Fotograf Janne Lehtinen: "Ich empfand Einsamkeit" - DER SPIEGEL
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Fotograf Janne Lehtinen "Ich empfand Einsamkeit"

Der Finne Janne Lehtinen streifte ein Jahr mit der Kamera nachts durch die sterbende Industriestadt Kotka, während sein Vater im berühmten Fabrikkomplex Sunila schuftete. Im Interview mit seen.by spricht er über seine Exkursionen im Dunkeln und die Folgen der Globalisierung für seine Heimat.
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Frage: Herr Lehtinen, Ihr Vater muss ein sehr geduldiger Mensch sein. Hat er sich nach den langen Nachtschichten noch gerne vor Ihre Kamera gesetzt? Eigentlich sieht er aus, als läge er lieber im Bett und schliefe.



Lehtinen: Er war nach den langen Nächten in der Fabrik mit Sicherheit sehr müde. Er musste ja auch erst noch mehrere Kilometer mit dem Fahrrad von der Arbeit nach Hause fahren. Die Porträts habe ich immer gleich nach seiner Ankunft gemacht. Das Studio dafür habe ich in seiner chaotischen Garage aufgebaut. Er musste nichts weiter tun als sich für einen Moment hinzusetzen. Er musste weder posieren noch lächeln, sondern sollte einfach nur so müde aussehen, wie er war. Ich empfand häufig eine Art Einsamkeit, wenn er nach der Nachtschicht heimkehrte. Vielleicht gab ihm die Tatsache, dass es anders war als sonst, ein bisschen mehr Geduld.

Frage: Sie waren ein Jahr lang nachts - oft bis zum Morgengrauen - mit Ihrer Kamera in Ihrer Heimatstadt Kotka unterwegs. Welche Dramaturgie versteckt sich hinter der Nachtarbeit?

Lehtinen: Ich habe die Stadt in den Nächten fotografiert, in denen mein Vater Schicht in der Fabrik hatte. Das war immer mindestens einmal im Monat, jeweils vier Nächte hintereinander. Anschließend um sechs Uhr morgens machte ich dann die Porträtfotos. Ich wollte eine abgeschlossene Serie machen, die einer bestimmten Methode folgte. Ort und Zeit für die Aufnahmen waren festgelegt. Ich hatte genau wie ein Schichtarbeiter einen klaren Rhythmus, dem ich folgen musste. Das Element des Zufalls begann beim Fotografieren eine entscheidende Rolle zu spielen. Schließlich wurde die Vorgehensweise bei dieser Serie für mich genauso wichtig, wenn nicht gar noch wichtiger als die Fotos selbst.

Frage: Wonach haben Sie gesucht?

Lehtinen: Ich wollte etwas über diese ganz normale, ruhige Stadt erzählen. Sie wurde stark von der Papierindustrie geprägt und die Arbeiterkultur war tief in ihr verwurzelt. Im Zuge der Globalisierung haben sich diese Bindungen Stück für Stück aufgelöst. Das Ergebnis dieses Prozesses ist in der Umgebung sichtbar und in der Stimmung innerhalb der Bevölkerung spürbar. Die Leute sind orientierungslos, schauen verunsichert in die Zukunft. Diese Entwicklung war in den letzten zwei Jahrzehnten ein allgemeines Phänomen in den westlichen Ländern. In meiner fotografischen Arbeit suchte ich nach Szenen, die diese Veränderungen zwar auf lokaler Ebene, aber dennoch mit globaler Bedeutung widerspiegeln.

Frage: Was haben Sie auf Ihren nächtlichen Streifzügen gefunden?

Lehtinen: Künstlerisch gesehen war die Unternehmung während der meisten Zeit eine große Herausforderung. Da ich in Kotka aufgewachsen bin, kannte ich schon fast alle Plätze und hatte auch nicht erwartet, dass mir die Stadt noch irgendwelche großen Überraschungen bieten würde. Mein bescheidenes Ziel war deshalb, bei meinen nächtlichen Ausflügen wenigstens jeweils eine interessante Szene oder ein irgendwie ungewöhnliches Motiv zu entdecken. Die habe ich zwar gefunden, aber wirklich eindringlich war die Erfahrung, durch die völlig leere Stadt zu ziehen. Man bekommt das Gefühl, dass, wenn hier jemals irgendetwas geschehen ist, dies schon vor sehr langer Zeit gewesen sein muss. Das macht melancholisch und gibt einem eine klare Vorstellung von Endlichkeit.

Frage: Wie muss man sich Kotka als Lebensort vorstellen?

Lehtinen: Ein Freund und Kollege aus Frankreich, mit dem ich einmal durch Kotka gefahren bin, sagte, dass sie ihn an ein Lied der Pogues erinnere: "Dirty Old Town". Das beschreibt die Stadt ziemlich realistisch. Aber die Region Karhula hat noch etwas Besonderes zu bieten: Das Fabrikgelände Sunila wurde von dem berühmten finnischen Architekten Alvar Aalto entworfen. Es vermittelt eine besondere Atmosphäre, vor allem jetzt, wo die glorreichen Tage vorbei sind.

Frage: Finnland stellt man sich als sehr naturgewaltiges Land vor. In Ihrer Serie sieht man, wie Industrie und Zivilisation in die Natur eindringen oder sie verdrängen.

Lehtinen: Industrie gibt den Menschen eine Grundlage, um dort leben zu können. Die Leute haben wahrscheinlich gelernt, dass in der Reihenfolge das Geldverdienen zuerst kommt, erst danach die Natur und andere Sachen. Aus Sicht der Natur ist das natürlich eine furchtbare Perspektive, und wir alle wissen, was das für unseren Planeten bedeutet. In meinen fotografischen Arbeiten aber spielt die Beschaffenheit von Natur innerhalb der Stadtlandschaft generell eine Rolle.

Frage: Haben Sie schon ein neues Projekt?

Lehtinen: Ja, in den letzten Jahren habe ich in Russland und den baltischen Ländern gearbeitet. Es geht um Angst und Kontrolle und hat viel mit der Sowjetunion und ihren starken Einflüssen auf die Nachbarstaaten - Finnland eingeschlossen - zu tun. Aber ich verarbeite dieses Thema entlang persönlicher Geschichten, die aus meiner Familienhistorie kommen.

Das Interview führte Anna Wander, seen.by


Janne Lehtinen: "Night Shift", Hatje Cantz Verlag, 112 Seiten, 39,80 Euro
Ausstellung "Janne Lehtinen - Sacred Bird" in der Gallery TaiK, Berlin, noch bis 24.4.2009

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