Fotograf Bräuer: Alleine auf der Insel
Fotokunst Alle raus aus Malle!
So wie der Strohhalm in den Eimer und Jürgen Drews in die Proletendisco Oberbayern, so gehört zu der Satz "Die Insel hat auch schöne Ecken". Den endgültigen Beweis tritt nun der Fotograf Jörg Bräuer mit seinem Kunst-Bildband "Mallorca. The Nature of Things" an. Er lebte von 2007 bis 2009 auf der Baleareninsel und fotografierte Natur-Stillleben.
Auf Bräuers Fotos ist es noch einsamer als auf den entlegensten Wanderwegen und Radrouten für "Entdecker der anderen Seite von Mallorca", wie in Reisekatalogen oft galant geworben wird: Bei Bräuer ist schlicht niemand zu sehen, nirgends. Die Fotografien, allesamt Mittelformate und meist schwarzweiß oder sepia, zeigen ein menschenleeres Malle. Es sind himmlische Zustände, die Bräuer fotografiert: einen Holzsteg, der geradewegs ins Paradies zu führen scheint; ein Meer, dessen Oberfläche so glatt und weiß ist, dass man phantasiert, darauf wie auf Schnee gehen zu können; einen rasiermesserscharfen Horizont in der blauen Stunde; zwei schroffe Bergfelsen, die sich im Wasser spiegeln; einen Salzberg in der Einöde. Die ruhigen Fotografien zu betrachten ist beinahe wie ein kurzes Wellness-Wochenende in Skandinavien: Mallorca sieht bei Bräuer aus wie Norwegen, das Mittelmeer wie eine Schneedecke.
Verweigerung der Abstraktion
Die Fotografien beziehen ihren Reiz nicht aus einer aufwendigen Inszenierung, sondern aus dem Vergleich mit dem Bild, das man bisher von Mallorca im Kopf hatte. Obwohl die Landschaften grafisch, beinahe kalligrafisch anmuten, verweigert sich Bräuer der Abstraktion. Immer bleibt ein Grasbüschel oder ein wenig Geröll im Bildausschnitt, der Betrachter verliert nie die Orientierung.
Für seine Schwarzweiß-Aufnahmen hat Bräuer, 43, kürzlich den Black and White Spider Award in der Kategorie Stillleben gewonnen - einen relativ neuen Fotografiepreis, der allerdings von einem exquisiten Konsortium vergeben wird. In der Jury saßen unter anderem David Clarke, Chef der Fotosektion der Tate in London, Juliet Hacking vom Auktionshaus Sotheby's und Michael Shulman von der weltbekannten Fotoagentur Magnum.
Von Planeten und Inseln
Seine Insel hat Jörg Bräuer mit einer Hasselblad 905 SWC und einer 503 CW aufgenommen. Wo man normalerweise den Film bei einer solchen Analogkamera einlegt, setzte Bräuer ein sogenanntes digitales Kamerarückteil ein. Das hat Sensoren und kann daher die Bilder digital speichern. Bräuer sagt, er habe die Fotos mit einer Hasselblad von 1962 fotografiert - sieben Jahre bevor Neil Armstrong seiner Hasselblad zu Weltruhm verhalf. Seinen Planeten hat Neil Armstrong mit einer Hasselblad 500 EL aufgenommen; er knipste das legendäre Foto von Buzz Aldrin, wie der in Astronauten-Montur am 21. Juli 1969 auf der Mondoberfläche steht. Neil Armstrong, Jörg Bräuer - zwei Männer, die Weite der Welt, und ihre Hasselblad.
Einsamer als auf Bräuers Mallorca war es wohl nur auf dem Mond.
Buch Jörg Bräuer: "Mallorca. The Nature of Things", Rupa Publishing, 72 S., 29,80 Euro.