"Funny Farm": Überleben im Kitsch - DER SPIEGEL
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"Funny Farm" Überleben im Kitsch

Der illuminierte Pekinese sieht frustriert aus. Vielleicht hat er genug vom röhrenden Plastikhirsch, mit dem er das Zimmer teilen muss. "Funny Farm" heißt sein schrilles Zuhause und es gehört der kanadischen Künstlerin Laura Kikauka.
Von Harriet Dreier
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vielleicht sind es auch die gefiederten Hühnerfüße und Barbies, die der kleine Hund nicht mehr ertragen kann. Auch das menschliche Auge braucht eine Weile, bis es sich an die versammelten Scheußlichkeiten dieses Kitschkabinetts in Berlins Mitte gewöhnt hat. Doch Moment - bewegt sich da nicht etwas zwischen Plastikspinnen, lockigem Jesulein, Marshmellows, Clownskappen und herzig-süßem Nippes?

"Hello", ruft Laura Kikauka zur Begrüßung. Willkommen in der Welt von Laura Kikauka - einer Welt des schlechten Geschmacks und schrillen Designs. "Funny Farm", die lustige Glitter-Gallerie der kanadischen Künstlerin ist Wohnung und Installation zugleich ist. Während der deutsche Kitschier mit Kuckucksuhren seine gute Stube heimelig macht, entwirft Kikauka mit ihrer zusammengewurstelten Trivialkultur eine bunte Utopie. Im wahrsten Sinne des Wortes: Kikaukas Prunkstücke sind ihre Wurstleuchten. Auf eingemachten Wienern thronen gefaltete Schirme mit Häkelstulpen dekoriert.


"It could be wurst" steht auf einer Girlande vor dem Regal, in dem Erbsen oder Sülze rot, grün und lila blinken. "Die Dinge sagen einem selbst, wofür man sie benutzen soll. Wie bei den Würstchen - die sollte man nicht essen, sie wollten Lampen sein." Begeistert führt die Kanadierin ihre Wurst-Lichtorgel mit der Fernbedienung vor. "Lampen sind ein Fetisch, der mich nicht loslässt", schwärmt die 36- oder 37-Jährige - an ihr Alter könne sie sich nicht genau erinnern, sagt sie.

Wer schon einmal durch Rom geschlendert ist, erinnert sich an Souvenirs übelsten Geschmacks. Hier stapeln sich Unmengen von Papsttassen und Aschenbecher mit Dürers "Betenden Händen". So jemand mag denken, er habe im Bereich des Kitschigen schon alles gesehen - bis er das Allerkitschigste von Laura Kikauka betritt. In ihrem Arsenal in einem putzbröckelnden Hinterhof neben den frisch renovierten Hackeschen Höfen türmen sich alle erdenklichen Kitsch-Derivate: geschnitzter Kitsch, Keramikkitsch, religiöser Kitsch, aufblasbarer Kitsch...


Der Alltagskitsch - eigentlich Inbegriff des Spießertums - wird bei der Performance-Künstlerin gerade zur Rebellion gegen Kleingeisterei. In ihren "Bastelings" frickelt sie aus Sperrmüll, Flohmarktartikeln und Second-Hand-Ware eine fantasievolle Kunstwelt zusammen, die mit schrillen Kominationen mal erheiternd, mal schockierend, bisweilen sexistisch, ja blasphemisch erscheint. "Kunst und Leben sind eins, ich kann ohne die Sachen nicht leben. Konsumartikel sind kalt und spröde - außerdem auch teuer! Ich verwende Sachen, die andere wegwerfen. Müll wird in unserer Gesellschaft oft einfach nicht beachtet."

Wie kitschig darf Avantgarde sein? Wieso sind goldene Putten plötzlich Kunst? Was macht die Farbe Giftgrün salonfähig, und was ist Kunst an geklebten, zerknüllten und anders traktierten Materialien? Es ist ihre Existenz an sich, weiß man spätestens seit Kurt Schwitters. Die Queen of Trash, so steht es über Kikaukas Bett in Tigerplüsch, verwurstet unzählige Gebrauchsgegenstände. "Es ist halb Segen und halb Fluch", so der "chronische collectoholic", "ich kann einfach an nichts vorbeigehen."

Im kanadischen Markdale steht ein großes Farmhaus - bis unter das Dach vollgestopft mit ihrem Krimskrams. Aber da Kanada "culturally tot" ist, zögerte die schrille Blondine 1992 nicht, mit Klangkünstler Gordon Monaham nach Berlin zu kommen. Und stieß auf eine Fundgrube: Elektroschrott aus der Konkursmasse des Arbeiter- und Bauernstaates, den sie in ihrem Auktionshaus "Glowing Pickle" versteigerte. Es folgten andere Kitsch-Projekte: Im "Spätverkauf" in Nähe der Volksbühne bot sie von 1995 bis 1996 ihre "Bastelings" feil und bald eröffnete sie im Prater am Prenzlauer Berg einen morbiden Club mit Tischtelefonen und Stühlen im Sommerkleid, den "Schmalzwald".

Nach zwei Jahren trennte sie sich von diesem ausgelagerten Wohnzimmer und zog mit dem Nachfolger "Bauhütte Gemütlichkeit" nach Mitte. Hier konnte man die Kanadierin auch schon mal im Kunstfell-Pyjama mit Häschenmütze bei einer Musik-Performance erleben. Doch auch diese Oase starb: Investoren haben ertragreichere Pläne mit dem Grundstück. Der Künstlerin macht es nicht so viel aus. "Ich mag Unfertiges. Wenn alles komplett ist, was soll ich dort noch machen außer fernsehen?", fragt sich Kikauka und träumt von einem großen Schloss - natürlich des Stauraums wegen.