meinung •S.P.O.N. - Der Kritiker Das Zeitalter der Selbstzerkrümelung
Künstlerin July: Schauerlichste Nichtliebesszenen
Foto: Hannibal Hanschke/ picture alliance / dpaDer Softboy, schreibt Alan Hanson , ist "emotional intelligent, aber er weiß nichts mit diesem Wissen anzufangen. Er ist künstlerisch. Er ist sich seiner selbst bewusst. Er hat immer noch einen Schwanz."
Der Softboy ist, so beschreibt es Hanson, die gegenwärtige Variante des Fuckboy, der "überhaupt nicht versteht, dass du dich aufregst, weil er dir drei Tage lang nicht getextet hat und dann schließlich geschrieben hat: Na, wie geht's".
Der Softboy dagegen weiß, "dass dieses Verhalten eigensinnig und grausam ist, obwohl er das manchmal vergisst, weil er unbedingt mit dir schlafen will. Er kennt die Scham. Er macht es wieder."
Er ist das, was das Zeitalter der Selbstreflexion, der Selbsterforschung und Selbstzerkrümelung aus dem Liebhaber gemacht hat.
Er ist Narcissus, der sich im Spiegel der anderen zu erkennen sucht. Er weiß nicht, wer er ist, und braucht die anderen, um es ihm zu zeigen. Was die Psychoanalyse für das 20. Jahrhundert, ist Facebook für das 21. Jahrhundert.
Der Softboy ist nie allein, weil er sich immer auf andere bezieht. Er ist umgeben von den Bildern, die andere sich von ihm machen. Er ist frei nur in der supersanften Kontrollgesellschaft der sozialen Medien.
Der Softboy ist dabei keine tragische, eher eine komische Figur - eine Art emotionaler Selbstmordattentäter, ein literarischer Charakter, in dem sich der Hauptzug unserer medial oversexten Zeit zeigt: zu viele Gefühle.
Der weibliche Gegenpol zum Softboy ist Cheryl Glickman, die Hauptfigur in Miranda Julys fantastischem neuen Roman "Der erste fiese Typ" - für Lena Dunham eine "Bibel", denn "nie hat ein Roman mich so tief berührt, meine Sexualität, meine Spiritualität, mein geheimes Selbst".
Auch Cheryl Glickman hat zu viele Gefühle - aber im Gegensatz zum Softboy macht sie daraus kein Verkaufsargument auf dem Markt der sexuellen Avancen: Sie zieht sich zurück in ihre emotionale Traumwelt, in der sie mit Phillip lebt, der sie nie lieben wird und nie geliebt hat, auch wenn Cheryl davon überzeugt ist, dass sie ein Paar sind, spätestens seit der Steinzeit schon.
Doppelt umgekehrter Porno
Es ist eine der schönsten, schauerlichsten Nichtliebesszenen überhaupt, wie Miranda July, die in ihrem Schreiben, ihren Filmen, ihrer Kunst schon immer auf dem Grat zwischen Klischee und Wahrheit traumwandelte, diese Nichtliebe zwischen Cheryl und Phillip platzen lässt - und sie in den Emoticon-Wahn unserer Zeit übersetzt, eine Hypertrophie der Hoffnung und Enttäuschungen.
Denn auch Phillip ist ein Softboy, wenn auch im weit fortgeschrittenen Alter, über 60: Also fragt er Cheryl, die ihn liebt, um die Erlaubnis, dass er mit der 16-jährigen Kirsten schlafen darf, die er liebt, "ich werde noch verrückt" - er schickt Cheryl eine SMS nach der anderen, immer in Großbuchstaben, er bittet, er wartet, er reibt die 16-Jährige durch die Jeans feucht, er badet mit ihr, vielleicht Oralsex, fragt er Cheryl, immer noch keine Penetration, prahlt er, es ist doppelt umgekehrter Porno und eine nie hämische Parabel.
"Ich habe ihr erklärt, wie stark du bist", sagt Phillip zu Cheryl, die denkt, dass er ihr an diesem Abend seine Liebe gestehen will, er habe ihr erklärt, sagt Phillip, "dass du Feministin bist und allein lebst, und sie war einverstanden, dass wir warten, bis wir wissen, wie du darüber denkst."
Und dann fassen sie sich doch an, Cheryl und Phillip, während er ihr die Liebe zur 16-Jährigen gesteht: "Jetzt taten wir es mit beiden Händen und sahen uns dabei direkt in die Augen. Unsere Geschichte rückte uns auf den Leib, hunderttausend Lebzeiten vollzogener Liebe. Wir standen auf, die Hände zusammengepresst, zwischen uns nur drei Zentimeter."
