Fußball-Oratorium: Verzweiflung am Elfmeterpunkt - DER SPIEGEL
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Fußball-Oratorium Verzweiflung am Elfmeterpunkt

Mit "Die Tiefe des Raumes" komponierte Moritz Eggert das weltweit erste Fußball-Oratorium. Die Bochumer Uraufführung erzeugte dennoch eher künstliche Stadionatmosphäre - auch wenn sich die Akteure auf der Jahrhunderthallen-Bühne tapfer wie Bundesliga-Kicker gebärdeten.
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Wogende, hochemotionale Fan-Gesänge, Verzweiflung am Elfmeterpunkt, ausrastende Trainer, Helden und Versager: wunderbares Material für die Bühne. Das sagte sich auch Deutschlands humorbegabter Star-Komponist Moritz Eggert, 40, der für die Ruhrtriennale 2005 ein Fußballstück schreiben sollte. Er lieferte mit "Die Tiefe des Raumes" ein Oratorium ab, also eine Art ironische Heiligsprechung des Hangs zum Ball, genau das Richtige für alle, die schon immer wussten, dass Fußball weitaus ernster ist als Leben und Tod.

In der Bochumer Jahrhunderthalle mit ihrem Ambiente aus ehemaliger Zechenumgebung und modischer Backstein-Architektur war dieser Schulterschluss aus Hoch- und Massenkultur denn auch blendend platziert. Das generationenübergreifende Publikum kam im Anzug und schickem Kleid, aber auch Fan-Monturen wurden gesichtet, der knallige Borussia-Dortmund-Schal zum kleinen Schwarzen einte Bildungsbürger-Outfit mit Ostkurven-Design. Aber diese enge Bindung zum Ball im Ruhrpott betonte auch Intendant Jürgen Flimm noch einmal in seiner Anmoderation. Keine Frage, dieses Oratorium wurde am rechten Ort angepfiffen.

Die Schal-Frage beherrschte auch die Bühne: Natürlich war der von Walter Zeh blendend trainierte "Chor der RuhrTriennale" gleichfalls mit entsprechenden Fan-Artikeln akzentuiert, von Schalke-Blauweiß bis zu BVB-Schwarzgelb. Dazu Tröten, Pfeifen, Banner und Fahnen, es war eine rechte Rasselbande, die alle emotionalen Höhen und Tiefen zwischen Abseits und Foulspiel massengesanglich zum Klingen brachte. Ein Chor, wie ihn eine griechische Tragödie braucht: Das versteht auch der kulturell eher mäßig interessierte Fußball-Anhänger.

Phrasen und Hilflosigkeiten des Sportgeredes

Überhaupt war es ein ehrenwertes Anliegen vom Komponisten und seinem Librettisten Michael Klaus, sich nicht zu weit von den Basis-Erlebnissen der Fußballwelt zu entfernen. Es war folglich alles vorhanden: Zwei Halbzeiten à 45 Minuten plus Nachspielzeit, vier Sänger, die Grundcharaktere und Haltungen darstellten, sowie Prototypen des Drumherums als Sprechrollen. Das gelang - verblüffend genug - bei den vokalen Parts erheblich besser als bei den starbesetzen Sprechrollen.

Peter Lohmeyer ("Das Wunder von Bern") als erfahrener Spieler "Alt-Internationaler" nölte sich in bekannter, leicht distanzierter Manier durch "Früher-war-alles-besser"-Kommentare, während Christoph Bantzer von Hamburger Thalia-Theater einen Sportreporter gab, wie er wohl nur auf der Bühne, nicht aber in den Medien existiert: gekonnt deklamierend, aber in der fußballerischen Phrasierung eher unbeleckt. Weshalb für die recht sparsamen Trainer-Szenen unbedingt ein eher leiser und differenzierter Typ wie Joachim Król geholt wurde, erschloss sich aus den Texten auch nicht unbedingt: Auch er sagte mehr und weniger nur auf, was für ihn montiert wurde. Überhaupt schuldete der Text dem findigen deutschen Schriftsteller Ror Wolf eine Menge, der bereits 1971 mit dem raffinierten Textwerk "Punkt ist Punkt" eine wunderbar erhellende und witzige Kollage aus Fußballdeutsch und Ball-Weisheiten erstellt hatte, die die Phrasen und Hilflosigkeiten des Sportgeredes klar und dennoch liebevoll enthüllte.

Voller Liebe zum Detail packte auch Komponist Eggert so ziemlich alles an wirkungsvoller E-Musik-Tradition in seine Partitur, die den vier Sängern reichlich Raum auch zur darstellerischen Entfaltung bot. Der "Spieler", gesungen vom Tenor Corby Welch, brillierte mit fettem Belcanto ("Schon als Kind hab ich von diesem Dribbling geträumt! Fünf Mann nass gemacht! Und den Torwart!"). Der "Journalist", Bariton Thomas E. Bauer, grollte und rollte sich durch seine Kommentatoren-Kritiken - nicht ganz so füllig wie sein Kollege, aber Bauer musste auch einer Erkältung trotzen, wofür er sich anständig über die Halbzeiten brachte.

Webber grüßt neben Wagner

Klar vorne lagen die beiden Sopranistinnen als "Tugend" (Claudia Barainsky) und "Laster" (Ursula Hesse von den Steinen), die zum Teil Großartiges boten. Wenn sich Moritz Eggert bei Mozart ("Das war ganz klar Abseits!") bediente oder Anleihen bei Richard Strauß nahm ("Hymne an den Ball"), dann war es stellenweise, als lauschte man einem "Rosenkavalier" bei der Pokalübergabe: hinreißend ruhevoller Wohlklang, wo eben noch atonal wütende Fanmassen tobten. Gegensätze konnte Eggert in seiner Musik stets gut und schlüssig verarbeiten. Auch wenn manchmal Andrew Lloyd Webber gleich neben Wagner grüßte.

Das war auch nötig, denn die 90 Spielminuten waren doch arg lang: Ein naheliegendes, aber sehr forderndes Zeitkorsett, das sich das Team gesetzt hatte. Denn nicht alle Einfälle waren gleich gut, vieles zu lang und wenig witzig, geschuldet dem Prinzip "Nummernrevue". Warum ausgerechnet der traurige, unwürdige Tod von Filmregisseur Pier Paolo Pasolini noch thematisiert werden musste, erschloss sich auch nicht aus der Tatsache, das Pasolini bekanntlich Fußballfan war. Dieses bisschen Ernst im Spiel wirkte fremd.

Großen Spaß hatten dennoch alle Beteiligten, spielten begeistert mit Fußballer-Sammelbildern, schwenkten Bierflaschen, kostümierten sich mit Afro-Perücken zur Siebziger-Jahre-Schlagereinlage und brachten mit Hingabe und schönem Pathos die großen Weisheiten zum Platzen: "Nichts ist scheißer als Platz Zwei!" Da konnten auch die von Steven Sloane geleiteten Bochumer Symphoniker enthemmt die Sau rauslassen und befreit über die Flügel stürmen: kieksende Trompeten! Irgendwie passte dann doch alles an diesem Abend, auch der wogend rauschende Schlussapplaus fürs Ensemble hatte dann Stadion-Niveau. Das Thema "Fußball" ist mit diesem Oratorium wohl dennoch konzertsaaltechnisch ausgeschöpft. Denn wir alle wissen: Die Wahrheit liegt auf dem Platz.