Fichtners Tellergericht Oh Gott in Frankreich
Wer glaubt, dass Frankreich kulinarisch gesehen die beste aller Welten ist, hat natürlich Recht. Wer die Provinzen dieses Landes durchstreift, steht noch immer baff vor so viel himmlischer Fülle, ein langes Leben reichte nicht, sie zu erfassen, jede Region ist eine Schatztruhe uralter Esskultur. Man könnte endlos schwärmen von der normannischen Butter, von bretonischem Salz, von den Trüffeln im Südwesten, den Würsten im Nordosten, von den Bergkäsen, den Bresse-Hühnern, den rosigen Keksen aus Reims, von den Bäckern in Paris. Wunderbar!
Und doch, trotz dieser vielen Schokoladenseiten, muss auch Frankreich zu den Ländern gezählt werden, in denen der Industriefraß seit Jahren sagenhaft erfolgreich ist. In den Hypermarchés stockt einem der Atem angesichts der Masse an fix und fertig verpackten "plats cuisiniés", das klingt gut, heißt aber auch nur "Fertiggericht".
Bei "Picard", einer Kette, die sich ausschließlich auf Tiefkühlkost spezialisiert hat, geht man durch Läden wie durch Leichenhallen: Eisschränke, soweit das Auge reicht, gefüllt mit schockgefrosteter Ware aller Art. Und folglich hat auch Frankreich seine Skandale ums Essen.
Immer mal wieder fliegt ein Großfleischer auf, der 650.000 Büchsen Gammelfleisch als Corned Beef unter die Leute bringen will oder der tonnenweise Abfall als Merguez auf den Markt wirft. Es ist ein Jammer, aber vor allem ist es ein Rätsel, warum auch die Franzosen, die so herrlich aus dem Vollen schöpfen könnten, immer öfter auf den sterilisierten, vakuumierten, gefriergetrockneten Ramsch aus der Fabrik zurück greifen.
Die Wahrheit ist, und sie ist schmerzlich, dass im Land der kulinarischen Weltmeister eine Art Germanisierung oder, wers lieber hört: Amerikanisierung vor sich geht. Die Leute äffen unseren bewusstlosen Lebensstil nach, sie beschmieren sich Tütenbrote mit Schmelzkäse, was im Land der Baguettes und der tausend Käsesorten nun wirklich eine Schande ist. Sie schieben sich, genau wie wir, immer öfter die Tiefkühl-Lasagne in die Mikrowelle, sie brühen sich, wie wir, die versalzenen Plastikbecher-Suppen auf.
Die Käseplatte als Sinnbild der Krise
Die Käseplatte ist ein Sinnbild der Krise, jahrhundertelang beschloss sie jedes Essen jeder Familie, heute ist sie nur noch ein schönes Klischee aus alten Bilderbüchern und feiert kurze Wiederauferstehung nur an Sonn- und hohen Feiertagen. Ähnlich ist es dem Drei-Gänge-Menü ergangen, das eine französische Selbstverständlichkeit war, auch wenn sich das in Deutschland niemand vorstellen kann. Heute aber sind die allermeisten Mahlzeiten längst auf zwei Gänge geschrumpft, und immer öfter sehe ich hier in Paris Leute, die mittags nur noch einen Gang bestellen, wenn sie nicht ohnehin längst in die Sandwich- und Hamburger-Fraktion übergelaufen sind.
Natürlich: Der Verfall geht von so hohem Niveau aus, dass die Folgen nicht gleich verheerend sind. Es wird noch immer, überall, sehr gut gegessen in Frankreich, die guten Produkte sind noch zu haben und das Allgemeinwissen der Menschen über die Dinge des Essens ist groß. Aber es ist Gefahr im Verzug, langfristig. Es setzt ein Sterben der Produzenten ein. Käsemacher geben auf, weil sie ihre Ware nicht mehr los schlagen, Bauernhöfe werden still gelegt, und zwar drei pro Tag!, weil sie im Preiskampf der Agrar-Industrie nicht mehr bestehen, Winzer roden ihre Weinberge, weil viele Leute jetzt lieber Bier trinken oder den "Beaujolais américain" namens Cola light.
Es verändert sich, anders gesagt, das ganze Gebäude der französischen Sitten. Es ändern sich die Vorbilder, die Lebensweisen, die Stile, die Konzepte. Die dünnen Damen genannt "Desperate Housewifes", die schlanken Schicksen aus "Sex and the City", sie sind auch in Frankreich übermächtige Rollenmodelle, und sie vertragen sich nicht gut mit fettem Käse, goldener Butter, mit Hühnern in Trüffelsahne oder Rindskotelett in Rotwein. Ach, Frankreich! Aus reinem Eigennutz wünschte ich mir, dass genau jetzt, in dieser Sekunde, die Zeit stehen bliebe. Auf dass wir alle noch lange, lange genießen können à la française.
In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!