Es ist so voll von verquerer Liebe, dieses Buch, so beiläufig in seinem Witz, so schnell, so sicher, so sinnlich, so klug und lebendig und eindeutig von heute, dass man die Longlist der Titel für den Deutschen Buchpreis noch dreitausendmal rückwärts buchstabieren könnte, es wäre nicht schöner.
Warum das so ist? Warum hinter jeder Ecke eine Überraschung, und Twist um Twist, die Gewalt, die Sehnsucht, die Verachtung, die Nähe, die Liebe, alles plausibel selbst in den hübschesten Volten?
Implosionen der Innerlichkeit
Warum also jemand wie Miranda July so einen Roman schreibt, der Satz für Satz fast alles tot erscheinen lässt, was hier so veröffentlicht wird?
Vielleicht weil sie weiß, dass sich Satz für Satz dafür rechtfertigen, dass er geschrieben wird, in dieser Welt, in diesem Moment.
Zum Beispiel hier, die Epiphanie der Softlove, Cheryls Traum: "Wir würden uns schnäuzen und entkleiden, aber nur so weit wie nötig. Ich würde zum Beispiel Bluse und Socken anlassen, vielleicht sogar die Schuhe, und Phillip ebenfalls. Hose und Unterhose würden wir ganz ausziehen, aber nicht zusammenlegen, weil wir sie dann nur wieder auffalten müssten. Wir würden sie auf dem Boden ausbreiten, sodass sie nachher leicht wieder anzuziehen wären. Dann würden wir nebeneinander ins Bett schlüpfen, uns ausgiebig umarmen und küssen, Phillip würde sich auf mich legen, seinen Penis in mich einführen und mir dann mit einer tiefen, befehlerischen Stimme zuflüstern: 'Denk an dein Ding!' Ich würde lächeln, dankbar für die Erlaubnis, mich in mich selbst zurückzuziehen, und die Augen schließen - mich gedanklich in ein sehr ähnliches Zimmer wie dieses versetzen, in dem unsere Hosen auf dem Boden ausgelegt sind und Phillip auf und in mir war. 'Denk an dein Ding', sagte er mit tiefer, befehlerischer Stimme, und ich floss über vor Dankbarkeit und Erleichterung, noch mehr als beim letzten Mal. Ich schloss die Augen und fühlte mich erneut in einen sehr ähnlichen Raum versetzt, eine Fantasie innerhalb einer Fantasie innerhalb einer Fantasie, und so ging es weiter und steigerte sich in seiner Intensität, bis ich so tief in meinem Inneren war, dass es nicht weiter ging. Das ist es. Mein Ding, das, woran ich beim Geschlechtsverkehr oder beim Masturbieren gern denke. Es endet mit krampfartigen Zuckungen meines Unterleibs, gefolgt von einer sehr entspannenden Müdigkeit."
Implosionen der Innerlichkeit, Sex als Phantasma, überpräsent, unerreichbar: "Ich sehe eine steinige Tundra vor mir und eine kauernde Gestalt mit affenartigem Gesicht, die mir ähnlich sieht. Ihr Partner ist ein kräftiger, behaarter Prä-Mann, der sehr wie du aussieht, und sie schenkt ihm ein selbst gemachtes Säckchen aus Tierinnereien. Er fischt mit seinem dicken Finger einen bunten Stein heraus. Ihr Geschenk an ihn. Verstehst du, worauf ich hinauswill?"
Nein, natürlich nicht, Cheryl.
Ja, schon, Cheryl.
"Der Softboy benutzt die Schuld wie ein Blumenmesser", schreibt Hanson. Er ist das passiv-aggressive Gesicht unserer Zeit.
Miranda July war die Päpstin des Passiv-Aggressiven, das war die autistische Kunst ihrer Filme, "Ich und Du und Alle, die wir kennen" (2005) oder "The Future" (2011), das war die grausame Zärtlichkeit ihrer Kurzgeschichten, "Zehn Wahrheiten" (2008).
Irgendetwas ist passiert, und sie hat sich in diesem ihrem ersten Roman von der Schönheit der Selbstverachtung gelöst.
Ihre Cheryl leidet nicht mehr daran, dass sie zu viele Gefühle hat; sie weint nicht mehr grundlos.
Sie weint nun mit Grund.
Miranda July:
Der erste fiese Typ
Übersetzung: Stefanie Jacobs.
Kiepenheuer & Witsch; 336 Seiten; 19,99 Euro
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