Fotopreis Eine bessere Welt im Visier
Nach Räucherlachs und Fischfilets, nach reichlich Wein, süßem Gebäck und Kaffee war es endlich soweit. Endlich sollte es um den Grund gehen, aus dem rund 700 Gäste aus aller Welt nach Cannes an die Côte d'Azur gereist waren: die Fotografie. Genauer: die feierliche Verleihung des gerade erst aus der Taufe gehobenen Sony World Photography Awards.
Jetzt sollten die Fotografen im Rampenlicht stehen; mit dem neuen Preis soll ihre Arbeit als Kunstform gewürdigt und deutlich gegen die Flut der digitalen Amateurbilder abgegrenzt werden, die millionenfach das Internet überschwemmen. Sony hatte als Hauptsponsor tief in die Tasche gegriffen, um der kriselnden Foto-Branche nicht nur den mit 25.000 Dollar dotierten Hauptpreis zu spendieren, sondern zudem eine glamouröse Preisverleihung im prestigeträchtigen Palais du Festival in Cannes.
Professionalität am Drücker
Die enorme Resonanz, auf die schon die Ankündigung des neuen Preises gestoßen war, zeigt, wie wichtig eine solche Selbstbewusstseins-Injektion für die angeschlagene Branche ist: Insgesamt waren über 70.000 Bilder aus 178 Ländern eingereicht worden, davon stammten über 44.000 von professionellen Fotografen.
Doch dann glich die Zeremonie eher einer Vertreter-Tagung. Zügig wurden die Profi-Gewinner aus insgesamt elf Kategorien abgehakt. Dazwischen wurde noch schnell der Gewinner der Amateur-Sparte, der Inder Arup Gosh geschoben, der mit einer Schwarzweiß-Aufnahme aus einem Barbier-Laden überzeugen konnte. Leider hatte er aus privaten Gründen in Indien bleiben müssen, und so bedankte er sich mit einem rührenden Einspielfilm überschwänglich, aber stocksteif dasitzend, bei seinen Wohltätern.
Die finalen Entscheidungen der neunköpfigen Jury, die mit Stars der Branche wie Elliott Erwitt, Martin Parr und Nan Goldin besetzt ist, waren insgesamt qualitätsvoll, aber wenig überraschend. Überraschend war eher die Reaktion der Fotografen, die meist nach einem abrupten "Danke" von der Bühne verschwanden. Keine Tränen, keine rührseligen Reden im Stil von "Danke Mama, danke Papa
", keine Fauxpas. Alles, was etwa einer Oscar-Verleihung den entscheidenden Schuss Glamour und Dramatik verleiht, fehlte.
Gequengel statt Glamour
Nun ist diese zurückhaltende Art ja sehr sympathisch. Allein, für eine als glitzerndes "VIP"-Event angekündigte Veranstaltung taugt sie wenig. Als dann auch noch fälschlicherweise in der Kategorie Akt-Fotografie der Russe Dmitrij Konstantinow als Sieger ausgerufen wurde, sackte die Stimmung im Saal auf den Nullpunkt.
Die amerikanische Fotografie-Ikone Nan Goldin zog den Karren dann noch tiefer in den Dreck, als sie während ihrer Ankündigung des "Natur"-Siegers mehr oder weniger wörtlich bekannte, lieber in der Jury zum Filmfestival von Cannes sitzen zu wollen.
Als das große Finale anstand, die Nennung des Gesamtsiegers, der neben einer Trophäe, der "Goldenen Lilie", auch ein Preisgeld von 25.000 Dollar mit nach Hause nimmt, wurde es doch noch spannend.
Schließlich waren mit Moises Samans packender Foto-Dokumentation lateinamerikanischer Straßengangs, Giacomo Brunellis aufregend ungewöhnlichen Tierbildern oder Robin Utrechts eindringlichen Fotos versehrter Sportler einige starke Arbeiten im Wettbewerb.
Das Rennen machte dann die stille, unaufgeregte Schwarzweiß-Porträtserie "Sweet Nothings" der Britin Vanessa Winship. Meist paarweise hatte sie türkische Schulmädchen in ihren charakteristischen Uniformen in einem klaren, an die Arbeiten August Sanders erinnernden Stil, abgelichtet. Die Fotografin, die vier Jahre lang in der Türkei gelebt hat, war von Anfang an fasziniert von deren Erscheinung: "Die Kleider sind blau, haben Spitzenkrägen und sind mit niedlichen Abbildungen bestickt. Sie sind überall in der Türkei, ob auf dem Land oder in den Städten, gleich."
Der Stoff der Aufklärung
Sie habe erst später herausgefunden, dass die Kleider Teil eines Projektes der türkischen Regierung und Unicef sind, die vor allem Mädchen aus ländlichen Regionen eine Schulbildung ermöglichen soll, erzählt die noch ganz verdatterte Siegerin nach der Preisverleihung im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Deswegen sind sie ein Symbol des türkischen Staates, aber zugleich sind sie auch einfach nur die Kleider kleiner Mädchen", so Winship.
Der Preis gebe ihr - ähnlich wie der "World Press Photo Award", den sie mit ihrer Serie dieses Jahr in der Kategorie Porträt gewann -, die Möglichkeit, ihre finanziell wenig lukrative Arbeit fortzusetzen, sagte die Britin glücklich. Früher habe sie vor allem Reportagen fotografiert, "doch damit fühle ich mich zunehmend unwohl".
Fotokünstlern mehr Freiraum für ihre Arbeit schaffen: Das ist vielleicht das vorderste Ziel, das ein Preis wie der "Sony World Photography Award" erreichen kann. Einen professionellen Kontrapunkt setzen zu digitaler Massenware, wie sie von Laien zuhauf produziert wird. So etwas braucht natürlich Zeit.
Und bei so viel Ernsthaftigkeit ist es kaum erstaunlich, dass ein auf Glitzer und Glamour angelegter Event nicht auf Anhieb funktioniert. Bis nächstes Jahr haben die Fotografen ja noch Zeit zum Üben.