Fichtners Tellergericht: Verschlungen und verschwunden - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht Verschlungen und verschwunden

Ein Motorradbote aus Genf plant eine Fresstour durch die besten Restaurants Europas. Und verschwindet spurlos nach einem Sterne-Menü. Ullrich Fichtner über einen Gourmet mit monströsen Zügen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es wird niemanden verwundern, dass olympische Spiele kulinarische Totalausfälle sind. Wer sich im Tross von 20.000 akkreditierten Journalisten bewegt, kann nicht viel mehr als Kantinenkost und Hamburger erwarten. Das ist in Peking jetzt nicht anders, als es in Athen vor vier Jahren war. Deshalb sitze ich hier in China, darf Mr. Phelps dabei zuschauen, wie er seine Siege in Serie abliefert und wie die Koreaner kunstvoll mit Pfeil und Bogen schießen. Aber mein Blick geht zurück nach Europa, genauer: in den Vorgarten des Restaurants El Bulli.

Dort war ein Mann verschwunden, der im Mittelpunkt eines kulinarischen Dramas steht, wie die Welt noch nie eines erlebt hat. Sogar die Polizei suchte schon nach Pascal Henry, einem Schweizer, der der Welt auf mysteriöse Weise abhanden gekommen war.

Die französische Zeitung "Le Monde" hat seine Geschichte diese Woche haarklein erzählt, ich kann mich hier nur auf die Grundzüge beschränken, die man leicht zum Drehbuch eines Thrillers verarbeiten könnte: Es geht um einen gastronomischen Amoklauf, Aktenzeichen XY.

Henry galt als vermisst seit dem 12. Juni, als er gerade die vierzigste von 68 Etappen einer unglaublichen tour de force hinter sich gebracht hatte: Der Schweizer wollte binnen dreier Monate 68 Drei-Sterne-Restaurants besuchen, nichts weniger. Am 5. Mai war er bei Paul Bocuse in Collonges-au-Mont-d’Or gestartet, am 11. Juli wollte er das Ziel erreichen, mit einem Abendessen bei Alain Ducasse im Pariser Plaza-Athénée. Aber dazu kam es nicht.

Nach dem Geschmacksrausch von Ferran Adriàs "techno-emotionaler" Küche (so nennt er sie inzwischen selber), nach den 30 Tellerchen, Schälchen und Gläschen Marke El Bulli erhob er sich, um, wie er sagte, aus dem Auto eine Visitenkarte zu holen, aber er kam nie zurück. Auch nicht zum Bezahlen. Aber ein simpler Zechpreller war der Mann ganz gewiss nicht.

Rares und Bares

Er zahlte bar: Am 6. Mai bei Philippe Rochat in Crissier; am 7. in Valence bei Anne-Sophie Pic; am 8. und 9. bei Georges Blanc in Vonnas und bei Gérard Rabaey in Pont de Brent, alle vom Michelin mit drei Sternen bedacht. Und er nahm immer das Menu Dégustation, das große Spiel, acht Gänge, zehn, zwölf. Er speiste bei Guy Savoy in Paris, bei Bernard Loiseau in Saulieu.

Er fuhr zu den großen Köchen nach Deutschland, zu den italienischen Meistern. Tag für Tag, Abend für Abend ein Fest, das Beste vom Besten, der gastrosophische Overkill. Acht Kilo nimmt er zu in diesen Wochen, das berichtet er Verwandten, er muss den Magen eines Ochsen haben.

Im El Bulli, nach seinem Verschwinden, bleiben sein Hut zurück und ein Buch, darin Widmungen, Autogramme und Fotos der 40 Köche, die er bis dahin beehrte. Paul Bocuse hatte ihm die Kladde geschenkt, fasziniert vom Projekt dieses Fressnarren aus der Schweiz. Und Bocuse war es auch, der seinen Kollegen den seltsamen Gast stets ankündigte. Henry kam immer allein. Bestellte das große Menu. Tafelte. Trank meist nicht mehr als eine halbe Flasche Wein. Zahlte bar. Blieb gern noch stundenlang sitzen, redete mit den Köchen, diskutierte mit ihnen, beeindruckte sie mit seinen Kenntnissen.

Abgang erster Klasse

Letzte Woche nun wurde Henry gesichtet und, wie es scheint, sogar gefilmt: von der Kamera einer Genfer Bank, wo er sich am Automaten Geld holte. Wo er, ein Motorradbote, überhaupt das Geld herhatte für seinen Marathon, weiß man noch nicht. Warum er verschwand? Niemand weiß es. Es bleibt alles vorläufig ein Rätsel, ein Strauß aus Gerüchten.

Dass Henry ausgerechnet nach dem Besuch des El Bulli die Segel strich, hat allerdings den Krieg der Traditionalisten gegen die Küchenneuerer neu angestachelt. Im Internet gingen lustig die höhnischen Kommentare hin und her, nach dem Motto: Ist ja kein Wunder, dass der Schweizer abhanden kam, nach dem Genuss all der Chemikalien und Geschmacksverstärker, mit denen Ferran Adriá sein Essen frisiert.

Ich sage dazu nichts. Ich wüsste nur zu gern die ganze Geschichte hinter dieser Geschichte. Und was der Mann im Lauf der Wochen so alles vertilgt hat. Und wie das Genießen, und am Ende zunächst gar er selbst, dabei auf der Strecke blieben.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

Korrektur: Eine frühere Version dieses Artikels erweckte den Eindruck, Pascal Henry sei noch immer verschwunden. Wir bitten unsere Leser, diesen Fehler zu entschuldigen.