Frauendilemma: Anschlag auf die Heimchen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Frauendilemma Anschlag auf die Heimchen

Chaosverwaltung ist Alltag vieler Frauen: Was tut eine Berufstätige, deren Sohn keinen Platz im Hort bekommt? Was die Studentin, deren Zwillinge nicht im Kindergarten angenommen werden? Die Politik mäandert zwischen Moderne und Biedermeier - von Wahlfreiheit keine Spur.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Frauen in Deutschland leben gerade in mehreren Jahrzehnten gleichzeitig. So will es die deutsche Politik. Man einigt sich auf ein Betreuungsgeld, das dazu anregt, die Kinder statt in der Krippe zu Hause zu erziehen, ein Konzept wie aus den fünfziger Jahren. Ein Schulsystem bestimmt den Alltag der meisten Kinder und Mütter, das in den siebziger Jahren reformiert wurde und seitdem geblieben ist, was es war: Pünktlich zur Mittagszeit endet der Schultag, und wer da nicht am Schultor steht, gilt schnell als Rabenmutter. Ein Unterhaltsrecht wird eingeführt, das aus einer emanzipierten Zukunft kommt - indem es die Frauen nach einer Scheidung zwingt, für ihren Unterhalt sehr früh, sehr schnell selbst einzustehen, anstatt sich darauf zu verlassen, dass der Mann jahrelang weiterzahlt.

Es herrscht ein politisches Durcheinander. Ein Durcheinander, das gern als Wahlfreiheit verkauft wird. Tatsächlich aber haben Frauen und Mütter in Deutschland zurzeit nur die Wahl zwischen halbfertigen Konzepten und überholten Illusionen.

Bis Ursula von der Leyen Bundesministerin wurde, war die Familienpolitik in ihrer Rückständigkeit überschaubar und letztlich immer gleich. Nichts gegen Renate Schmidt, die Familienministerin der rot-grünen Koalition, sie hatte sicher zukunftsweisende Konzepte in der Schublade, aber herausziehen durfte sie diese nicht. Noch zur Jahrtausendwende dümpelte dieses Land bei den entscheidenden Fragen zur Familienpolitik vor sich hin, als ob sich seit den Sechzigern nichts verändert hätte. Als ob sich die Zahl der Scheidungen seitdem nicht mehr als verdoppelt und die der Geburten nicht nahezu halbiert hätte. Als ob die Zahl der traditionellen Familien in den letzten zehn Jahren nicht um über eine Million zurückgegangen wäre.

Die Wirtschaft braucht die Frauen

Die Mütter der Mittelschicht blieben nach der Geburt ihrer Kinder meist drei Jahre zu Hause, für die gesamte Dauer des gesetzlich zugestandenen Erziehungsurlaubs. Viele wurden spätestens mit dem zweiten Kind Hausfrauen und die Kinder kamen gern erst mit vier Jahren in den Kindergarten, denn bei Mama hatten sie es ja gut, fand die Mama. Zudem profitierte die Familie vom Ehegattensplitting. Wer sich die Freiheit nahm, als Frau bis zum Jahr 2005 dieses Leben zu wählen, konnte sich des gesellschaftlichen Rückhalts sicher sein.

Und dann kam die große Koalition. Kräftig unterstützt von Demoskopen machte sich in Deutschland die Sorge breit, die Deutschen könnten aussterben, wenn sie weiterhin so wenige Kinder zur Welt brächten. Und plötzlich war auch der Gedanke da, dass es vielleicht wenig sinnvoll ist, wenn eine voll ausgebildete Tischlerin den ganzen Tag zu Hause mit ihrem Kleinkind Bauklötze stapelt, wenn eine promovierte Biologin als intellektuellen Höhepunkt des Tages die Hausaufgaben ihrer Kinder kontrolliert. Diese Kapazitäten könnten besser genutzt werden, denn in Zukunft wird die Wirtschaft die Frauen brauchen.

So wurde und wird argumentiert: Deutschland braucht die Frauen. Zu keinem Zeitpunkt bezog die Diskussion ihre Verve aus dem Wollen der Frauen, sondern stets aus dem apostrophierten Mangel an Kindern und Arbeitskräften, auf den dieses Land zusteuert. Zufällig deckten sich die individuellen Lebenswünsche gar nicht weniger Frauen mit den Forderungen der Bevölkerungsexperten und Wirtschaftswissenschaftler, doch das Nachdenken über eine moderne Rolle der Frauen kam dabei bisher zu kurz.

Es war auch keine Zeit dafür, denn die Diskussion war praktisch über Nacht da. Ihre Wortführerin heißt Ursula von der Leyen. Kaum war die Familienministerin im Amt, machte sie sich ehrgeizig ans Werk. Aber ihre Politik erscheint wie Flickschusterei: Erziehungsgeld und Ausbau der Krippenplätze einerseits, Erhöhung des Kindergelds und eine Betreuungsprämie für Mütter andererseits. Vierzig Jahre lang hat die deutsche Politik die Augen davor verschlossen, dass sich die Welt für Frauen und Familien verändert. Noch schlimmer: Ursula von der Leyen gehört einer Partei an, deren größter Teil das bis heute tut. Und so ist die Frauen- und Familienpolitik der großen Koalition ein Schlingern zwischen der Suche nach einem zeitgemäßen Kurs und der Sehnsucht nach biedermeierlichen Idealen.

Überforderung und dünne Nerven überall

Die Konsequenzen tragen die Frauen und die Familien. Wenn manche Bereiche des Lebens mit Kindern verändert und modernisiert werden, in anderen Teilen aber alles beim Alten bleibt, dann gerät der Alltag zur familienpolitischen Chaosverwaltung.

