Fotoausstellung über Roma: Kitsch trifft Armut - DER SPIEGEL
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Fotoausstellung über Roma Kitsch trifft Armut

Kitschige Hochzeitspartys in kleinen Gassen, Jungs, die wie alte Patriarchen umherstolzieren: Der deutsche Fotograf Jesco Denzel hat die "Gitans" besucht, Roma, die im französischen Perpignan wohnen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Enge Gässchen mit Altbauten, über die sich Wäscheleinen spannen. Kinder flitzen barfuß durch die Straßen, alte Männer sitzen vor den Häusern und gestikulieren, ein Prediger steht an der Ecke, hält die Bibel in die Höhe und mahnt die Jugend zum Besuch der Kirche. Der deutsche Fotograf Jesco Denzel staunte nicht schlecht, als er zum ersten Mal durch das Viertel St. Jacques im französischen Perpignan schlenderte. "Kampfhähne sitzen in den Fenstern, ständig rennen einen die Kinder über den Haufen", sagt Denzel. "Diese Art von Straßenleben hatte ich noch nie gesehen."

Er war in St. Jacques gelandet - ein baufälliges Viertel um die gleichnamige Kirche in Perpignan. Von der rund 120.000 Einwohner zählenden Stadt kennen die Deutschen meistens nur den Bahnhof - Interrail-Rucksackreisende pflegen hier in die Züge nach Paris oder Barcelona umzusteigen. Doch die Hauptstadt der östlichen Pyrenäen beherbergt auch eines der wenigen Viertel, in dem die "Gitans" sesshaft geworden sind, wie man die Roma in Frankreich nennt.

Im 15. Jahrhundert kam das fahrende Volk von Indien auf die iberische Halbinsel - und zwar über eine Region Griechenlands, die man damals als "Klein-Ägypten" kannte. Die Spanier nannten die Neuankömmlinge "Egiptanos", woraus schließlich die "Gitanos" wurden - in Frankreich eben "Gitans". Nach der französischen Revolution kamen sie an die Küste Frankreichs, um 1820 herum siedelten sich Roma in dem Altbauviertel St. Jacques in Perpignan an.

Erst mal eine Woche am Kiosk rumstehen

Obschon die Gitans von St. Jacques keine direkten Verbindungen haben zu den Roma, die derzeit Opfer der Abschiebepolitik des französischen Präsidenten Sarkozy werden, sind auch für sie Diskriminierung und Integration zentrale Themen. Er habe Menschen fotografiert, die lieber unter sich blieben, berichtet der Fotograf, auch weil sie aus der Mehrheitsgesellschaft Ablehnung erfahren. Unter den Gitans von St. Jacques, die seit vielen Generation in Frankreich leben und französische Pässe haben, gibt es viel Analphabetismus und Armut.

Jesco Denzel stieß auf die Gitans, als er 2004 die "Visa Pour L'Image" besuchte - die weltweit wichtigste Messe für Fotojournalismus, die jährlich in Perpignan stattfindet. Er war fasziniert von dem bunten Straßentreiben, plante aber keine Fotoreportage. "Wegen der Messe laufen hier jährlich Hunderte von Fotografen durch - da konnte ich mir einfach nicht vorstellen, dass es über dieses Viertel nicht schon diverse Veröffentlichungen gegeben hat."

Doch das war nicht der Fall - und so sind die Fotografien, die der 38-Jährige in den Jahren 2004 bis 2009 machte und die jetzt in Hamburg  zu sehen sind, einzigartige Dokumente. Ein bisschen hat es schon gedauert, bis die Bewohner von St. Jacques sich ihm öffneten. "Ich habe erst mal eine Woche am Kiosk herumgestanden, wo die Leute Bier und Zigaretten kaufen", erzählt Denzel. "Und irgendwann hat mich einer zu seiner Familie mitgenommen."

Die Schwarzweißfotos, die mal durchkomponiert wirken und mal flüchtig, im Stil der Straßenfotografie geschossen, zeigen eine sehr familiäre Welt, die aber auch prekär und patriarchal ist. "Die Männer lassen sich bedienen, die Frauen halten den Laden am Laufen", sagt Denzel. So sehen wir auf den einen Fotos die weibliche Gemeinschaft und auf den anderen den Männerklüngel. Die Kerle spielen Boule, während sich die Frauen um die Kinder kümmern. Zu Silvester treffen sich die Männer in der Kneipe und kommen erst um Mitternacht nach Hause, wenn die Frauen die Feier vorbereitet haben.

Lebensfreude und Melodramatik

Trotz der klaren Rollenverteilung scheint das Leben der "Gitans" von Lebensfreude geprägt zu sein - und von einem Hang zur Melodramatik: Wir sehen inbrünstig betende Frauen, ein Brautpaar in Festkleidung, als hätte der US-Entertainer und Kitschpapst Liberace es ausstaffiert, Jungs mit breiten Krawatten und Gesten, die den künftigen Patriarchen schon vorwegnehmen. Es sind zeitlose Bilder einer Community, die sich fast 200 Jahre lang in den schmalen Gassen rund um die Kirche gehalten hat. Nur wenn sich ein funkelnagelneuer BMW an den abbröckelnden Fassaden entlangschiebt, der den Bräutigam zur Kirche fahren soll, merkt man, dass die Bilder die Gegenwart zeigen.


Ausstellung "Les Gitans de St. Jacques", Fotografien von Jesco Denzel, bis 8. Oktober 2010, FREELENS Galerie, Hamburg