Fichtners Tellergericht Philosopheneier, weichgekocht
Im Dezember erscheint ein Buch, das mir nicht auf den Nachttisch kommen wird. Schon der Titel verursacht mir Bauchweh, denn das Werk wird heißen: "Essen als ob nicht", Untertitel: "Gastrosophische Modelle", und da bahnt sich, wenn nicht alles täuscht, eine intellektuelle Gastritis schärfster Ausprägung an.
Essen als ob nicht. Im Herbst-Katalog von Suhrkamp steht schon der zugehörige Klappentext, an dem so ziemlich alles von gestern ist. Es wird gequakt vom "Popstar" Jamie Oliver und von Ferran Adrià, dessen documenta-Einladung das Kochen "endgültig zum kulturellen Medienspektakel" gemacht habe. Gleichzeitig gehe es in "industriellen Großküchen weit weniger appetitlich zu" und "diese Diskrepanz", so heißt es, "wurde bisher selten ausreichend bedacht".
Nun, ich bitte um Entschuldigung, aber für wen gilt denn das? Schließlich wurde in den vergangenen paar Jahren fast nichts derart "ausreichend bedacht" wie eben "diese Diskrepanz" zwischen gutem und schlechtem Essen. Noch das hinterletzte Branchenblättchen hatte früher oder später eine Sondernummer "Gesund genießen", aus dem Fernseher flimmern die zugehörigen Botschaften ununterbrochen, und immerhin sind ja auch ein paar Bücher erschienen, so dass man sagen kann: Eigentlich hat bislang nur Suhrkamp das Thema verschlafen.
Dafür versprechen die Herrschaften jetzt nichts weniger als einen "gastrosophical turn". Das steht da, kursiv gedruckt, so als wären die Buchstaben selber erschrocken vor lauter Blödsinn. Eine gastrosophische Wende? Analog zum einst und bis heute in den Geisteswissenschaften so bedeutsamen "linguistic turn"? Und das heißt dann: "Essen als ob nicht"?
Der deutsche Kulturbetrieb, der sich auf der Frankfurter Buchmesse bald wieder feiern wird, findet in Wahrheit keine Antworten auf die schöne Karriere der Esskultur, er sucht sie noch nicht einmal. Das intellektuelle Personal der Republik steht blind vor der kulinarischen Globalisierung, stumm vor dem neuen Alltagsleben zwischen Mikrowelle und Meisterküche, es steht taub vor den vielen neuen Medienphänomenen, und zu Köchen und Küchen fällt ihm nichts weiter ein, außer dass es hoffentlich irgendwie satt macht und dass man darüber Bücher veröffentlichen könnte mit dem Titel: "Essen als ob nicht".
Wunder des Fortschritts
Da bedanke ich mich schön und wende mich der wirklich einschlägigen Literatur zu, den Kochbüchern, die einerseits immer besser, andererseits aber auch immer lästiger werden. Wer Gelegenheit hat, ein Kochbuch aus den siebziger oder achtziger Jahren noch einmal in die Hand zu nehmen, der sollte das ab und an tun, um sich davon zu überzeugen, wie stürmisch der Fortschritt seither verlaufen ist, gestalterisch wie inhaltlich, es grenzt an ein Wunder.
Aber leider geht der Gewinn an anderer Stelle auch gleich wieder flöten, weil die Verlage fast nur noch mit dem Promi-Faktor des Fernsehens auf Leserfang gehen. Die einschlägigen Titel heißen dann: "Das große Sarah Wiener Kochbuch", "Alles Poletto!", "Kerners Kochbuch" und natürlich "Born to cook", dahinter steckt Mälzer. Aber jetzt mal ehrlich: Brauchen wir diese Bücher? Haben wir auf sie gewartet? Haben sie uns als Köche, als Genießer weiter gebracht? Ich meine: Kerners Kochbuch. Sarah Wiener. Bringt man das einfach so zu Einladungen mit, weil einem nichts einfällt? Und Mälzer: Was hat der Mann, was Jamie Oliver nicht lange vorher fünfmal hatte?
Nun gut, ich gebe zu, ich hatte immer schon einen Zug zum eher Klassischen. Und wer mir darin folgt, dem kann ich ein schönes neues Buch empfehlen, es heißt "Kochschule" und stammt von Eckart Witzigmann und Ewald Plachutta (das ist ein Wiener Rindfleischkoch). Der Verlag hat eigentlich alles falsch gemacht, muss man sagen, denn das Buch ist keine Kochschule, jedenfalls keine für Anfänger, und es ist auch ganz bestimmt nicht die "Bibel der guten Küche", wie es im Untertitel heißt, aber egal. Davon abgesehen ist es trotzdem ein schöner, dicker Wälzer mit schönen, sinnvollen Fotos, die Rezepte fühlen sich durchweg "richtig" an, man freut sich durchgängig an einem durchdachten Spiel von Grundrezepten und Variationen und wird sozusagen schon beim bloßen Lesen ein besserer Koch. Sowas gibts.
In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!