Flimms "Ring" Bayreuth bejubelt den Theatermann
Bayreuth - Jürgen Flimm hat es möglich gemacht: In Bayreuth wird wieder Theater gespielt. Seine politisch geprägte und genau ausgearbeitete Neuinterpretation des "Ring des Nibelungen" als einer Parabel über den Kampf um Macht und Herrschaft fand bei den 89. Richard-Wagner-Festspielen bereits im ersten Jahr ungewöhnlich viel Zuspruch. Dies galt auch für die "Götterdämmerung", die den gewaltigen Vierteiler am Montagabend im Festspielhaus abschloss und lautstark gefeiert wurde. Zwar erschallten im als konservativ geltenden Premierenpublikum auch kräftige Buhrufe, doch insgesamt überwiegt nach vier Abenden bei weitem die Zustimmung zum neuen Bayreuther "Ring" von Flimm und Dirigent Giuseppe Sinopoli.
So wie Wagner in der "Götterdämmerung" musikalisch die Summe der vorangegangenen drei "Ring"-Teile "Rheingold", "Walküre" und "Siegfried" zieht, so erinnern auch Flimm und seine Mitstreiter Erich Wonder (Bühne) und Florence von Gerkan (Kostüme) detailreich an die Vorgeschichte: das Wohnzimmer aus der "Walküre", das Boot der Rheintöchter, Teile von Fafners Neidhöhle. Beim gemeinsamen Frühstück nimmt Siegfried Abschied von Brünnhilde. Wolfgang Schmidt sang gegenüber dem "Siegfried" verbessert, ein strahlender Tenor war er aber nicht. Gabriele Schnaut, von Festspielleiter Wolfgang Wagner zu Beginn des zweiten Aufzuges als indisponiert angekündigt, entledigte sich der Brünnhilden-Rolle besonders in der Schlussszene dennoch mit Bravour.
Die Gibichungenhalle ist ein zweistöckiges Metallgerüst, das den Darstellern jede Menge Treppensteigen abverlangt. Starke Szenen spielen sich dort ab zwischen Alberich (frenetisch bejubelt der dämonische Günter von Kannen) und Hagen, den Bayreuth-Liebling John Tomlinson mit fulminantem Bass keineswegs als den eiskalten Killer gab, sondern als einen Zerrissenen, vom Vater Alberich Gesteuerten. Schnell vergisst Siegfried seine Brünnhilde, vertauscht die Lederhose mit dem Maßanzug, wird gut Freund mit Gunther (Hans-Joachim Ketelsen) und begrapscht gierig dessen Schwester Gutrune (Ricarda Merbeth). Brünnhilde rächt sich: Mit dem Judaskuss verabschiedet sie ihren treulosen Geliebten, um dessen baldigen Tod sie weiß.
Flimm, um Regieeinfälle im gesamten "Ring" nie verlegen, wartet auch in der Schlussszene mit Überraschungen auf. Erst lässt er Hagen ins von Brünnhilde gehaltene Schwert laufen, dann bietet er sogar den schwarzen Gralsritter Parsifal auf. Zu den Klängen des Erlösungsmotivs erscheint dieser am Ende alleine auf der Bühne - Hoffnungssymbol einer neuen, besseren Welt. Eine von Dirigent Giuseppe Sinopoli mit höchster Genauigkeit ausgeführte "Götterdämmerung" fand so ihren Abschluss. Sinopoli erntete für seine langsamen Tempi erneut auch Proteste, uneingeschränkter Jubel galt dagegen den von Eberhard Friedrich geleiteten Chören.
Flimms Bayreuther "Ring" ist eine Gratwanderung. Der Hamburger Theaterregisseur provoziert sein Publikum, aber er verstört es nicht. Das größte Plus dieser Neuinszenierung sind die erstaunlichen schauspielerischen Leistungen, die Flimm aus den Sängern herausholte. So genau wie möglich am Text bleibend, ist nahezu jede Szene theatralisch "durchkomponiert". Immer spürte man die Handschrift des Regisseurs. Flimm macht, woran es Bayreuth in den vergangenen Jahren mangelte: Spannendes, modernes Theater.
Allerdings, mit den Konventionen bricht er nicht. Vertraute Requisiten bleiben erhalten: Wotans Augenklappe, Siegfrieds Blasebalg, die Rüstungen der Walküren. Das Publikum musste sich nicht überfordert fühlen und nahm deshalb auch ironische Andeutungen schmunzelnd hin: Alberich mit der Aldi-Tüte, Hagens Mannen mit Bierflaschen, ein kleiner Spielzeugdrache auf vier Rädern. Dass Wotan Akten zerschreddert, ist - nach manch umstrittenen Vorgängen im Kanzleramt unter Kohl - wohl eher eine zufällige politische Anspielung: Radikal wurde Flimm in diesem "Ring" nie. Das in Bayreuth gepflegte "Werkstatt"-Prinzip, die Weiterentwicklung der Produktionen, könnte in den nächsten Jahren besonders dem "Siegfried" zugute kommen. Hier gab es die meisten Längen und manchen Durchhänger.
Sängerisch werden große Momente in Erinnerung bleiben: Alan Titus als klug differenzierender Wotan, Günter von Kannen als mitreißender Alberich, John Tomlinson als umjubelter Hagen. Ein Fragezeichen steht hinter den großen Liebespaaren dieser Tragödie: Placido Domingo und Waltraud Meier waren zu routiniert für das in Leidenschaft entbrannte Wälsungenpaar Siegmund und Sieglinde. Meier kündigte zudem wegen Differenzen mit der Festspielleitung ihren Abschied von Bayreuth an. Wolfgang Schmidt blieb als Siegfried insgesamt blass, bei Gabriele Schnaut als Brünnhilde wechselten Höhen und Tiefen. Giuseppe Sinopoli am Pult schließlich schuf sich mit seinem zeitweisen "Zeitlupendirigat", wie ein Kritiker schrieb, Freunde und Gegner gleichermaßen. Doch bei allen Einwänden im Detail dürfte feststehen: Der Flimm/Sinopoli-"Ring" bringt Bayreuth nach Jahren der künstlerischen Stagnation ein gewaltiges Stück nach vorn.