Flimms "Othello" Buhrufe trotz Detailtreue
Berlin - Einem riesigen Gasometer gleich prangt Othellos Palast auf der Bühne der Berliner Staatsoper. Auf Treppen und Gängen, zwischen gläsernen Denkmälern und Löwen aus Acryl, am Planschbecken und im lodernden Feuerwald lässt Regisseur Jürgen Flimm die Intrige um den "Mohr von Venedig" und seine Geliebte Desdemona spielen. Doch nicht alle Zuhörer fanden zur Premiere am Sonntagabend Gefallen an der aufwendigen Neuinszenierung von Giuseppe Verdis Meisterwerk und bekundeten nach dem Schlussvorhang ihren Unmut mit lauten Buhrufen.
Lang anhaltenden Applaus gab es dagegen für die Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim und den Chor der Staatsoper. Dabei geht der einstige Intendant des Hamburger Thalia-Theaters bei seiner dritten Verdi-Inszenierung geradezu verschwenderisch mit seinen Regieeinfällen um. Rund um Othellos Glaspalast tummelt sich eine muntere Strandgesellschaft - junge Männer mit Halstuch und gestreiften T-Shirts, Frauen in bunten Röcken oder Pepita-Hosen, Nonnen und Zitherspieler - die Riviera lässt grüßen. Auf der vergoldeten Stahlkonstruktion (Bühnenbild: George Tsypin, Kostüme: Doey Lüthi) vollziehen die Sänger hoch über den Köpfen der Musiker im Orchestergraben waghalsige Pirouetten.
Und selbst als das Drama seinen Lauf nimmt, parlieren Othello, überzeugend gesungen von Christian Franz, und sein Gegenspieler Jago (ausdrucksstark: Valeri Alexejev) noch auf Liegestühlen am Pool. Matrosen servieren Cocktails, Badenixen tummeln sich im Bikini am Beckenrand.
Flimm lässt Othello als hoch moralischen Gutmenschen auftreten. In der Welt der Neureichen und Karrieristen vertritt der Mann aus der Ferne die bleibenden Werte. Doch mit der Blindheit der Eifersucht und der Liebe zu Desdemona (Emily Magee) geschlagen, merkt der Außenseiter nicht, wie sich das Netz des Verräters um ihn schließt. Im dunklen Zweireiher wendet sich Jago an das Publikum, gibt sich im berühmten "Credo" als Menschenfeind, dem nichts heilig ist, zu erkennen. Mit seiner Intrige um die angebliche Beziehung Desdemonas zu Hauptmann Cassio (Stephan Rügamer) wird Othello zum Versuchskaninchen des machthungrigen Rivalen.
In seiner dunkelsten Stunde, als der wutentbrannte Gatte Rache an der angeblichen Ehebrecherin nehmen will, lässt der Regisseur den "Mohr" zu seinen Wurzeln zurück kehren: Bemalt mit Kriegsfarben ergreift er im Beduinengewand Lanze und Messer und begeht die Bluttat in einem wahrhaftigen Feuermeer. Im Hintergrund geht ein Kreuz in Flammen auf. So beeindruckend Flimms Detailverliebtheit ist - sie wirkt zuweilen störend - am deutlichsten, wenn zu Desdemonas wunderschönem "Ave Maria" Othello gleichzeitig Dutzende von Kerzen einzeln mit einer Fackel anzündet.
Mit "Othello" kehrte Verdi 1887 mehr als ein Jahrzehnt nach der Uraufführung von "Aida" als Opernkomponist in die Öffentlichkeit zurück - mit großem Erfolg. Das nach einem Libretto von Arigo Boito komponierte Shakespeares-Drama gehört mit "Don Carlos" und "Falstaff" zu den späten Werken des vor 100 Jahren gestorbenen Komponisten.
Esteban Engel, dpa