Gefräßige Medien: Seid verschlungen, Millionen! - DER SPIEGEL
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Gefräßige Medien Seid verschlungen, Millionen!

Ob Musikformate, Datenträger oder Presse-Publikationen - im Kampf um Quoten und Verkäufe verbeißen sich die Medien ineinander. Wenn Rapper Bushido sich auf seinem neuen Album als Kannibale inszeniert, ist das nur konsequent: Markt, Kunst und Publikum sind bereit fürs große Fressen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Bildungsbürger haben Bushido gefressen. Der Rap-Prolet steht für alles, was die zivilisierten Milieus verachten. Dabei ist er doch derjenige, der sich als Kannibale inszeniert. Auf seiner neuen CD ist er mit Gesichtsmaske und vergittertem Mund zu sehen, eine Anspielung auf den Serienkiller Hannibal Lecter. Der verputzte im Horrorfilm "Das Schweigen der Lämmer" seine Opfer und bewies, dass nicht jeder Kulturträger eine Beißhemmung haben muss.



Wenn Bushido heute Abend in der Talkshow "3 nach 9" auf Giovanni di Lorenzo trifft, verkehren sich vielleicht die Verhältnisse. Man wird sehen, wer wem zum Fraß vorgeworfen wird: der Hamburger Edel-Journalist dem HipHop-Rüpel aus Berlin oder umgekehrt.

In Bushidos Selbstinszenierung jedenfalls zeigt sich erneut die Anziehungskraft des Kannibalen, der nicht umsonst seit Jahrhunderten durch unsere Kultur- und Sozialgeschichte geistert. Zuletzt sorgte er in Gestalt von Armin Meiwes für Faszination und Schrecken: Der so genannte Kannibale von Rotenburg trat Ende 2007 gleich mehrfach medial in Erscheinung - als Buchthema, Interviewpartner und Gegenstand einer TV-Dokumentation.

Einspeisen und ausschlachten

Solche Ausschlachtungen der Pathologie kann man als obszön abtun, man kann sie aber auch als Symptom für eine kulturelle Lage deuten. Ob Bushido, Hannibal oder Meiwes - die in die medialen Verwertungszusammenhänge eingespeisten Kannibalen sind zu Sinnbildern dieser Medien selbst geworden.

Denn wie lässt sich zum Beispiel das Verhältnis von CD und Schallplatte beziehungsweise Internet und CD am besten beschreiben, wenn nicht über das Bild des gegenseitigen Verzehrs? Mit der CD konnten die großen Plattenfirmen ihren Katalog noch einmal verkaufen. Man zehrte sich gewinnbringend selber auf, bis mit dem Aufkommen des Internet die CD ihrerseits vom MP3-Format verschlungen wurde. So kam die aktuelle Krise der Plattenindustrie zustande. iTunes und andere Bezahlplattformen nutzten später die Situation und bauten das illegale Schmausen im Netz zum lukrativen Business um.

Das Netz tat sich auch am Kino gütlich, vor allem aber die DVD verleibte sich höchst gewinnbringend die filmischen Produktionen ein. Das Kino wiederum naschte vom Fernsehen, wenn nicht auf technologischer, so doch auf struktureller Ebene: Mit zahlreichen Wiederholungen ("Shrek 3", "Die Hard 4", "Spider Man 3") imitierte es das Konzept der Serie und nutzte in letzter Zeit verstärkt deren Hauptdarsteller. So tauchten die Stars von "Grey's Anatomy" und "24" in großen Hollywoodproduktionen auf. Die alte Regel, wonach ein TV-Darsteller nicht auf die breite Leinwand durfte, ist hinfällig.

