Fichtners Tellergericht Rechnen Sie mit Fischstäbchen!
Am Mittwoch sind in Hamburg, ich zitiere: "die begehrten Branchenpreise für die besten Verkaufsförderungsaktionen im deutschen Lebensmitteleinzelhandel" vergeben worden. Bei so einer Pressemitteilung horche ich auf und vermelde gern das Ergebnis: Gewonnen hat Coca Cola für seine Idee des "Coca Cola Flag Team", Untertitel: "Werde Flaggenträger bei der WM 2006". Nun, ich will es gar nicht genauer wissen und gratuliere trotzdem: Bravo, Coca Cola!
Gewonnen hat auch die Harry-Brot GmbH für die Aktion "Ein Brot hat viele Gesichter". Und außerdem Nestlé mit der schönen Aktion "Spielend lernen mit Smarties". Ich verzichte darauf, hier alle weiteren Gewinner aufzuzählen, obwohl in der Liste durchaus noch amüsante folgen (so etwa die "Supermarkt Dütmann Gartmann GmbH", die einen Nachwuchs-Sonderpreis für die Aktion "Halloween-Kürbisschnitzen" erhalten hat). Ich ende hier und frage einfach: Was, bitte, lernt man spielend mit Smarties?
Geht es darum, eins und eins zusammenzuzählen? Oder erste Buchstaben zu legen? Oder die Farben zu kennen? Oder lernt man mit Smarties nicht in Wahrheit, wie man binnen weniger Wochen sein Übergewicht spielend verdoppeln kann? Und wie einem ratzfatz die kariösen Milchzähne ausfallen? Und wie man die helle Couchgarnitur im Wohnzimmer für alle Zeiten ruiniert? Geschenkt. Es ist das alte Lied: Werbung lügt.
Süße Idee für Pisa
Aber es gibt doch interessante Tendenzen. Im Augenblick muss alles irgendwie gesund sein, mit der absurden Folge etwa, dass jetzt schon für Gummibärchen damit geworben wird, dass sie "gesundes Calzium" enthielten. McDonalds schaltet reihenweise Anzeigen, die aussehen wie aus dem Ärzteblatt ausgeschnitten, um uns die Nährwerte von McRib und Fishmac in Tabellen vorzurechnen. Was kommt als nächstes? Werden sie uns bald weismachen, dass der gute, alte Schokokuss gesund ist, weil er sich im Blut in "wertvollen Zucker" verwandelt?
So gesehen ist die Sache mit den Smarties tatsächlich innovativ. Hier wird schließlich nicht von gesundheitlichem, sondern von kulturellem Mehrwert geredet. Man verschreibt Süßigkeiten gegen den Pisa-Schock sozusagen, darauf muss man erst mal kommen.
Und vieles ist vorstellbar in dieser Richtung. Iglo könnte punkten mit einer Kampagne à la "Rechnen mit Fischstäbchen", Maggi könnte auf Allgemeinbildung in Sachen Erdkunde machen und "Mit Fünf-Minuten-Terrinen in 80 Tagen um die Welt" reisen. Man könnte Salzstangen mit Mikado zusammen bringen ("Fördert die Abstraktionsfähigkeit"), und Schokoriegel mit Prozentrechnen ("Jetzt 25 Prozent größer"), man könnte die aufgedruckten Zutatenlisten als Lese- und/oder Chemietests verkaufen und, wer weiß, Rahmspinat irgendwie als Kunst vermarkten, und dann wäre man endlich bei Ferran Adrià.
Kassel-Gequassel
Von ihm gabs nämlich auch schon wieder Neuigkeiten diese Woche, und sie machen ihn zum heißesten Anwärter auf den Preis "für die beste Verkaufsförderungsaktion im spanischen Gaststättengewerbe". Was ist passiert? Nach Monaten des Raunens und Spekulierens darüber, ob und warum und wie Adrià zur documenta in Kassel eingeladen wird, nach ellenlangen, ermüdenden Feuilletons zum Thema Kochen und Kunst, wurde nun bekannt gegeben, worin Adriàs großartiger Beitrag zur großartigen Kunstschau besteht: Er wird in seinem Restaurant "El Bulli" kochen.
Wie bitte? Das macht er doch sowieso immer? Nein, nein, sagen sie bei der "documenta", es ist ganz anders, nämlich so: "Die Form, die Ferran Adrià fand, um die kulinarische Welt der avantgardistischen Küche mit der Welt der Kunst zu verbinden, besteht darin, dass sein Restaurant El Bulli kurzerhand zum Ausstellungsort von documenta 12 wird." Tja, da staunt der Laie. So einfach ist es, bei der documenta mitzumischen. Das ist Verarschung? Könnte man so sagen. Aber eleganter wärs, Ferran Adrià endlich als das zu betiteln, was er ja auch von Berufs wegen schon lange ist: ein Schaumschläger, ein genialer.
In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!