Fichtners Tellergericht: Smutjes der Lüfte - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Fichtners Tellergericht Smutjes der Lüfte

Gulasch aus der Dose, Lachspamps aus der Tube - bei diesen Scheußlichkeiten des Fast-Food-Alltags bleibt dem SPIEGEL-ONLINE-Besseresser Ullrich Fichtner die Spucke weg. In seiner Kolumne spießt er die Auswüchse des Niedergangs der Esskultur auf. Heute: Das Elend des Essens auf Flugreisen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn in Aluschalen trauriges Gemüse neben verkochtem Fleisch zerfällt und die Nudeln einen Biss haben wie iPod-Kabel, wenn sich der Reis häuft wie vertrockneter Hüttenkäse und zum Nachtisch gechlortes Obst an staubigen Crackern gereicht wird, dann – befindet man sich an Bord eines Flugzeugs. Jeder weiß es: Das Fast Food der Airline-Caterer kommt auf den Klapptisch, als wäre es in der Liste der weltweit verbotenen Kampfstoffe vergessen worden.

Man kann sich darüber empören oder aber amüsieren, und das ist vielleicht kein schlechter Weg, den Zumutungen des Essens im Fluge zu entkommen. Ein Mittdreißiger aus Rotterdam, er stellt sich als Grafik-Designer vor, hat eine Mitmach-Seite zum Thema Flugzeugessen geschaffen, ein sehr verdienstvolles Projekt. Dort sind mittlerweile 17.000 Tablett-Fotos versammelt, eingesandt von hungrigen Vielfliegern, und es ist wirklich alles dabei.

Neben Alten und Neuen Meistern von Air France bis Emirates und Lufthansa bis Thai Airways bieten sich teils bestürzende Ausblicke auf die Klapptische von Chautauqua und Azerbaijan Airlines, man kann sich durch grausige Stillleben klicken arrangiert von Air Mongolia bis Ethopian Airlines, es ist, für den sensiblen Esser, eine schrecklich-schöne Geisterbahnfahrt, die ich hiermit jedem empfehle.  Insgesamt scheint es selbst bei gutem Willen sehr schwer zu sein, dem Fluggast ein anständiges Mahl zu bereiten. Bei Singapore Airlines, wo man sich ja redlich um das Leibeswohl bemüht, wissen sie das besser als irgendwo anders. Im Stadtstaat dort haben sie ein regelrechtes Test- und "Sensorik"-Labor gebaut, in dem sie Weine und Biere, Kalbfleisch und Lachs unter den realen Bedingungen einer Flugreise verköstigen lassen. Die Ergebnisse sind höchst verwirrend, und sie zeigen, wie komplex doch der Prozess des Schmeckens ist.

Jedem Flugzeug sein eigener Koch!

Was auf Erden süß daher kommt, kann sich in der staubtrockenen Atmosphäre einer Boeing 747 in 30.000 Fuß Höhe glatt ins bittere Gegenteil verwandeln. Und ein Bordeaux, der am Boden an Brombeeren und Kirschen erinnert, verwandelt sich in der Luft zu einer Brühe so ungenießbar wie Rohrreiniger. Was tun?

Niemand weiß es. Aber nun ist es doch so, dass die Leute von Airbus im Moment ohnehin noch einmal über alles neu nachdenken müssen, "Power 8" nennt sich das Sparprogramm, und statt einfach ein paar zehntausend Leute zu entlassen, könnte man ja auch darüber nachdenken, die Arbeitsplätze sozusagen auf Dauer kulinarisch abzusichern. Wie das gehen soll?

Nun, es könnte eigentlich ganz einfach sein: Der sagenhafte Airbus A-380 ist so sagenhaft groß, dass sich darin spielend ein, zwei Küchen unterbringen ließen. Und ist das nicht eine schlagende Idee? Echte Köche an Bord? Mit kompletten Brigaden vom Poissonier bis zum Rôtisseur? Smutjes der Lüfte? Ein herrlicher Gedanke, eine preiswürdige Innovation! Und dabei auch noch, wie die Wirtschaftsmenschen sagen, eine "unique selling position"!

Gewiss, der Vorschlag würde die Lieferzeiten bei Airbus noch weiter verlängern. Aber das spielt nun offenkundig auch keine Rolle mehr. Und außerdem: Wer wird danach fragen, wenn er hinterher ein ordentliches Essen bekommt? In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

Mehr lesen über