Springer-Ausverkauf Wer ist hier eigentlich angestellt?
Axel-Springer-Hochhaus in Berlin: Früher große Linien, heute Geschäft in eigener Sache
Foto: Maurizio Gambarini/ dpaEs muss wie ein Besuch in einer anderen, längst vergangenen Zeit gewesen sein, als Christian Nienhaus, Geschäftsführer des Zeitungskonzerns Funke-Gruppe, am Dienstag in das Journalisten-Club genannte Casino im 19. Stockwerk des Springer-Verlagshochhauses in Berlin kam. Hier, in den holzvertäfelten Räumen direkt neben der Berliner Mauer, tranken die Journalisten des Verlegers Axel Springer, hier wurde besprochen, wie der Studentenbewegung beizukommen sei und wie dem Ostblock, aber am liebsten allen Kommunisten gleichzeitig.
Große Schlachten, längst geschlagen. Heute ging es hier nicht mehr um die großen Linien der Weltpolitik, sondern um das schnöde Geschäft in eigener Sache. Die Belegschaft der von Springer (gemeinsam mit anderen Printtiteln) zur Übernahme durch Funke freigegebenen Lokalzeitung "Berliner Morgenpost" sollte erfahren, wie es mit ihr weitergehen wird - soweit sich das heute schon sagen lässt. Und sagen, das erfuhren die anwesenden Journalisten schnell, lässt sich zur Zeit nur wenig.
Wer arbeitet eigentlich bei der "Morgenpost"?
Denn einerseits muss bekanntermaßen noch das Bundeskartellamt dem geplanten Verkauf zustimmen. Und andererseits wissen offenbar viele Menschen, die gerade bei der "Morgenpost" arbeiten, noch gar nicht, ob sie von dem Verkauf betroffen sein werden - und andere, die sich faktisch als Angestellte anderer, bei Springer verbleibender Titel wähnen, müssen möglicherweise bald feststellen, dass sie auf dem Papier doch noch zur "Morgenpost" gehören.
Grund für diese einigermaßen verworrene Situation ist die noch vor wenigen Jahren als große Innovation gepriesene Zusammenlegung der Redaktionen der (scheidenden) "Morgenpost" und der (man muss wohl angesichts der rasanten Veränderung des Medienmarkts sagen: vorläufig verbleibenden) "Welt" zu einem gemeinsamen Newsroom. Dieses sogenannte Projekt Alpha hat bei, so heißt es aus Kreisen der Belegschaft, vielen Mitarbeitern einen Arbeitsalltag geschaffen, der nur noch entfernt mit dem zu tun hat, was in ihrem Arbeitsvertrag steht. Bisher fiel das kaum ins Gewicht: Springer war Springer. Doch damit scheint es vorbei - und es kommt womöglich viel Arbeit auf Arbeitsrechtsanwälte zu.
Immerhin: Die Redaktion soll in Berlin bleiben
Vor diesem Hintergrund wirkt es geradezu putzig, was Funke-Manager Nienhaus nach Angaben von Anwesenden der versammelten Belegschaft gesagt haben soll: An den Verträgen und Arbeitsbedingungen solle sich für zunächst 24 Monate nichts ändern.
Konkretes zur Zukunft der "Morgenpost" war von Nienhaus am Dienstag offenbar nicht zu hören. Wo wird die Redaktion in Zukunft residieren? Man werde in Berlin bleiben, hieß es, das immerhin erspart der Zeitung eine Lüge im Titelkopf. Im Gespräch sei es, die alten Räume der "B.Z." am Kurfürstendamm zu beziehen. Einerseits sei das westliche Zentrum der Stadt ein guter Standort für die vor allem in West-Berlin verankerte Zeitung, andererseits gebe es dort auch schon die Infrastruktur für die Datenübertragung ins Haupthaus.
Ob durch diese Kabel allerdings tatsächlich Daten fließen werden, ob es also dazu kommen wird, dass sich "Welt" und "Morgenpost" weiterhin Texte zuschieben - das ist völlig unsicher.
Ein Teil der Belegschaft, vor allem altgediente "Morgenpost"-Angestellte, blickt mit Sorge in die ungeklärte Zukunft. Kaum jemand von den Altredakteuren hatte es sich noch bis vor kurzem vorstellen können, noch einmal den Arbeitgeber zu wechseln.
Eine seltsame Scheidung
Auch ist mancher sauer auf großspurig auftretende "Welt"-Kollegen, die sich in vermeintlicher Sicherheit wiegen. Es ist noch gar nicht lange her, da musste die "Morgenpost" die defizitäre "Welt" stützen. Andere nehmen die seltsamen Aussichten mit Humor. Die angedachte Kooperation von Springer und Funke-Gruppe sei "wie eine geschiedene Ehe, bei der der neue Freund der Frau den Ex-Mann dafür bezahlt, weiterhin mit der ehemaligen Gattin zu schlafen", witzelt ein Redakteur.
Beruhigend wirken sollte hingegen offenbar das Bekenntnis des Funke-Mannes Nienhaus zu Printmedien im Allgemeinen: Gerade im lokalen Bereich gebe es viele Menschen, die lieber auf Papier lesen, was es Neues gibt, als über Tablets zu wischen und sich durchs Netz zu klicken. Fast wie in der guten alten Zeit, als in Springers Journalisten-Club noch gegen die Roten getrunken wurde.