S.P.O.N. - Der Kritiker Wann begann der Verrat?
Die Postmoderne begann am 22. November 1963, heute vor fünfzig Jahren. Sie begann mit drei Schüssen, die den amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy trafen, ein vierter, so hieß es danach oft, ging daneben - dann aber hätte es mindestens einen zweiten Täter geben müssen. Und was würde das bedeuten?
Die Postmoderne begann also mit einem Toten und einer Menge Fragen. Sie begann mit einem Gerücht, mit einem Geheimnis, sie begann mit Geschichten vom Verschweigen und Vertuschen, sie begann mit Mutmaßungen, die sich vor die Wahrheit setzten, sie begann als Narrativ, sie begann als Sprache, die die Welt ersetzte. Die Verschwörung lieferte die Grammatik, um die Welt zu lesen.
"Lee wollte gerade den dritten Schuss abgeben, er war dabei, er hatte bereits den Finger am Abzug. Das Licht war von herzzerreißender Klarheit. Ein weißes Bersten mitten im Leuchtrahmen. Ein fürchterliches Spritzen, ein Bersten. Irgend etwas flog lodernd vom Kopf des Präsidenten weg. Er wurde zurückgeworfen, völlig in Staub und Dunst eingehüllt. Dann war er plötzlich wieder zu sehen, reglos und tief in seinem Sitz. Oh, er ist tot, er ist tot."
War es die Mafia? Exil-Kubaner? Oder Nicholas Brody?
So beschreibt Don DeLillo diesen Ur-Moment des 20. Jahrhunderts, in seinem Roman "7 Sekunden" - er beschreibt ein Bild, das alle kennen, ohne es gesehen zu haben, er beschreibt den Film, den alle kennen, ohne ihn gesehen zu haben, es sind die Aufnahmen von Abraham Zapruder, der nicht wollte, dass daraus das Einzelbild Nummer 313 gezeigt wird, der Moment, in dem Kennedys Kopf explodiert: Die Postmoderne entstand aus der Konkurrenz zwischen Sprache und Bild.
Wer also hatte Kennedy umgebracht? Die Mafia, Exil-Kubaner oder Nicholas Brody? Wie viele Täter waren es? Einer, zwei oder all die Zuschauer vor den Fernsehern? Kann es sein, dass der Kopf nach vorne kippt, obwohl Kennedy von hinten getroffen wurde? Es gab Fragen über Fragen, es gibt bis heute 40.000 Bücher zum Kennedy-Mord, es ist unfassbar - vor allem, weil die wirklichen Fragen doch ganz andere sind.
Wann begann der Verrat, zum Beispiel: Der Verrat an den Idealen der Freiheit und dem Selbstbestimmungsrecht der Nationen, die doch die Grundlage des amerikanischen Jahrhunderts hätten sein können, sein sollen - begann dieser Verrat etwa 1919 auf der Konferenz von Versailles, so argumentiert der indische Autor Pankaj Mishra eindrucksvoll in seinem gerade erschienenem Buch "Aus den Ruinen des Empires"? Begann es mit einer Lüge des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson?
Und ab wann ersetzten überhaupt die Lügen die Politik, ab wann wurde Paranoia Politik - der ehemalige "New York Times"-Reporter Stephen Kinzer beschreibt in seinem neuen Buch "The Brothers" die Brüder Allen und John Foster Dulles, die als CIA-Chef und Außenminister das amerikanische Auftreten prägten und dafür sorgten, dass in den 1950er Jahren von Guatemala bis Iran demokratische Regierungen gestürzt wurden: Kennedy übernahm die Dulles-Brüder, die in Versailles Woodrow Wilson bewundern gelernt hatten, und er übernahm eine Politik des Verrats, die im Vietnam-Konflikt ihren tragischen Höhepunkt fand.
Literatur gegen, über und durch Paranoia
Kennedy steht damit mitten drin in den Fragen nach dem Guten und dem Schlechten in der Politik, mitten drin in diesem amerikanischen Jahrhundert, er ist eine Janus-Figur, die sich nicht in einem Satz über Berlin erschöpft - und die Fixierung auf seinen Tod, die Mystifizierung dieses Mordes nimmt Kennedy als zentrales Element heraus aus der Analyse dieser Zeit, eine Leerstelle, die gern auch genutzt wurde als Abwurfstelle für antiamerikanische Gelüste.
"Die Waffen tauchten auf. Polizisten stiegen von ihren Harleys und liefen mit gezogenen Pistolen die Böschung hinauf. In der Wagenkolonne hatten die Geheimdienstleute ihre automatischen Waffen entsichert, Handfeuerwaffen tauchten auf. Die Tauben machten kehrt und flogen jetzt mit heftigen Flügelschlägen nach Osten."
Don DeLillo füllt die Leerstelle, die Kennedy nach den 50 Jahren, nach den 40.000 Büchern ist, mit Sprache. Sprache ist für ihn das Gegengift, Sprache gegen Sprache, Narration gegen Narration, nicht Aufklärung gegen Paranoia oder Paranoia gegen Paranoia, sondern Literatur gegen, über und durch Paranoia - "I was looking for ghosts", so beschreibt er seine Recherche für den Roman: Eine andere, nicht höhere, aber wirklichere Wirklichkeit als die, die uns angeboten wird, von den Medien, heute, und von den Verschwörungstheoretikern in alle Ewigkeit.
"Es brauchte sieben Sekunden, um den Präsidenten zu töten", sagte DeLillo in einem Interview mit der "Paris Review", "und wir sammeln immer noch Beweise und wühlen uns durch Dokumente und finden Leute, mit denen wir reden können, und arbeiten uns an den Trivialitäten ab."
Das alles ist eine Übersprungshandlung. Ein Fluchtreflex. Duck and cover, das war das Motto des Atomzeitalters. Als ob es etwas geholfen hätte. Als ob die Bombe nicht alles vernichtet hätte und überstrahlt.
Auch die Postmoderne wirkt heute wie ein philosophischer Fluchtreflex.
Happy Birthday.