Georg Diez über Liebe und Musik von "The Kills" - DER SPIEGEL
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Georg Diez

meinung •S.P.O.N. - Der Kritiker Die Liebe als Ursprung des Bösen

Literatur und Popmusik haben etwas gemeinsam: Sie versuchen sich beide an den unbeantwortbaren Fragen des Lebens. Die Band The Kills tut das auch, seit Jahren schon, mit jedem Album neu.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie klingt eine Zeit, die es nicht gibt, die sich hin und her wirft vor Verzweiflung darüber, dass sie abgeschafft wurde und weggeschafft und mit ihr alle Lust, alle Verschwendung, alle Zerstörung, was in diesem Fall vor allem Selbstzerstörung bedeutet, denn es geht hier immer, immer, immer um die Liebe, die unbedingte Liebe, die verdammte Liebe, die Liebe als Fluch und damit auch als Erlösung, allerdings meistens die Art von Erlösung, die am Kreuz endet?

Wie also klingt die Liebe, die es nicht gibt, weil sie entweder Lust ist oder Verlust, weil sie immer dann passiert, wenn sie sich ereignet, und selten, wenn es sein muss, weil sie so sehr Körper ist, dass es schmerzt, und wenn es nicht schmerzt, dann tut es weh, weil etwas fehlt, das einen daran erinnert, dass du lebst, dass du atmest, in diesem Rhythmus, der hechelnde Atem, der Puls, der schlägt, das Blut, das dich antreibt, weil es heiß wird und heiß und immer heißer?

Und was daran wäre heutig, was an dieser gezielten Hysterie, an dieser manischen Gereiztheit, an diesem bedingungslosen Wollen, an dieser Kreisbewegung, zwei Menschen, die sich so lange drehen, bis sie eins werden, oder ein Mensch, der sich um einen anderen dreht, damit er, damit sie nicht merkt, dass er und sie allein sind? Wo also hört die Liebe auf und fängt der Narzissmus an? Wann ist die Einsamkeit die Konsequenz von zu großer Liebe? Und gibt es das, zu große Liebe?

Die Liebe als anarchische Utopie

Es ist, unter anderem, das Wesen der Literatur, dass sie auf all solche Fragen vielleicht keine Antwort gibt, aber doch Worte findet, einen Ton, eine Sprache, Sätze oder Bruchstücke von Sätzen, aus denen sich der Leser oder die Leserin etwas zusammenbauen kann, was einen Halt, eine Ahnung, einen Schmerz vermittelt, was wiederum so etwas wie Leben ist - und wenn die Band The Kills das auch tut, seit Jahren schon, mit jedem Album neu, dann sieht man mal wieder, wie weit das Wesen der Literatur schon immer in den Pop hineinreicht, der die Erzählungen zur Zeit findet.

The Kills, das sind Jamie Hince und Alison Mosshart, zwei Poeten des Untergangs, dunkle Sucher im Reich der Sinne, heillos Liebende, angetrieben von dem Glauben, dass das nicht alles sein kann, was sie sehen, hören, fühlen, dass es mehr geben muss, dass sie zerspringen, wenn sie es nicht bekommen, dass sie alles dafür tun würden, es zu haben, diesen einen Moment, den reinen Moment, das tückische, trügerische Glück; und die Liebe als anarchische Utopie.

"Doing It To Death", "Heart of a Dog", "Bitter Fruit", so heißen die Songs auf ihrem gerade erschienenen Album "Ash & Ice", Songs wie Schüsse in der Dunkelheit, Blitze, Stromschläge, Zuckungen, wild und verzweifelt, die Musik drängt und treibt nach vorne, nur weg von der Vergangenheit, nur Weg von dem Fluch einer Zeit der Lust und der Leiden und hin zu neuer Lust und neuen Leiden, die doch die alten bleiben: "I was conceived in a red rage", singt Alison Mosshart in "Bitter Fruit", dunkel, lockend, verloren und stark zugleich, "I am the seed of a dead age".

Die Musik von The Kills ist stark durch Verletzung und Verlust

Die Liebe also als Ursprung des Bösen, als Zeichen der Sünde - diese biblische Dimension war dem Pop immer zu eigen, The Kills aber haben den eigenen Untergang bislang dem der Ende der Welt vorgezogen. Ihre Apokalypse war eine der Gefühle und der Leidenschaften, ihr Weltensturz war Sex, jedes Mal und immer wieder. Und so war sie immer hoch erotisch und auch hoch neurotisch aufgeladen, diese Musik, gepusht von einer Gitarre, die dieses Mal etwas zurückgenommen ist, nach einem Unfall von Hince, der erst mühsam wieder das Gitarrespielen lernen musste und sich noch dazu von seiner Ehefrau getrennt hat, dem Übermodel Kate Moss.

Aber Abschied ist eh der Modus, in dem sich diese Band bewegt - das Ende nicht als Anfang, sondern der Anfang als Vorbereitung für das Ende. Das ist ihre Poetologie der schönen Niederlage. Sie stemmen sich gegen den Verlust, sie fügen sich nicht, sie feiern ihn. Was ihre Musik dabei ausmacht, was sie ausstrahlt, ist eine Stärke, die aus der Verletzung und dem Verlust entsteht. In dem allgemeinen Umbruch, in dem sich gerade alles zu befinden scheint, vom Privaten bis zum Politischen, von der Wirrnis der Meinungen bis zum Wüten der Massen, ist das der passende Sound, Abendlieder der Vernunft.

Die Dämonen, sagen The Kills, sind schwer zu ertragen, wenn man schon so lange mit ihnen gelebt hat. Und so sind sie, Hedonisten im Sonnenuntergang, Sirenen der Vergeblichkeit, nicht nur große Liebende und damit auch Zerstörer, sie sind vor allem auch wache, wütende Zeitgenossen. Sie liefern Musik für eine krachende Gegenwart. Sie nehmen Verwundungen wahr, die im allgemeinen Sediertsein verschwinden. Sie klammern sich aneinander und rennen nach vorne, wo man nicht sieht, wie es weitergeht.

Es ist ein verführerisches Kunstwerk, den eigenen Untergang als Versprechen zu betrachten.

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Foto: SPIEGEL ONLINE