Fichtners Tellergericht: Wundersame Rach-Sucht - DER SPIEGEL
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Fichtners Tellergericht Wundersame Rach-Sucht

In den unappetitlichen Niederungen des Privatfernsehens tut sich was. Bei RTL zum Beispiel gibt der Nobelkoch Christian Rach desolaten Kneipiers Schützenhilfe. Das lässt sich sehen - und schmeckt nach kluger Unterhaltung.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Den Fernsehsender RTL zu loben, muss sensiblen Menschen schwer fallen. Bei "Alarm für Cobra 11", "Bauer sucht Frau", "Super Nanny" und "Supertalent" werden die Abgründe unseres inneren Schweinehunds ausgelotet, das Private wird immerfort ins Öffentliche gezerrt und wer Pocher schlimm findet, der kennt Oliver Geissen nicht, dessen Show allein ein Grund wäre, den Fernseher aus dem Fenster zu schmeißen. Seit gut einem Jahr aber gibt es bei RTL auch "Rach, der Restauranttester". Und der lässt sich sehen.

Rach heißt mit vollem Namen Christian Rach, er ist ein kochender Autodidakt, der sich in seinem Hamburger Restaurant "Tafelhaus" einen Michelin-Stern und 17 Punkte im Gault Millau erarbeitet hat. Er weiß also, wie Kochen geht und vor allem – wie ein Restaurant zu führen ist. Dieses Wissen gibt er nun auf RTL zur besten Sendezeit an andere Gastwirte weiter, auch das nennt sich Doku-Soap, aber ich empfehle trotzdem: unbedingt einschalten!

In der letzten Sendung mühte sich Rach, den "Schnitzelkaiser" im fränkischen Knetzgau auf Vordermann zu bringen, eine vermüllte Spelunke, geführt von drei antriebsschwachen Brüdern. Es war wieder so spannend wie amüsant, diesem Rettungsversuch beizuwohnen. Denn Rach ist kein Krawallschläger. Er nähert sich seinen Problemkindern – die sich um die Hilfestellung freiwillig bewerben – fast wie ein väterlicher Freund. Er beobachtet, er redet, er versucht zu verstehen und ist nicht darauf aus, die Beteiligten auf die dumpfe Privatfunk-Art vorzuführen.

Höchste Zeit für Brotzeit

Zum Glück will er sie auch nicht alle zu Spitzenköchen machen. Er hilft eher bei der Selbstfindung, fungiert als gastronomischer Coach, der nicht Antworten kennt, sondern kluge Fragen stellt. Die fränkischen Brüder, von denen immerhin einer Metzger und einer Bäcker gelernt hatte, brachte er auf die naheliegende Idee, sich auf hausgemachte Brotzeiten zu spezialisieren.

Und wirklich hätte dieses Konzept am Ende fast zum Erfolg geführt, wenn, tja, wenn der Vermieter seine verhinderten "Schnitzelkaiser" nicht vor die Tür gesetzt hätte. Aber gut, würde Rach sagen, "ich bin hier nicht für alles zuständig".

Die Sendereihe hat, vom Amüsement über die vorgestellten Einzelfälle abgesehen, einen wunderbaren Mehrwert. Auf Dauer nämlich wird sie zum Bilderbuch der deutschen Provinzgastronomie, wenn nicht zur Typologie deutschen Essens überhaupt. Das Restaurant "Weserlust" in Brake, die "Waldschenke" in Zahna oder der "Mühlenhof" in Büsum, all die Häuser, die Rach bereits heimsuchte, repräsentieren die deutsche kulinarische Wirklichkeit gültiger als alle Berliner Sushi- und Tapas-Bars zusammen.

Geschmacklosigkeit als Chefsache

Wir hatten es hier schon wiederholt, dass die Schilder vor deutschen Gasthäusern: "Hier kocht der Chef" in vielen Fällen nicht Werbung, sondern Warnung sind. Rach führt nun den Beweis. Und er kann zeigen, warum der Gast so selten König und sooft Bettler ist – eben weil der Chef Tütensuppen, Tiefkühlnudeln oder sonstwie lieblosen Fraß zusammenrührt. Dass sich der Sternekoch nun nicht damit zufrieden gibt, sondern weiterhin dem jämmerlichen Ist-Zustand nachspürt und nach Abhilfe sucht, ist sein Verdienst.

Fast müsste man also dafür plädieren, dass auch RTL, wenigstens für Rach, ein paar Euro von den Gebührenzahlern bekommt. Denn diese Doku-Soap dient, indem sie die Esskultur in Deutschland fördert, eindeutig dem Gemeinwohl. Wenn nun noch die Gesprächs- und Action-Pausen der Sendungen nicht mehr à la Super Nanny & Co. mit höhnisch-lustigen Kommentaren aus dem Off gefüllt würden – dann könnte man bestimmt bald hymnische Besprechungen auch im Kulturteil der "FAZ" lesen.

Aber soweit wird es RTL dann doch nicht treiben wollen. Gefährdet auf Dauer die Einschaltquoten.

In diesem Sinne: Guten Appetit und gute Nacht!