vom Nebentisch, wenn wieder einer den Rotz hoch zog und neben sich unter den Stuhl spuckte, kam nicht vom Band.
Gegen vier Uhr morgens wurde das Reden lauter, viel Bier war schon geflossen und scharfer, weißer Schnaps, ich stellte mich innerlich ein auf eine baldige Schlägerei. Aber sie blieb aus. Die Chinesen, auch die in Yunnan, sind sehr überwiegend ein sehr freundliches Volk, und ihre Kunst, einen Wildfremden in ihren Reihen vollständig zu ignorieren, ist unübertroffen. Die Kochkunst? Nun, China ist ein sagenhaft großes Land und folglich gibt es alles zwischen sagenhaft unter- und überirdisch, mit den Gebrüdern Jiang irgendwo dazwischen.
Aber bekanntlich isst das Auge ja mit, und auch das Ambiente zählt viel. Was das angeht, spielt diese Suppenküche in Kunming, tief im Süden Chinas, in der Champions League ganz oben mit. Drei Sterne allein für den Wachmann mit den Zahnlücken, der in zerschlissener Uniform herumlungerte und aus den Nasenlöchern perfekte Ringe aus Rauch blies.
In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!