Fichtners Tellergericht: Vollmundig in den Tag - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht Vollmundig in den Tag

Noch verpennt, schon opulent: Der Deutsche mampft bereits am Morgen für drei. Schlimm ist das nicht, im Gegenteil: Die Teutonen trauen sich beim Frühstück sogar an Vitamine ran.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Bei den Weltmeisterschaften im Frühstücken zählen die Deutschen zum festen Kreis der Favoriten. Gewiss, die Briten haben das traditionsreichere "full english breakfast", es gibt die japanische Art, gleich am Morgen Miso-Suppen zu schlürfen, es gibt außerhalb Europas überhaupt die Tendenz, den Tag mit üppigen Hauptmahlzeiten zu beginnen, und doch frühstücken die Deutschen unter den Top Ten, weil endlich einmal Liebe mit im Spiel ist.

Selbst die größten Ignoranten hierzulande, die sich ihre Kalorien gern aus Mikrowellen-Suppenbechern und Schlemmerblockfisch-Schalen holen, legen am Morgen oft Wert auf Frische und Varianz: Ein gepresster Saft, ein Stück Obst, ein Bio-Joghurt dürfen es sein, und Abwechslung ist willkommen. Der Bauer, der sonst nicht frisst, was er nicht kennt, pflückt sich am Morgen Physalis vom Stiel und fürchtet weder Mango noch Maracuja.

Statistiken sagen, dass das Frühstück die beliebteste Mahlzeit der Deutschen geworden ist. Das gemeinsame Mittagessen ist so gut wie ausgestorben (nur noch fünf Prozent der Familien, heißt es, sitzen mittags regelmäßig zu Tisch), das Abendessen ist auf Platz zwei abgerutscht. Der Deutsche frühstückt, denn so mag er sein Essen am liebsten: ein kaltes Buffet im Kleinen, heißer Kaffee dabei, immer die Hände mit im Spiel, in den Augen noch Schlaf und auf den Lippen ein gebrummtes Lied: Morgenstund’ hat Gold im Mund.

Verschärftes Brunchen

Das private Glück spiegelt sich auch in der Öffentlichkeit. An den Wochenenden spätestens verwandeln sich die großen und die kleinen Städte in Reviere des verschärften Brunchens. Wo es in den Nächten sonst um Weißbier und Rotwein geht, stehen sonntagmorgens lange Tafeln aufgebaut, vollgestellt mit exquisiten Spezereien aus Italien, aus Frankreich, aus Spanien, und die große Konkurrenz hat das Geschäft sehr belebt.

Man kann in Berlin, München oder Hamburg mexikanisch frühstücken, brasilianisch, karibisch, amerikanisch, man kann in Bayreuth, Bremerhaven oder Erfurt immer ein Café finden, in dem zu große Teller für zu kleine Tische gefüllt werden mit allem, was taugt zum kulinarischen Crossover am Morgen: Wachteleier und Heringshappen, hausgebeizter Lachs und Chorizo, Bircher Müsli und schottischer Haggis, Kapernbeeren und Bayonner Schinken. Es geht auf einmal in verrauchten Spelunken zu wie in Hotels mit vier bis fünf Sternen.

Ich bin letzte Woche in Hamburg gewesen, im schönen "Café de Paris", und habe arglos ein "Kleines Frühstück" bestellt, an einem Werktag. Was ich serviert bekam, sah sehr nach Sonntag aus und hätte geschätzt 60 Prozent meines Tagesbedarfs an Kalorien gedeckt. Das "kleine" Frühstück bestand aus: 2 Scheiben "Schnittkäse", 2 Scheiben Salami, 1 Stück Brie, 1 Scheibe Schinken, 1 Scheibe Putenbrust, 1 Ei, 1 Obstsalat, 5 Stückchen Butter, Brötchen, Croissants und jeweils einer Portion Honig, Nutella und Erdbeermarmelade. Wer das Kinderbuch von der "kleinen Raupe Nimmersatt" kennt, ist im Bilde.

Delikate Übertreibung

Und wer fortgesetzt so frühstücken würde, könnte sich binnen kurzer Zeit mit guten Erfolgschancen für die Wahl zum Mister Dunkin’ Donut . Seltsam ist dieser Hang zum Übertreiben. Es herrscht, selbst in einem Café, das sich Paris aufs Schild schreibt, die Logik des "Große Portionen, kleine Preise", die uns Deutsche stets glücklich gemacht hat, und ich wage gar nicht, mir angesichts dieses "kleinen" ein "Großes Frühstück" vorzustellen, das auch auf der Karte stand wie eine Drohung.

Denn wer in Deutschland in eine Speisekarte "groß" schreibt, "Großes Schnitzel", "Großes Frühstück", "Großes Eis", der tut gut daran, die Portionen gleich riesengroß zu machen, um die Kundschaft nicht zu enttäuschen. Und wer als Wirt ein "kleines" Frühstück wirklich klein sein ließe, wäre vermutlich nach einem Jahr geliefert und hätte Demonstrationen von Hartz-IVlern vor der Tür. Aber geschenkt. Ich wollte nicht klagen, ausnahmsweise, sondern loben.

Und also lobe ich hiermit die vorbildliche Haltung der Deutschen zum Frühstück und den so undeutschen Hang zu Üppigkeit und Verschwendung in den ersten Stunden des Tages. Warum diese Großzügigkeit und der Wille zum Genuss im Tagesverlauf wieder verschütt gehen, wird mir ein Rätsel bleiben. Aber das ist ein anderes Thema.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!

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