Gelatin-Performance Bildhauer in Unterhosen und Highheels
Wer zu einer Performance der Wiener Künstlergruppe Gelatin geht, muss ein gutes Nervenkostüm haben. Man sollte nicht geräusch- oder geruchsempfindlich sein, sollte keine Berührungsängste haben und sich mit Spaß, Neugier und ohne allzu ausgeprägtes Schamgefühl auf Absurdes einstellen. Das viel mit Kindheit zu tun hat - also mit platzenden Luftballons und Stofftieren, mit Krach und Matsch. Wer diese Voraussetzungen erfüllt, ist genau richtig bei einem Happening von Gelatin, die sich in den letzten Jahren Gelitin nannten und sich nun, nach Auskunft ihres Büros, wieder zurückbenannt haben.
In Berlin baten die vier Gelatin-Künstler - Ali Janka, Tobias Urban, Florian Reither und Wolfgang Gantner - Künstlerkollegen in den Schinkel Pavillon, um gemeinsam vier Tage lang Skulpturen herzustellen - ab Mittwoch werden die entstandenen Werke am selben Ort zu sehen sein.
Zu dem Happening "Gelatin in Discursive Construction versus Communicative Deconstruction with..." waren natürlich auch Zuschauer willkommen. Am ersten Tag gab es sogar ein paar ordentlich aufgestellte Stuhlreihen um eine Art Bühnenraum herum. Am ersten Tag des Events agierten Gelatin von 18 bis 23 Uhr zusammen mit den drei zur Kollaboration eingeladenen Künstlern Martin Ebner, Kris Lemsalu und Thomas Zipp aus Berlin. Der Eintritt war frei, und die Zuschauer konnten kommen und gehen, wann sie wollten.
Rosa Busen und hellblaues Plastikpelzschürzchen
Gelatin erschienen in Arbeitskleidung, und die sah so aus: schmuddelige Unterhose über einer Jeans, dazu ein vorgebundener rosa Busen auf weißem Hemd. Oder einfach nur Rippen-Unterhose, hellblaues Plastikpelzschürzchen, kombiniert mit gelber Mütze und roten Highheels. Andere Zutaten waren ein giftgrüner Plastikfetzen, drapiert um die Hüfte, und bonbonfarbene Kunstpelzumhänge.
Thomas Zipp brachte seine ganze Mitarbeitermannschaft mit, die sich in nagelneue beige Arbeitskleidung plus Gummistiefel warfen und eine Art venezianische Gesichtsmaske trugen. Sie sorgten für Livemusik - oder sollte man lieber Geräusche sagen? - die auf Synthesizern und mehreren Schlaginstrumenten erzeugt wurde, durchmischt mit lauten Sirenen und gesprochenen Nachrichten aus einem Radio. Dazu kam ab und zu ein lauter Knall, wenn nämlich die Zipp-Crew schwarze und grüne Luftballons mit Pumpe so weit aufblies, dass einige zerplatzten.
Die vier Gelatins machten sich sogleich an die Arbeit des Bildhauens, assitiert von dem eingeladenen unverkleideten Ebner und von Kris Lemsalu, die mit schwarzer Gesichtsmaske, buntem Rock und Kopftuch mit den Gelatins mithalten konnte. Vorbereitetes Ausgangsmaterial stand dafür bereit, wie zum Beispiel ein Stuhl mit darauf befestigtem ausgestopftem Sack oder ein Tisch mit Kofferradio, Papphaus-Modellen oder einem ausgestopften Uhu. Es wurde gesägt, geklebt, angerührt, gegipst und genagelt, Stuhlbeine, die eben noch trugen, wurden an absurden Stellen neu verortet, mit gegipsten Tüchern umwickelt und taugten nun zu gar nichts mehr außer zur Kunst. Zerschnittene Krawatten oder bunte Papierschnipsel fanden Platz an einem Pappmaché-Ding, das auf dünnen Beinen stand, aber in den nächsten Stunden so weiter bearbeitet wurde, dass am Ende etwas ganz anderes aus ihm geworden war.
Der Eindruck von echter Zusammenarbeit beim Skulpturenformen stellte sich nur dann ein, wenn sich die Zuschauer darauf einließen, dass auch soziales Miteinander eine "soziale Plastik" ist, denn die Gelatins formten eher an Objekten herum und die Zipp-Leute eher an Geräuschkulisse und Ballonproduktion. Allerdings wurden die Ballons, ausgefüllt mit Gips, gern von Gelatin in die wachsenden Objekte einbezogen.
Ein Höhepunkt des Abends war der Einzug des maskierten Thomas Zipp auf seinem Motorrad in den Pavillon. Stühle und Bänke wurden schnell beiseitegerückt, Taschentücher vor die Nase und Hände an die Ohren gehalten, als Zipp hereinfuhr. Der Gag: Am Auspuff hing ein Riesenluftballon, der einfach nicht platzen wollte und den Reither dann zur Weiterverwertung davontrug.
Gaga-Geist und Nebelmaschine
"Der Gaga-Geist lebt", freute sich der frühere Deichtorhallen-Chef Zdenek Felix, der ziemlich lange gut gelaunt zuschaute. Und dieser Geist lebte auch an den folgenden drei Tagen mit wechselnder Künstlerbeteiligung weiter. Ansteckend war er nicht immer, denn die aktivsten Akteure waren Gelatin, während ihre Gäste eher ihren Beitrag lieferten, aber nicht wirklich eingriffen.
Am Sonnabend zum Beispiel waren bekannte Künstler wie Douglas Gordon, Gerwald Rockenschaub und Karl Holmqvist eingeladen. Letzterer arbeitet mit Texten, Sprache, Gedichten und Lesungen. Rockenschaub kam im tadellosen Anzug, befestigte eine goldfarbene, runde, etwa 20 Zentimeter große Skulptur an der Wand und stellte sie zur Weiterbearbeitung zur Verfügung. Er schaute ein bisschen zu und musste dann gehen. Gordon war ebenfalls nur kurz zu Gast, brachte eine Nebelmaschine, die von da an die gesamte Szenerie in unregelmäßigen Abständen in dichte graue Schwaden hüllte und Besucher aus dem Raum trieb. Holmqvist allerdings saß mit Mikrofon zwischen der größer gewordenen Szenerie mit neuen Skulpturen und Tonmatsch auf der Erde und sprach seine Texte, an denen die Dadaisten ihre Freude gehabt hätten, in ein Mikrofon.
Einige fertige Skulpturen aus den vorangegangenen Tagen standen schon im Flur herum. Nicht alle werden es in die Schau schaffen. Falls die entstandenen Skulpturen clean im aufgeräumten Raum ausgestellt werden, sollte man sich unbedingt die Entstehungsvideos ansehen, die der Fotograf Günter Gerdes alias Rubear bereits auf YouTube gestellt hat.
Gelatin. Berlin, Schinkel Pavillon. Eröffnung am 25. September um 20 Uhr. Bis 11.10.