Formular-Kunst Dem Ruf des Buchhalters gefolgt
Frankfurt/Main - Wie bringt man namhafte Maler und Zeichner dazu, etwas Künstlerisches beizusteuern - ohne das übliche Honorar? Eine "Initialzündung" half dem Kunst-Fan Hömberg über diese Hürde. Angeregt von einer Grußkarte, die sich ein Schwager einmal vom Künstler Horst Janssen erbeten hatte, entwarf der Arnsberger ein DIN-A4-Formular und schickte es im Laufe der Jahre an 1000 Künstler. Der Resonanz verblüfft: 560 Künstler, von Beuys über Elvira Bach bis Loriot, antworteten.
Unter dem Titel "DIN A(rt) 4 von Arman bis Vostell. 560 Künstler und 1 Formular" dokumentiert das Museum für Kommunikation in Frankfurt seit diesem Donnerstag die im Jahr 1985 gestartete Aktion des Privatsammlers. Für den damals 27-jährigen Nobody auf dem Kunstmarkt griffen national wie international renommierte Künstler zu Pinsel und Farbe, Collagisten zur Schere, Zeichner zum Karikaturen-Stift und Fotokünstler ins Archiv.
Zunächst fachlich noch mit manchen Wissensdefiziten rund um die Gegenwartskunst behaftet, bat der Bilanzbuchhalter Museen auch um Mithilfe bei Künstlern, die schon tot waren - Mark Rothko etwa. "Tja, peinlich, dachte ich mir und arbeitete mein Wissen weiter auf", bekennt Hömberg, der so dann Kunstzeitschriften in Massen regelrecht verschlang.
Der Einsatz lohnte sich. Der beständige Rücklauf der Kunst-Formulare ließ allmählich ein "Who's who" der Kunst der achtziger und neunziger Jahre entstehen: Paul Delvaux, Marina Abramovic, Robert Mapplethorpe, Gerhard Richter, Günther Uecker, Jasper Johns, Rosemarie Trockel, Dan Flavin, Arman, Duane Hanson, Robert Wilson, Keith Haring, Richard Serra, Markus Lüppertz, Georg Baselitz, Sigmar Polke, A.R. Penck - die Liste ist beeindruckend.
Manche DIN-A4-Arbeiten sind besonders interessant: So schickte Foto-Künstler Thomas Ruff ein Cibachrome-Porträt. Gilbert & George zeigen sich in einer Reproduktion in gewohnt provokanter Art nackt. Bernhard Johannes Blume steuerte ein zerschnittenes Sofortbild von sich bei. Loriot zeichnete eine seiner bekannten Knollennasen-Figuren, Zeichner und Postkarten-Künstler Klaus Staeck setzte sich kritisch mit der Wende in Deutschland auseinander. Christo und Partnerin Jeanne-Claude sandten ein Stück Stoff von einer Kunstaktion.
Kuriose Antworten gab es auch: "I love Bratwurst", bekannte der amerikanische Künstler Cary S. Leibowitz auf seinem Formular. "Ich hasse es, Formulare auszufüllen", meinte Reiner Ruthenbeck. "Ich finde Mail-Art zum Kotzen", schimpfte Via Lewandowski. Josef Felix Müller verschickte einen Druck seiner mit Farbe bestrichenen Schamhaare.
"Interessant ist, dass die meisten sich an die Vorgaben des Formulars gehalten haben", berichten die Kuratoren. Das genormte Blatt bot Raum für Name, Geburtsdatum, Nationalität, Signatur, ein kleines Feld für eventuelle Passbilder und ein größeres für die künstlerische Bearbeitung. Wolf Vostell, Hauptaktivist der Fluxus-Bewegung, fand die Aktion so originell, dass er zusätzlich zu seinem Werk ("Der Frieden ist das größte Kunstwerk") zehn Dollar beilegte.
"Gar nicht dumm, dieser Hömberg! Schreibt Künstler an, schmeichelt ihnen, wünscht ihnen alles Gute, viel Glück und so weiter, pumpt sie so nebenbei um eine kleine Bildspende an - und wird STEINREICH damit! Tja, Ideen muss der Mensch haben!", ließ dazu Karikaturist Manfred Deix eine seiner gewohnt dickbäuchigen Figuren auf dem Formular feststellen.
Ob der eifrige Sammler zum Ende der Bitt- und Sammel-Aktion 1997 reich war, ist fraglich: Er ist nun Angestellter einer Brauerei und im Nebenjob Galerist. 1999 gab er die DIN-A4-Sammlung an die Museumsstiftung Post und Telekommunikation für eine "kleine sechsstellige Summe" ab. Es heißt, der Erlös sei der Deutschen Aids-Stiftung zugute gekommen.
Von Markus Elsner, dpa
Die Ausstellung läuft bis zum 26. August 2001. Zur Ausstellung gibt es einen Katalog, der im Museum 38 Mark, im Handel 68 Mark kostet.