Gerd Ruge Der Egon Erwin Kisch unserer Tage
Der Mann macht wunderbar altmodisches Fernsehen zum Hinschauen, wäre er ein Koch, könnte man von solider Hausmannskost reden, die sich gegen die Grausamkeiten des "Fast Food" auf der einen Seite und auf der anderen Seite gegen die Narreteien der "Nouvelle Cuisine" behauptet. Und im Gegensatz zu Peter Scholl-Latour, dem mobilen Einsatzkommando des ZDF, ist Ruge wirklich ein Reisender aus Leidenschaft.
Bei Scholl-Latour klingt jeder Satz wie eine Belehrung "Ich bin der Experte, ich weiß es genau" bei Ruge wird man nur eingeladen, den Reporter zu begleiten: "Komm mit, ich zeige dir, was ich gesehen habe."
Nun war Ruge mit einem Team und einem Geländewagen in Afghanistan unterwegs und hat die Expedition in drei Folgen dokumentiert. Die zweite lief letzten Freitag und handelte vom Leben in der Hauptstadt Kabul nach dem Ende des Taliban-Regimes.
Darüber weiß man inzwischen einiges, möchte vieles aber genauer wissen. Wie lebt es sich nach Krieg und Bürgerkrieg, nach Besatzung und fundamentalistischer Gewaltherrschaft? Unter Bedingungen, wie sie schlimmer nicht sein könnten, die jeden deutschen Sozialhilfeempfänger glatt wie einen Lotto-König erscheinen lassen?
Ruge geht gleich in medias res. Er zeigt Kabul nach Sonnenuntergang, wenn auf den Straßen das Chaos losgeht, dann besucht er ein "Hauskonzert mit gemischter Gesellschaft", wo Ali, acht Jahre alt, "mystisch-erotische Gesänge der Klassik" vorträgt.
Am folgenden Morgen sieht man ihn auf dem Basar im Zentrum, dem Markt dem armen Leute, die einen kaufen, die anderen verkaufen, Waren gibt es genug, nur das Geld ist knapp. In einer wieder eröffneten Mädchenschule werden die Taschen der Schülerinnen am Eingang auf Waffen durchsucht, in Kabul, sagt Ruge, "gehen mehr Mädchen auf die Schule als Jungen", nur sind einige, wegen der von der Taliban durchgesetzten Zwangspause, inzwischen "zu alt für ihre Klasse".
Macht nichts, der Physikunterricht, in dem kinetische und potentielle Energie erklärt werden, macht allen Spaß. Ruge fährt durch zerstörte Vororte der Hauptstadt ("Wasser gibt es nicht und auch keine Arbeit"), redet unterwegs mit den Menschen, die in den Ruinen hausen und steht plötzlich vor einem Schwimmbecken, in dem Kinder plantschen: "Viel Wasser ist nicht drin, dafür ist es sehr grün."
Dann zeigt er eine Hochzeitsgesellschaft, die in geschmückten Autos durch Kabul rollt. Auch das hat es unter den Taliban nicht gegeben. "Sie trauen sich wieder."
Eine Oberschule mit 6ooo Schülern in 75 Klassen, unterrichtet wird in drei Schichten, es gibt keine Tische, keine Stühle, kein Unterrichts-material, die Lehrer haben seit Monaten kein Gehalt bekommen. Aber sie arbeiten weiter. "Wir sind der Welt dankbar, dass wir vom Joch der Taliban befreit wurden", sagt eine Lehrerin, die ein Seminar für Lehrer besucht.
Die gleiche Situation an der deutschen Abteilung der Uni von Kabul ("Lernen wollen sie alle") und im Boxclub der Hauptstadt, wo ein paar junge Männer trainieren, auch Faustkämpfe waren unter den Taliban verboten. Und die "Union der Künstlerverbände" hat ihr altes Haus wieder bezogen, es ist leer und verwüstet, aber es erwacht zu neuem Leben. In einem der Zimmer steht ein Konzertflügel ohne Beine, er war jahrelang im Garten unter Laub versteckt.
Ruge hat ein Talent: Ohne viel zu fragen, bringt er die Menschen zum Reden, sie sprechen mit ihm wie mit einem alten Bekannten, der mal wieder vorbeigekommen ist. In einem Dorf der Hasara, an der Strecke Kabul-Kandahar, erzählt der Dorfälteste, wie die Kartoffelbauern von den Grundbesitzern ausgebeutet werden, wie es in Afghanistan an allem mangelt, vor allem an Bildung und Erziehung. 20 Familien mit 300 Menschen und Tieren leben buchstäblich von der Hand in den Mund.
Ruge geht sehr nah ran, wird aber nicht zum Voyeur, der die Armut romantisch einfärbt. Wo es sentimental werden könnte, macht er einen harten Schnitt. Vor dem Besuch bei den Hasara hat er sich an einer Raststätte gestärkt, wo es "den besten Kebab" weit und breit gibt. Hier machen die Lastwagenfahrer Brotzeit und der Kebab-Mann ein gutes Geschäft.
So setzt Ruge Mosaiksteinchen zu einem Bild zusammen, das nie komplett wird aber doch eine Ahnung vermittelt, wie es eines Tages aussehen könnte. Man merkt ihm den Spaß an seiner Arbeit an, auch wenn er mal im Freien übernachten und ein Zelt aufbauen muss. Ruge ist der Egon Erwin Kisch unserer Tage, hätte es zu den Zeiten des großen Pragers schon Fernsehen gegeben, wäre auch Kisch mit der Kamera unterwegs gewesen und hätte, wie Ruge, die Welt erkundet. Nun ist es Ruge, der die Arbeit von Kisch fortsetzt.