Freitagabend im ZDF Spaßbremser mit Latzhose
Die großen Sender funktionieren wie Volksparteien, sie bieten allen etwas. Den einen sensible Kleinkunst, den anderen derben Klamauk. So soll es sein. So ist es richtig. Die Kunst der Programmplanung besteht darin, fließende Übergänge zu schaffen, ein Publikum zu entlassen und gleichzeitig ein anderes anzulocken. Für diese Methode gibt es sicher einen griffigen Fachbegriff.
Wie man so etwas macht, ohne dass die Zuschauer es merken, konnte man gestern Abend im ZDF erleben. Um 22.15 Uhr gab es das Kulturmagazin "aspekte", den Klassiker, moderiert von Wolfgang Herles, wie immer informativ, anspruchsvoll und ein wenig fad. Präsentiert wurden: Ein Spielfilm über das Leben der Eskimos beziehungsweise Inuit, "so spannend, dass man den Atem anhält" und schöner als ein "Hollywood-Blockbuster"; das neue Buch von Michael Crichton ("Beute") über genmanipulierte Mikroorganismen, die sich selbständig machen; die Autobiografie von Gabriel Garcia Marquez ("ein Intellektueller mit Präsidentenstatus") und ein altes Stück von Tennessee Williams ("Die Nacht des Leguans"), das Peter Zadek mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle am Burgtheater in Wien inszeniert. Alles war solide gemacht und man hatte nicht, wie so oft beim Fernsehen, das Gefühl, die Zeit zu vergeuden. Aber aufregend war es auch nicht, und die originellste Information, die den Zuschauern vermittelt wurde, war die, "wie man ein Iglu baut".
Um 22.45 ging es dann mit der Johannes B. Kerner Show weiter, der sich unter anderem mit der Ärztin, Mutter und Schauspielerin Christiane Paul über ihre Kindheit in der DDR unterhielt, die nicht so schlimm war, wie es manche vermuten. Wo und von wem haben wir diese Klarstellung schon mal gehört?
Kerner ist eine Art "twilight zone" im ZDF-Programm. Vor ihm liegen "aspekte", nach ihm kommt "Blond am Freitag". Wahrscheinlich wäre es keine gute Idee, "Blond am Freitag" unmittelbar nach "aspekte" zu senden, so ein Absturz ins Bodenlose wäre nicht gut für die Moral des Zuschauers. Er könnte sich fragen: Wie würde "aspekte" aussehen, wenn Ralph Morgenstern die Sendung moderieren würde und wäre Wolfgang Herles auch in der Lage, bei "Blond am Freitag" den Vorsitz zu führen?
Auf den ersten Blick ist der "Comedytalk" eine Parodie auf ernste Programme, wie zum Beispiel den Presseclub. Ralph Morgenstern, der es irgendwie geschafft hat, ins Fernsehen zu kommen, weil es für Kreischsägen keinen Numerus Clausus gibt, gibt die Stichworte, und vier ältere Mädels pressen sich daraufhin Pointen ab. Hella von Sinnen, so berauschend wie der Rhein bei Hochwasser, hat ein neues Wort erfunden - "spaßbremsig" - und gebraucht es fleißig, Lisa Fitz erzählt, wie sie mal Brennholz bei einem begriffsstutzigen Bayern bestellen wollte, Desiree Nick fragt, wo das Wort "hinterfotzig" herkommt, worauf alle wissend lachen, und Vera Int-Veen, die einzige Blondine ehrenhalber in der Runde, versucht vergeblich, mit den anderen Schritt zu halten.
Ralph Morgenstern hat ein Hahnenkostüm an und sieht wie ein Chemnitzer Goldbroiler aus, Hella von Sinnen trägt eine rosa Müllfahrer-Latzhose mit Reflektoren-Streifen, raucht Kette und lacht dröhnend über ihre eigenen Witze. Alles zusammengenommen ist so unterhaltsam wie ein Begräbnis dritter Klasse, bemerkenswert ist nur der Mut der Teilnehmer, bei einer Gruppensitzung mitzumachen, von der kein Mensch sagen kann, warum sie stattfindet. Am Ende bleibt nur eine Vermutung: Der Müll, den das Fernsehen produziert, muss recycelt werden. Am besten natürlich im Fernsehen. Damit der Schaden überschaubar bleibt.