"Gallery Weekend"-Ausstellungen Avatare in Berlin
Berlin - Man wird sich vielleicht einsam fühlen, wenn man in dieser Woche in die Berliner Galerien geht. Aber man wird die Ruhe haben, um die 60 Ausstellungen in den 50 teilnehmenden Galerien intensiv anzusehen.
Das ist ganz klar ein Vorteil gegenüber vergangenem Freitag, als sich so viele Menschen durch die Galerien drängten, das zum Beispiel Schipper und Bortolozzi vorübergehend schließen mussten. Ein Nachteil könnte allerdings sein, vorausgesetzt man ist finanzstark, dass man in einigen Galerien nichts mehr kaufen kann, weil alles oder fast alles bereits verkauft wurde. Aber abgeholt werden durfte noch nichts.
Wartelisten für noch nicht gemalte Gemälde
Das klingt übertrieben, aber es stimmt wirklich: Es gibt Ausstellungen, in denen jedes Bild verkauft wurde, wie zum Beispiel in der Galerie Judin . Dort zeigt der junge rumänische Künstler Adrian Ghenie, mit dessen Arbeiten die Galerie 2006 ihre Räume eröffnete, noch bis zum 28. Juni zehn Bilder unter dem Titel "Berlin Noir". Damit spielt er auf die dreißiger Jahre an und auf Themen wie die Bücherverbrennung vor der Humboldt-Universität auf dem Bebelplatz in Berlin.
Daneben sind malerische Interpretationen zu Vincent van Goghs "Sonnenblumen" zu sehen. Den Bogen dahin schlägt Ghenie damit, dass in Deutschland auch van Gogh zu den "entarteten" Künstlern zählte. Er selbst begegnete van Goghs Werken erstmals auf einem Umschlag eines rumänisches Kunsthefts, das der damals sechsjährige Ghenie lange unter seinem Kopfkissen aufbewahrte. Zu der Zeit hatte er sich wohl nicht träumen lassen, dass jetzt Sammler auf Wartelisten für seine noch gar nicht gemalten Gemälde gesetzt werden wollen und dass vielleicht auch eins der jetzt verkauften Bilder bei Auktionen eingeliefert und einen viel höheren Preise erzielen wird, als dafür bezahlt wurde.
Diese Wertsteigerung können auch die Werke anderer junger Künstler erfahren, wie zum Beispiel die von David Ostrowski, 32. Auf dessen vier riesengroßen minimalistischen Bildern bei Peres Projects (bis 21.6.) ist wenig zu sehen - wie zufällig gesetzte weiße Farbspritzer auf schwarzem Grund, Schmutzspuren, Fußabdrücke, eine aufgeklebte Leinenfläche auf weißer Leinwand oder eine lackierte, kurze Linie. Ostrowski, dessen vier Bilder jeweils für 50.000 Euro verkauft wurden, sei total "gehypt", sagt ein Düsseldorfer Sammler.
Rosa gilt als "ganz heiß"
Genau wie der gleichaltrige Daniel-Richter-Schüler Christian Rosa, der bei CFA (bis 7.7.) ausstellt. Rosa, geboren in São Paulo, aufgewachsen in Wien, heute Pendler zwischen Los Angeles und Wien, gilt als "ganz heiß" und jedermann weiß von dem jungen Maler, dass er im eigenen schwarzen Maserati herumfährt und dass seine rohen, einfachen zeichenhaften Bilder, die sich augenscheinlich auf die klassische Moderne beziehen, fast ausverkauft sind. Eine Kommilitonin von ihm weiß mehr: Rosa habe schon im Studium einen "Style" entwickeln wollen, zu dem L.A., das Auto und Sammler in Hollywood genauso dazugehören wie ein wiedererkennbarer Gestus und die Theorie zu seiner Malerei.
Auch Florian Meisenberg (bei Wentrup , bis 21.6.) gehört zu dieser erfolgreichen jungen Generation, er verbindet seine Malerei mit digitalen Motiven und kurzen Filmen. Zu seiner Installation gehören auch Drucker an der Decke, die Tweets und Posts von Freunden aus aller Welt ausdrucken und herabfallen lassen.
Bei Isabella Bortolozzi geht der Künstler Wu Tsang viel weiter in die digitale Welt hinein. In seinem Film "A day in the life of bliss" lebt die Figur Bliss, gespielt von Boychild, in einer nahen "Welt der Zukunft", bestimmt von den Looks von Avataren und Online-Anweisungen.
Peinliche Ungetüme
Wunderschöne Ausstellungen gibt es bei Guido Baudach , der die große Installation "Orbits of High Velocity Stars" von Björn Dahlem zeigt. Bei neugerriemschneider hat Pae White leuchtende, schwebende Skulpturen inklusive Duftessenzen installiert und zeigt Wandteppiche aus metallenen Stoffen, die sie nach Vorlagen japanischer Kimono-Muster in Belgien nachweben ließ. Die Galerie Esther Schipper bespielt Liam Gillick hochästhetisch mit seinen metallenen abstrakten Strukturen und mit Wand-Texten aus dem Coppola-Film "Der Dialog".
Interessant ist die Schau des arrivierten, aber noch immer diskutierten New Yorker Künstlers Adam McEwen, der bei Capitain Petzel in seiner Schau "Factory Tint" 15 senkrecht stehende schmale Bilder von Stretchlimousinen im Maßstab eins zu eins nebeneinander aufgestellt hat. Auf einem gehärteten Schwamm-Schaumstoff sind sie im Tintenstrahlverfahren gedruckt, worauf sich der Titel "Factory Tint" bezieht. Die früheren Statussymbole, in deren dunklen Scheiben sich die Umgebung spiegelt, sind heute peinliche Ungetüme - für McEwen allerdings sind sie "sculptures on wheels".
Das Highlight der Gallery Week ist noch bis zum 28. Juni die feine Ausstellung bei Aurel Scheibler mit drei Zeichnungen und neun Gemälden von Philip Guston, darunter auch zwei aus der Zeit, als Guston noch abstrakt malte. Man wird sehen, ob die Bilder des amerikanischen Maler-Helden, dessen Werk längst in die Kunstgeschichte eingegangen ist, sich auch bald auf einer Auktion wiederfinden. Oder ob es dem Erwerber wirklich um das Gemälde ging.