Gentechnik: Babys wunderbar genormt - Berg-Kolumne - DER SPIEGEL
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Sibylle Berg

meinung •S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle Wunderbar genormt

Bald sind sie da: die genetisch optimierten Babys. Kritiker befürchten eine Überzahl klonähnlicher Humanroboter. Dabei könnten wunderbar genormte Menschen dem Einzelnen viel Leid ersparen.
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Während die meisten Menschen, außer die direkt Betroffenen, den Horror von Paris schon wieder vergessen haben, und die Experten auf den nächsten Einsatz warten, während viele sich an die neue Stufe des Weltauflösungselends gewöhnt haben, während all diesem gepflegten Irrsinn ist unbemerkt ein Fortschritt gelungen: Die gentechnische Anfertigung von gutgestalteten Babys  in den Industrieländern steht kurz bevor.

Die Haltung der meisten Menschen dazu, die sich in einer Spontanbefragung, die ich durchführte, klar abzeichnete, war: entschiedene Abwehr. Einige Weiterdenkende befürchteten, dass in einer übernächsten Stufe auch das Gehirn des Weltnachwuchses manipuliert werden wird und so eine Art menschlicher, zufriedener Konsumroboter erzeugt würde. Die meisten jedoch kritisierten die optische Auswirkung der neuen Menschen auf ihr eigenes ästhetisches Empfinden. Sie befürchteten die Überzahl gesunder, stromlinienförmiger, attraktiver, klonähnlicher Menschroboter.

Mach dich zum Teil der grauen Masse

Ein kleiner Blick in die real existierende Industrieländerwelt, also in die, die zählt, weil sie das erstrebenswerte Ziel der Restwelt scheint, ist verwirrend. Stromlinienförmige Menschen rennen und konsumieren, sie haben keine fundierte Ahnung von den politischen Vorgängen, von dem was die Welt zusammenhält - weil sie zu blöd sind oder weil alles unverständlich geworden ist.

Alles, was anders aussieht, was defekt und nicht dem Durchschnitt zu entsprechen scheint, wird abgelehnt. Wir sehen keine Menschen mit Behinderungen im öffentlichen Leben, zu dünne oder dicke Menschen werden offensiv in den wunderbaren sozialen Medien verachtet und gehasst. Deine Nase ist zu groß, dein Kiefer zu sperrig: Mach was, Mensch! Mach dich zum Teil der grauen Masse, der Jogger, der Kieferknochenmahler.

Was also spricht gegen wunderbar perfekte Babys, wunderbar genormte Menschen? Es würde dem Einzelnen viel Leid ersparen. Es würde homo- und heterosexuelle Partnerbildungen vereinfachen, denn was die meisten sich als Lebenspartner wünschen, ist so klischiert und langweilig, das man sich fast wünschte, jeder bekäme, wonach er sich sehnt: Ken und Barbie. Oder Ken und Ken und Barbie und Barbie.

Sie mögen nicht, was nicht der Norm entspricht

Jeder ist so individuell, raunen die Befragten in meinem Spontantest. Am Arsch, raune ich zurück. Die meisten hassen Individualität. Sie tuscheln und lachen über Männer, die Damenkleider tragen, sie stoßen sich in die Seiten und feixen, wenn eine Dicke oder eine Dünne zu sehen ist. Sie starren Behinderte an, sie beobachten Menschen mit anderer Hautfarbe als der ihren misstrauisch.

Sie mögen das nicht, was nicht der Norm entspricht, die meisten Menschen. Sie mögen Stars am liebsten, wenn sie minimal schöner sind als der Durchschnitt (ich) und minimal begabter (Helene Fischer) oder minimal intelligenter (ich). Sie wollen am liebsten beseitigen, was anders ist, denn es scheint sie selbst in Frage zu stellen.

So, und nun frage ich sie, liebe Damen und Herren, was bitte ist falsch am genormten, wunderbar stromlinienförmigen Menschen der nahen Zukunft?

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Foto: SPIEGEL ONLINE