Fotograf Roger Ballen im Interview - DER SPIEGEL
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Roger Ballen: Eine Welt der Außenseiter

Foto: Roger Ballen

Fotograf Roger Ballen "Ich habe den Mythos weißer Überlegenheit gebrochen"

Freaks, Arme, Ausgestoßene: US-Fotograf Roger Ballen sucht seine Motive am Rande der Gesellschaft. Zuletzt sorgte sein verstörender Clip für Die Antwoord dafür, die exzentrischen HipHopper aus Südafrika weltberühmt zu machen. Ein Interview über Helden, Rassisten und das Foto als modernes Fossil.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Herr Ballen, wenn man Fotografen nach dem Beginn ihrer Leidenschaft fragt, sprechen sie meist über ihre erste Kamera. Sie auch?

Ballen: Nein. Meine Mutter hat bei der berühmten Fotoagentur Magnum in New York gearbeitet und hatte gute Kontakte zu den Fotografen. Sie hat sehr für ihre Helden geschwärmt. Und ihre Helden wurden meine Helden. Die Fotografen haben ihr viele Abdrücke und Bildbände geschenkt - also war ich ständig von ihren Bildern umgeben.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Ballen: Elliott Erwitt. Von ihm habe ich den Humor, den man auch in meinen Bildern erkennen kann. Henri Cartier-Bresson. Er hatte ein einzigartiges Gespür für den entscheidenden Moment - den Moment, in dem ein Bild entsteht. Und Paul Strand hat mir viel über die perfekte Komposition beigebracht.

SPIEGEL ONLINE: Sie kannten auch André Kertész.

Ballen: Er war in erster Linie Künstler, dann erst Fotograf. Durch Kertész und seine Arbeit habe ich begriffen, dass Fotografie mehr ist als die bloße Dokumentation von Realität. Ich fand es sehr inspirierend, wie er Gewöhnliches in Ungewöhnliches verwandeln konnte. Einige seiner besten Bilder hat er von seiner Wohnung aus, am Washington Square in New York, aufgenommen. Auch ich habe dann Bilder von seinem Balkon aus gemacht, um von ihm zu lernen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind kommerziell sehr erfolgreich, auch in der Popkultur. Ihr Video "I Fink U Freeky" hat letztes Jahr viel dazu beigetragen, die südafrikanische HipHop-Gruppe Die Antwoord international bekanntzumachen. Der Clip wurde 33 Millionen Mal auf YouTube angeklickt.

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Ballen: Ich kenne die Gruppe schon sehr lange. Die Sänger haben vor sieben Jahren Kontakt zu mir gesucht und mir erzählt, dass sie sich sehr stark mit meiner Arbeit identifizieren könnten. Die beiden, Ninja und Yolandi, schickten mir auch einige ihrer Musikvideos. Ich wusste erst gar nicht, was ich damit anfangen soll, ich habe ja nie Videofilme gedreht. Zwei Jahre später kamen sie für einen Promo-Termin für ihr erstes Album von Kapstadt nach Johannesburg, wo ich wohne, und ich machte die ersten Fotos von ihnen. Im Jahr 2010 bauten sie dann einige von meinen Bildern in eines ihrer Videos ein. Zu der Zeit ging es so richtig mit ihrer Karriere los.

SPIEGEL ONLINE: Und wie lief dann die Arbeit als Regisseur von "I Fink U Freeky"?

Ballen: Wir haben uns blind verstanden. Sie mochten meine Ästhetik - starke, ernsthafte Bilder, die in die menschliche Psyche eindringen. Das spielt auch bei ihrer Musik eine Rolle, meine Kunst hat den beiden als Inspirationsquelle gedient. So hat sich alles gefügt: Die Musik, meine Bilder und Themen, an denen ich schon seit Jahren arbeite.

SPIEGEL ONLINE: Wann genau haben Sie angefangen zu fotografieren?

Ballen: Mit 18 hatte ich meine erste richtige Kamera - eine Nikon FTN. Und dann habe ich während meines Psychologiestudiums in Berkeley von 1968 bis 1972 viele Fotos gemacht. Eine wichtige Zeit damals. Berkeley war der Inbegriff der Gegenkultur. Ich habe mich damals sozial und politisch engagiert: Anti-Vietnam-Proteste, Bürgerrechte.

SPIEGEL ONLINE: Und dann sind Sie ins Südafrika der Apartheid gezogen. Wie kommt ein Berkeley-Absolvent und Bürgerrechtsaktivist auf so eine Idee?

Ballen: Nach Südafrika bin ich auf einem eher ungewöhnlichen Weg gekommen. Fünf Jahre bin ich zunächst um die Welt gereist, dann habe ich 1981 in Colorado einen Doktor in Geologie gemacht. Es war nicht leicht zu dieser Zeit in Amerika - eine Gesellschaft, geprägt von Konkurrenzdruck und Geschlossenheit. In Südafrika lebte man in einem entwickelten Land, aber man hatte eben auch viel Dritte Welt um sich herum.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Apartheid ist doch nicht einfach so an Ihnen vorbei gegangen?

Ballen: Überhaupt nicht: Ich wollte mit meinen Bildern einen politischen Wandel anstoßen, was mir mit "Platteland" auch gelungen ist - das Buch hat die Wahrnehmung der Südafrikaner von sich selbst beeinflusst. In dem Bildband sieht man Weiße, die am Rand der Gesellschaft leben. Damit habe ich den Mythos der weißen Überlegenheit gebrochen. Als "Platteland" veröffentlicht wurde, musste ich mir viele Vorwürfe gefallen lassen. Ich wurde damals als eine Art Whistleblower angesehen - in etwa so wie Edward Snowden.

SPIEGEL ONLINE: Macht das "Platteland" zu einem politischen Buch?

Ballen: In meinen Augen nicht. Mein Anliegen war es, grundlegende Aspekte des menschlichen Daseins darzustellen. Die Bilder von "Platteland" haben - sogar in den USA und in Europa - auch für die Folge-Generationen eine Bedeutung, die nur sehr wenig über Apartheid wissen.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben Ihre Fotografie ja oft als psychologisch beschrieben. Wie kommen Sie dazu?

Ballen: Fotografie ist für mich so wie Tagebuch schreiben. Ein Weg, mein Leben darzustellen, meine Erfahrungen festzuhalten. Fotos sind für mich wie Fossilien. Sie helfen mir, bei meiner Reise durch die Zeit zurechtzukommen.

Das Gespräch führte Marc Erwin Babej