Fichtners Tellergericht: Ramsch im Getriebe - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht Ramsch im Getriebe

Edel speist das Katzentier, doch, oh Graus!, was fressen wir? In Deutschland werden Haustiere oft genug verköstigt wie Könige, nur wir Menschen essen auch ohne Not wie Bettler. Das ist nicht nur ungesund, sondern auch zynisch!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer wissen will, was kulinarisch wirklich los ist in der Welt, der muss nur mit offenen Augen durch einen Supermarkt gehen und die Preise vergleichen. Er wird dabei fest stellen, dass es völlig normal und alltäglich ist heuzutage, dass 100 Gramm Katzenfutter der Marke "Felix Schlemmer-Paté mit Hähnchen" fünf bis acht Cent teurer sein können als der "Premium-Schweinerücken" von der Schlachtertheke, er wird lernen, dass französische Maishühner oft nicht teurer sind als das Hundefutter "César", und natürlich kostet das Öl für den geliebten Automotor stets mehr als die allermeisten Öle, die wir uns ins körpereigene Getriebe kippen.

Essen ist Ramschware geworden, Tiere, Pflanzen, Lebensmittel sind auf den Wühltischen der Globalisierung gelandet, und es soll niemand glauben, das sei immer so gewesen. In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts, und das ist bei Licht betrachtet gar nicht so lange her, mussten die deutschen Haushalte glatt die Hälfte ihres Einkommens fürs Essen ausgeben, diese Kennzahl ist in Deutschland geschrumpft auf 11 Prozent und weniger, dahinter steckt eine ungeheuerliche Umschichtung.

Man kann sagen, wir sparen uns die iPods und die DVD-Player, die Rollerblades und die Autos buchstäblich vom Munde ab. Essen muss billig sein – damit es unseren sonstigen Konsumgewohnheiten nicht störend in die Quere kommt, es hat sich einzufügen in einen "Way of Life", der uns vorschreibt, dass originelle Klingeltöne fürs Handy wichtiger sind als die Qualität von Butter oder Brot, und das ist, finde ich, ein starkes Stück.

Wer deshalb ständig darüber klagt, dass er kein Geld fürs bessere Essen hat, und ich bekomme solche Leserbriefe ständig, der schweigt in der Regel davon, wofür er sein Geld wirklich ausgibt. Wir, das heißt: die allermeisten von uns, leben nicht wirklich in einer Welt des Mangels, sondern in einer Welt absurd veränderter Prioritäten. Ich kenne Leute, die sich tagein, tagaus von Leberwurstbroten ernähren, damit sie die Leasing-Raten fürs Auto abbezahlen können. Ich kenne Leute, die sich für Fernreisen und sinnlose Elektrogeräte auf Jahre hinaus verschulden, aber fürs Essen jeden Cent nur mit größtem Widerwillen ausgeben. Sind das vernünftige Prioritäten?

Natürlich: Es kann und soll jeder tun und lassen, was er will. Nur schadet es nichts, die eigenen Lebenseinstellungen von Zeit zu Zeit zu überprüfen. Es schadet nicht, sich Rechenschaft abzulegen über schlechte Angewohnheiten, über bewusstloses Konsumieren, es schadet nicht, ab und zu kurz innezuhalten und sich zu fragen: Will ich das, dieses Leben, das ich führe, wirklich? Oder könnte auch alles ganz anders sein?

Unzufriedenheit im Überfluss

Ich weiß schon, das klingt hochtrabend, moralisch, altmodisch. Aber Essen und Trinken sind existenzielle Notwendigkeiten und so ist es kein Wunder, dass sich existenzielle Fragen mit ihnen verbinden. Wer isst, wer trinkt, wer sich mit Lebensmitteln versorgt, trifft Entscheidungen, die über das bloße Sattwerden weit hinaus gehen. Du bist, was du isst – das ist ein Sinnspruch so abgedroschen, dass es weh tut, aber wer Fleisch einkauft billiger als Katzenfutter, der hat allen Grund über ihn nachzudenken.

Ja, ich gebe es zu, ich hatte beim Schreiben dieser Kolumne schlechte Laune. Das mag damit zusammen hängen, dass ich eben, in meinem eigentlichen Hauptberuf als SPIEGEL-Reporter, drei Wochen lang durch den Irak gereist bin. Dort geht es wirklich um Mangel, dort geht es um Trinkwasser und um Mehlrationen, es geht darum, irgendwie satt zu werden, die Kinder durchzubringen, es geht darum zu überleben. Vielleicht geht mir deshalb die ewige deutsche Unzufriedenheit im Überfluss gerade ganz besonders auf den Wecker, wer weiß.

Aber mein eigentlicher Punkt hier ist ein anderer. Ich lerne, wenn ich mit echter Not konfrontiert bin, unser schönes, westeuropäisches Leben noch mehr zu schätzen als ich es ohnehin schon tue. Ich fühle mich aufgefordert, an diesem schönen Leben nicht immerfort herumzumeckern, sondern an ihm teilzunehmen und das Beste aus ihm zu machen. Nein, es ist kein Zynismus, über gutes Essen zu reden, obwohl andere bitter hungern müssen. Zynisch ist es vielmehr, den eigenen Reichtum überhaupt nicht mehr zu begreifen, ihn für selbstverständlich zu halten, blind zu werden für ihn. Zynisch ist es, ohne Not Dreck zu fressen, obwohl man frei wäre, es nicht zu tun. Zynisch ist Katzenfutter teurer als Fleisch.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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