Familienministerin von der Leyen: Ihre Politik erscheint wie Flickschusterei

Familienministerin von der Leyen: Ihre Politik erscheint wie Flickschusterei

Foto: AP

Beispiele aus diesem Alltag: Was soll jene alleinerziehende, berufstätige Mutter tun, die ihr Kind um ein Uhr von der Schule abholen soll und keinen der raren Hortplätze bekommt? Oder jene junge Familie, beide noch Studenten, die ihr Baby in einer Krippe unterbringen konnten, anschließend aber keinen Kindergartenplatz finden? Und die Eltern von achtjährigen Zwillingen, beide berufstätig, weil sie sich die hohen Mieten, die hohen Preise in der Großstadt sonst nicht leisten könnten, die abends völlig erschöpft und entnervt mit ihren Kindern für die nächste Klassenarbeit pauken, weil Mütter, Eltern oder teure Nachhilfelehrer mittlerweile ein fester Bestandteil des deutschen Schulsystems sind.

Überforderung und dünne Nerven überall. Von Wahlfreiheit keine Spur. Jene viel beschworene vermeintliche Wahlfreiheit der Frauen in Deutschland - ob diese als Hausfrauen ihre Kinder großziehen wollen oder als Mütter berufstätig sein möchten - galt in der Realität bis vor kurzem nur noch für eine immer kleiner werdende Minderheit: für die Ehefrauen von sehr gut verdienenden Männern.

Der große Rest der Frauen in Deutschland muss längst zum Monatseinkommen der Familie beitragen, weil ein Gehalt oft nicht mehr für drei und erst recht nicht für vier oder fünf Familienmitglieder reicht; andere Frauen sind alleinerziehend und ohnehin auf sich selbst gestellt.

Von der Zahnarztgattin zum Sozialfall

Nun wird auch auf die privilegierte Gruppe der Hausfrauen, die es sich leisten können, daheim den Haushalt zu schmeißen, die die Kinder am Nachmittag zum Musikunterricht fahren und die Schulaufgaben kontrollieren, während der Mann Karriere macht, ein regelrechter Anschlag verübt. Mit dem neuen Unterhaltsrecht gerät ihre Welt ins Wanken.

Denn bei einer Scheidung steht in Zukunft die finanzielle Versorgung der Kinder an erster Stelle, vor dem Unterhalt für die Ex-Frau. Das klingt nicht sehr spektakulär - und bedeutet doch einen gesellschaftspolitischen Paradigmenwechsel.

Wenn zum Beispiel ein alleinverdienender Familienvater seine Frau und seine Kinder verlässt, um eine neue Familie zu gründen, dann werden nach der Scheidung in Zukunft erst alle Kinder, alte und neue, finanziell bedacht. Nur wenn dann noch Geld zu verteilen ist, ohne dass der Mann und seine neue Frau unter eine zumutbare Einkommensgrenze rutschen, bekommt die Ex-Frau einen Unterhalt. Von ihr wird stattdessen verlangt, dass sie, spätestens wenn ihre Kinder acht Jahre alt sind, selber für ihr Einkommen sorgt. Auf einem Arbeitsmark, der auf Fünfzigjährige nicht gerade wartet.

Das Gesetz ist in manchen Punkten sehr luftig formuliert, die Dauer einer Ehe soll beispielsweise berücksichtigt werden, wie das genau aussehen wird, muss die Praxis der Gerichte in den kommenden Monaten und Jahren zeigen. Aber es bleibt eine umstürzlerische Tatsache dieses Gesetzes, dass eine Ehe nun keine lebenslange Versorgung mehr bedeutet. Wer als Zahnarztgattin begann, kann als Sozialfall enden: Emanzipation durch die Hintertür.

Für junge Frauen ist das neue Unterhaltsrecht eine große Chance, deshalb ist es langfristig völlig richtig gedacht. Keine halbwegs vernünftige junge Frau wird mehr ihre Ausbildung vernachlässigen zugunsten der Karriere ihres Mannes, wird ihren Beruf für die Kindererziehung völlig aufgeben. Denn unter Umständen muss sie irgendwann alleine für sich sorgen können.

Ideologische Zerrissenheit quer durch die Koalition

Das Gesetz stärkt die Eigenverantwortung der Frauen. Und es kann für mehr Gleichberechtigung in Partnerschaften sorgen. Also müsste nur noch eine verlässliche und qualitativ ernstzunehmende Betreuung für die Kinder her. Hier klafft die Lücke für die Jungen.

Und die älteren Frauen, die noch mit den Leitbildern der sechziger Jahre groß wurden, die sich für das Hausfrauendasein entschieden haben, wie es ihnen und ihren Familien durch das Ehegattensplitting und durch jahrelangen Erziehungsurlaub von der Politik schmackhaft gemacht wurde, die werden nun im Regen stehen gelassen, sobald ihre Ehen zerbrechen. Jene privilegierte Minderheit, die als letzte noch von einer wirklichen Wahlfreiheit Gebrauch machen konnte.

Wahlfreiheit? Es gibt sie nicht. Stattdessen wird die ideologische Zerrissenheit, die quer durch die CDU und durch die große Koalition geht, an die Frauen und die Familien weiter geleitet. Ursula von der Leyen kriegt das Erziehungsgeld, dafür darf die CSU laut das Betreuungsgeld fordern; die Ganztagsschule wird verteufelt, dafür stimmt man dann Zypries' Unterhaltsrecht zu. Eine politische Linie sieht anders aus.