Fichtners Tellergericht Wie man ein Wunder serviert
Am 18. Mai 1997 hat sich im Esszimmer von Jürgen Dollase ein Wunder ereignet, das die Welt noch nicht ausreichend gewürdigt hat. Wer ist Jürgen Dollase? Nun, er schreibt seit Jahren Kolumnen über die Kulinaristik, wie er sie versteht; der Genuss findet bei ihm vor allem im Kopfe statt, man kann das nachlesen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und im "Feinschmecker".
Dollase ist ein Typ, scheint mir, den man hasst oder liebt, dazwischen gibt es nicht viel, und deshalb enthalte ich mich hier besser einer Meinung und belasse es bei der Auskunft: Ich gehöre zu denen, die sein Geschreibe ungenießbar finden (und ich glaube, das beruht durchaus auf Gegenseitigkeit).
Lesen muss ich es trotzdem ab und an, aus professioneller Pflicht sozusagen, und also hatte ich mir in letzter Zeit Dollases Buch "Kulinarische Intelligenz" widerwillig neben das Bett gelegt. Es ist ein Buch, das "für und nicht gegen etwas geschrieben ist", wie der Autor einleitend bemerkt. Danach geht es auf 157 Seiten kreuz und quer durch seine Gedankenwelt, die eine hochgestochene und dabei sehr verwirrende ist.
Verwirrend, weil sich Dollase seine Leser einerseits wie kulinarische Halbaffen vorzustellen scheint, die kaum mit Dosenöffnern hantieren können, während er ihnen andererseits eben ziemlich hochgestochen - andauernd empfiehlt, sich an den Spitzenleistungen der Spitzen-Spitzenküche zu orientieren. Durchgängig gelingen ihm dabei schöne Blüten à la: "Die Interaktion eines kulinarisch einigermaßen gebildeten Menschen mit dem Angebot in einem guten Restaurant ist ein Fass ohne Boden" oder: "Man muss es so deutlich sagen: Bei den Küchengeräten ( ) verlassen wir regelmäßig die Pfade von Tugend und Intelligenz."
Was der alles anrichtet
Nun, Fass hin, Tugend her, auf Seite 64 des Buches entfaltet sich besagtes Wunder. Dollase berichtet von einem Abendessen, das er selbst mit seinen eigenen zwei Händen und ohne jede Hilfe gekocht und seinen Freunden serviert haben will, und folglich müssen himmlische Mächte im Spiel gewesen sein, denn es gab, ich zitiere:
- "Algenteller mit Salicornes, Nori und Dulce, Ingwerconfit, Forellenkaviar, Olivenöl und Calendula-Blüten
- Millefeuille von der Taube und Foie gras, karamellisierte Zwiebeln, Kräutersalat
- Langustinen mit Feigenchutney und Jus "Route des Iles"
- Rotbarbe mit Fenchelgemüse, Gurkenmarmelade und Terrine von Zitrusfrüchten mit seltenen Pfeffern
- Wachteln aus dem Pilzsud, Morcheln, getrüffeltes Kartoffelpüree
- Lammfilet, neue Kartoffeln mit Fleur de Sel, Knoblauch mit Orange konfiert, Tomatenkompott mit Kastanienhonig, Sandmöhren und Gewürzjus."
Ich hake hier kurz ein, um daran zu erinnern, dass wir hier nicht über die letzte "Wetten, dass ?"-Show reden, sondern über ein privates Diner. Und der Hausherr hat für seine Gäste immer noch ein paar kleine Überraschungen parat. Es gibt zum Abschluss:
- "Käse (Affineur Vervloet, Antwerpen)
- Rhabarber mit Bourbon-Vanille, Erdbeeren mit Balsamico und Amarena-Parfait
- Frische Feigen mit Cassis und Porto, Creme von kandierten Früchten mit Galanga und Lebkuchengewürz
- Tarte von Guanaja-Schokolade mit "Trebizonde", Coulis von roten Johannisbeeren."
Ich kann für Dollases Gäste nur hoffen, dass sie zum einen ein paar Lexika dabei hatten, und dass es zum anderen, nach diesem prunkvollen Hochamt des kulinarischen Aufsteigertums, auch ausreichend Schnäpse gab. Die Zusammenfassung des Abends sei aber Jürgen Dollase selbst überlassen, denn man kann es besser nicht sagen: "Unsere Gäste haben sich sehr gefreut, am meisten davon hatte aber vermutlich ich selber."
In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!