meinung •S.P.O.N. - Der Kritiker Kritik im Kuschelland
Ungerechtigkeit wird unterschätzt. Einseitigkeit. Wut. Streit. Urteilskraft. Prinzipien. Kriterien. Klarheit, wenigstens für einen Moment.
Einigkeit wird dagegen überschätzt. Einigkeit ist der Untergang, weil sie meistens ein Phänomen der Krise ist, des künstlichen Zusammenhalts, der Taktik und der Verweigerung, die Konflikte auszutragen, die nötig wären, um etwas Sauerstoff ins System zu pumpen.
Kritik, mit anderen Worten, hat im diskursiv total herunter gedimmten Merkel-Deutschland eine befreiende, eine emphatische, eine demokratische Funktion; gerade indem sie spaltet, indem sie verwirrt, verstört und nicht einfach alles, wie es gute deutsche Tradition ist, hinnimmt.
Die alte BRD, nur als Beispiel, war eben ein Konsensland, das war die Lektion von Krieg und Judenmord: Über den Gräbern der Toten reichte man sich die Hände und schloss die Reihen. Viel von dieser konfliktscheuen Hasenhaftigkeit ist bis heute da.
Die alte DDR wiederum war ein Konformismusland, ein anderer Untertanenstaat, auch das eine Folge von Krieg und Judenmord: Das bessere Deutschland lebte von einer Moral, die in hellblauen Hemden daherkam. Der kleinteilige Karrierismus und der beiläufige Verrat haben sich bei Angela Merkel zu einem postpolitischen Stil gefügt.
Immer schön in der Mitte bleiben
Und so wurde dieses neue Deutschland ein Kuschelland, das aus Angst und Abhängigkeiten eine Stimmung der Kritiklosigkeit schuf, dessen Verkörperung jemand wie Ronald Pofalla war, die personifizierte Prinzipienlosigkeit, ein Beweis dafür, dass Konturenlosigkeit einen fast physisch unfähig macht für so etwas wie einen Rücktritt.
Es ist ein System ohne Konsequenzen, eine einzige erstickende Koalition, in der die SPD etwa munter rechtsstaatliche Prinzipien aufgibt - gerade erst die Vorratsdatenspeicherung des ewigen Oberschülers Heiko Maas: Der Verrat, maskiert als Kompromiss.
Womit wir bei der deutschen Literatur wären: Auch eine Art große Koalition der Kopfnicker und Juryhocker, angstvoll um Einigkeit bemüht. Nur ja kein Streit, nur ja keine Wut, nur ja keine Konflikte. Es gibt rechte Literatur? Aaahhhh!!!! Es herrscht Krieg? Wir schreiben Bücher über Vögel. Die Roboter kommen? Wir schreiben Familienromane.
Konfektionsliteratur und Konsenskritik
Sie haben sich entschlossen zum störrischen Weitermachen, vielleicht zieht sie ja weiter, die Krise, die Gegenwart, die Wirklichkeit: Die Verlage schießen stur einen Debütroman nach dem anderen heraus, die Schriftsteller fühlen sich immer gekränkter, je mehr sie gefördert werden, und Kritiker haben eh eine Verabredung getroffen zur geborgten Wichtigkeit.
Und so schauen sich alle dabei zu, wie sie immer kleiner werden, immer mutloser, immer zahmer in den Urteilen. Es sind die Texte selbst, die schlapp und blutleer sind, weil sie so oft die Abgründe umschiffen, die unsere Zeit ausmachen: Konfektionsliteratur und Konsenskritik fürs Kuschelland.
Ob das "Literarische Quartett" daran etwas ändert, das es ab Herbst wieder geben wird, wie das ZDF meldete, mit SPIEGEL-Autor Volker Weidermann, der Fernsehfrau Christine Westermann und dem Schriftsteller Maxim Biller als feste Teilnehmer?
Ich hoffe es, ich glaube es, in gewisser Weise jedenfalls - indem es, dafür stehen die drei, die Tradition des Streits wieder aufnimmt, ein wenig Weimarer Eleganz, die feine Vernichtung, die mit Respekt verbunden ist und mit der Möglichkeit, trotzdem noch zusammen Schnitzel zu essen.
Eine jüdische Art des Streitens
Die Sendung war ja immer institutionalisierter, vielleicht auch inszenierter Streit. Sie war jedenfalls der Versuch, mit Argumenten bestückt, bestimmten Büchern und Autoren eine Wichtigkeit zu geben, die sie im Preissegen-Einerlei dieser Tage nicht mehr haben.
Die Tradition, das hat Hellmuth Karasek gerade noch einmal beschrieben, war dabei die Gruppe 47 mit ihren harten Attacken - und auch das Quartett sollte ursprünglich "eine Art Gerichtshof für Literatur werden, vor dem je ein Autor vorgeladen werden sollte. Zwei Kritiker sollten ihn verteidigen, zwei als Staatsanwälte der Literatur anklagen."
Das klingt nach einer sehr deutschen Form von Zerstörungs- und Rechtfertigungslust - aus der Marcel Reich-Ranicki dann eine Fortsetzung der Literaturkritik mit zivilen Mitteln machte, eine eher jüdische Art des Redens und Streitens.
Und so ist dieses neue Quartett im Grunde mehr als eine weitere Literatursendung: Es ist der Versuch herauszufinden, ob dieses Land im Jahr 2015 ganz deutsch ist oder doch noch ein wenig jüdisch.