Fußball-Show im ZDF: Kick it like Kerner - DER SPIEGEL
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Fußball-Show im ZDF Kick it like Kerner

Mit einer phasenweise kuriosen, insgesamt aber doch recht anstrengenden WM-Gala startete das ZDF seine Sendeaktivitäten zum Fußball-Jahr 2006. Johannes B. Kerner hatte über 20 illustre Gäste zum Jubel- und Aufarbeitungsmarathon geladen.
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Der tiefere Sinn der am Dienstag im Studio Hamburg aufgezeichneten Show wurde dem geladenen Publikum vorab vom Einheizer und dann auch von Moderator Johannes B. Kerner unmissverständlich erklärt: Es gelte, "die positive Stimmung aus dem Confed-Cup ins Jahr 2006 zu tragen", die kühle Hansestadt begeisterungsmäßig wie das "Brasilien Deutschlands" wirken zu lassen und im Zweifelsfall frenetisch zu applaudieren.

Bereits am Nachmittag hatte das stets um patriotische Gefühle bemühte ZDF ("Unsere Besten") auf seiner Jahres-Pressekonferenz ein launiges Torwandschießen veranstaltet und diverse ähnlich gelagerte Unternehmungen zu dem am 9. Juni beginnenden Großereignis annonciert - unter anderem eine von Kerner und Thomas Gottschalk präsentierte Fifa-Ticket-Show im Frühjahr.

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ZDF-Fußball-Show: Am Ball bleiben mit Kerner

Foto: ZDF/Carmen Sauerbrei

Zur Eröffnung der gestern gesendeten Gala gab's den leitmotivisch eingesetzten Gassenhauer "Football's Coming Home" und ein paar infantile Schäkereien mit dem unsäglichen Maskottchen Goleo. "Auf unserem Sofa wird Pressing sein", versprach Allrounder Kerner, ganz in seinem Element. In tatsächlich rasanter Folge wurden die ruhmreichen Weltmeisterschaften '54, '74 und '90 ("die Traummaße des deutschen Fußballs") abgefeiert - und die dazwischen und danach natürlich auch. Wobei genau diese Atemlosigkeit dazu führte, dass man am Ende trotz einiger kurzweiliger Kuriositäten das Gefühl hatte, einen vier- bis fünfstündigen Marathon durchlebt zu haben.

Als erste der im Minutentakt erscheinenden Gäste bat JBK Rekordnationalspieler Lothar Matthäus, den sendereigenen Sportmoderator Dieter Kürten und den Comedian Ingolf Lück auf die Couch. Es folgten die Herren Breitner, Neeskens und Sparwasser. Letzterer durfte noch mal sein legendäres Länderspieltor für die DDR beim 1:0-Sieg gegen die BRD 1974 kommentieren ("Heute würde man sagen: geil gemacht") und Neeskens gestand, dass er seinen im 74er-Endspiel für Holland verwandelten Elfmeter eigentlich gar nicht in die Mitte schießen wollte.

Verbunden wurden die Kommentare von Einspielfilmen, die oft wirkungsvoller Erinnerungen weckten als die Gespräche. Enorm ausdrucksstark etwa die Bilder vergangener Frisurenmoden und vor allem die Einspieler alter WM-Songs à la "Buenos dias, Argentina" (eine Tradition, die dankenswerterweise eingestellt wurde), verzichtbar dagegen das Geplänkel dazu von Kürten, Lück und Co.

Dabei förderte manche Befragung durchaus Neues zutage: So verifizierte Uwe Seeler das berühmte Sven-Simon-Foto, das ihn 1966 mit hängendem Kopf und Schultern in Wembley zeigt (Seeler: "Da denk ich nach") als tatsächlich nach dem Spiel entstanden (und nicht in der Halbzeitpause, wie es lange hieß). Und dass "die Schmach von Córdoba" 1978, als die österreichische Nationalmannschaft die DFB-Elf nach Hause schickte, womöglich mit dem Orgelspiel des mitgereisten Musikers Franz Lambert zusammenhing, war ebenfalls ein bisher unbekannter Analyseansatz.

Nicht ganz ernst zu nehmende neue Erkenntnisse gab es zum zweiten traumatischen Österreich-Spiel der deutschen Elf: Bei der als "Schande von Gijon" bekannten Begegnung 1982 in Spanien, bei der beide Teams einen "Nichtangriffspakt" geschlossen hatten, habe es keinerlei Absprachen gegeben, versicherten unisono Breitner und Toni Schumacher. Dessen späteres brutales Foul am Franzosen Battiston war irgendwie auch nicht so schlimm. Und Uli Stein, Schumachers einstiger Erzrivale um den Nationaltorhüterposten, erklärte, nie ein Problem mit dem Kollegen gehabt und auch den Kaiser Franz nie "Suppenkasper" genannt zu haben.

Überhaupt kam es zu skurrilen Gästekonstellationen: Dass besagter Toni Schumacher zusammen mit der grünen Ex-Verbraucherschutzministerin Renate Künast (die später lange neben Lothar Matthäus saß und nicht glücklich aussah) die Showtreppe hinunterschritt wie kurz zuvor Kurt Jara und Berti Vogts, war wohl nur möglich, weil "über Fußball jeder reden kann" (Künast) und Konsensmann Kerner Brücken baute.

Den spektakulärsten Stunt des Abends lieferte das Duo Manfred Kaltz/Klaus Fischer, das auf flugs ausgelegten Gummimatten Flanke-Fallrückzieher-Kombinationen zum Besten gab. Und dann kam Kohl: Der Altkanzler, elefantös und langatmig wie eh und je, war angereist, um den Kameradschaftsgeist von 1990 zu preisen und zu erzählen, wie er Berti Vogts 1994 nach dem Desaster in den USA zum Weitermachen überredet hatte.

Zum erstaunlichen Amüsement des Altkanzlers und zweifellos zur Belebung der Show enterte dann noch Pro-Sieben-Brachialkomiker Oliver Pocher die Szenerie. Als Nationaltrainer von Sansibar vorgestellt und vorübergehend mit viel zu großen Torwarthandschuhen angetan, übernahm er den von Lück nicht ausgefüllten, aber dringend benötigten Part des humoristischen Blitzableiters. Sowohl seine Kuranyi/Podolski-Imitation als auch die von ihm aufgebrachte Frage, ob denn beim Titelgewinn wohl die Kanzlerin in die Kabine komme ("hoffentlich nicht, dann wär die Feier ja vorbei"), waren von angemessen kabarettistischem Kaliber.

Zum hochverdienten Schluss, nachdem Nationalstürmer Miroslav Klose kernig Entwarnung in Bezug auf seine jüngsten Mittelgesichtsfrakturen gegeben ("hab' zwei Platten drin") und Hoffnung für das Turnier gemacht hatte (trotzdem keine Angst vor Kopfbällen), musste natürlich noch eine Grußbotschaft von Jürgen Klinsmann eingespielt werden - als Konserve aus Kalifornien.

"Bei Weltmeisterschaften kommt einem die Gänsehaut hoch", dozierte der Bundestrainer trappatoniesk, was Kerner, nicht unwitzig, als Gefühl bezeichnete, das man doch eher "Heiligabend um 20.30 Uhr" habe. Für die TV-Veranstaltung aber war's vielleicht gar keine schlechte Formulierung.

Am treffendsten drückte der Mainzer Trainer Jürgen Klopp seine Empfindungen zur WM aus: "Ich freue mich vor allem, wenn sie endlich anfängt und das ganze Gerede vorher vorbei ist." Nicht nur ihm stehen in dieser Hinsicht noch 140 harte Tage bevor.

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