Natürlich gilt das Axiom des Medienexperten Wolfgang Riepl: "Kein neues Medium ersetzt ein altes." Aber mit Kannibalismus ist hier auch keine Tilgung, sondern eine Vertilgung im Sinne von Integration gemeint. Wie beim rituellen Kannibalismus werden die Kräfte des andern in sich aufgenommen. Das gilt für die Printbranche, die mit Buch- und Lexikon-Ausgaben beim Buchhandel zulangt, ebenso wie für Online-Portale, die Print-Produkte nutzen, weiterverwerten und bereichern.

Bissfeste Medien

Kulturpessimisten wollen dieser Entwicklung Einhalt gebieten, dafür verwenden sie einen Kunstgriff, der allerdings nach Selbsttäuschung schmeckt: Man ruft ein Übermedium aus, das angeblich von andern nicht zu fressen ist. Für diesen Part werden immer mal wieder die Vorzeige-Genres des bürgerlichen Zeitalters bemüht: der Roman Thomas Mannscher Prägung zum Beispiel oder die Oper. Dass diese selber unreine Medien sind, die sich aus anderen Formen speisen (der Roman etwa aus dem Journalismus, in neuerer Zeit auch dem Film), wird dabei gern vergessen.

Raffinierter ist da schon die Apologie auf einen Film und seinen Darsteller, wie im Fall von Tom Cruise und "Walküre" geschehen. Nicht der Film vertilgt in diesem Fall ein Stück Geschichte, war die Logik der Argumentation im höheren Feuilleton, sondern ein deutscher Heldenmythos bedient sich des Films. Indem man der Stauffenberg-Figur sozusagen Transzendenz zusprach, hoffte man der Gefräßigkeit der medialen Ausnutzungsstrukturen zu entkommen. Dieser Mann, so das Kalkül, wird sich für zwei Filmstunden in Tom Cruise materialisieren, vom Medium und seiner Gier jedoch nicht angetastet werden.

Solche Gedankenspiele sind hübsch, führen jedoch ins kulturkritische Aus. Sinnvoller ist es, im Kannibalismus der Medien ein Zeichen der geltenden Verhältnisse zu sehen. Das "Walküre"-Projekt in Ehren - aber einen Bereich der Kultur, der, wie uns die bürgerliche Idee beibringen möchte, jenseits der Zwecke und ihrer technischen Aspekte liegt, gibt es nicht. Im Gegenteil: Die kannibalistische Dynamik zeigt, dass die Gesetze der Ökonomie von den kulturellen Formen nicht zu trennen sind. In den Strukturen unserer kulturellen Artefakte werden die des Spätkapitalismus deutlich.

Bestes Beispiel hierfür ist wiederum die DVD. In der Art des Mediums - dem immer gleichen Silberling und seiner Handhabung - steckt schon die Grundstruktur des Kapitals: sich mittels des Gleichen ewig zu reproduzieren und doch so zu tun, als sei man stets das Neueste. Vor allem die TV-Serie bebildert dieses Prinzip: Indem sie immer weiter dieselben Erzählmuster variiert und weiterschreibt, folgt sie der Logik der Mehrwerterzeugung durch stete Akkumulation.

Geschmackvolle Ironie

Wie kommt man diesen Verhältnissen bei, zumindest künstlerisch, ohne einerseits unverdaulich, andererseits Fast Food zu werden? Eine Lösung haben die Medien selbst parat, sie liegt in der Parodie. Im dritten Austin-Powers-Film zum Beispiel tritt der Schurke Goldständer auf. Der liebt das namengebende Edelmetall und hat einen Hang zum Selbstverzehr: Immer wieder schält er sich den eigenen goldbraun gerösteten Teint vom Körper, um ihn zu verspeisen.

Waren die Austin-Powers-Filme immer schon kannibalistische Feste der Genre- und Selbstzitate, so beweist die Goldständer-Figur, worauf es ankommt: auf eine Haltung der Ironie, die um ihr eigenes Eingelassensein in die Strukturen weiß und sich gleichzeitig von ihnen distanziert. Wir sind alle Teil des großen Fressens, sagt diese Szene. Man kann es aber auf delikate, geistreiche Weise sein.