Germanwings-Katastrophe: Das Trauerspiel - DER SPIEGEL
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Germanwings-Katastrophe Das Trauerspiel

Warum reisen Angehörige zur 4U9525-Absturzstelle? Warum pilgern Politiker zum Unglücksort, wieso entfachen wir einen RIPstorm im Internet? Weil wir auch in säkularen Zeiten Rituale der Trauer und Beruhigung brauchen.
Hollande, Merkel und Rajoy in Seyne-les-Alpes: Stellvertreter unseres Mitgefühls
Hollande, Merkel und Rajoy in Seyne-les-Alpes: Stellvertreter unseres Mitgefühls

Hollande, Merkel und Rajoy in Seyne-les-Alpes: Stellvertreter unseres Mitgefühls

Foto: Peter Macdiarmid/ Getty Images
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Trauer der Hinterbliebenen von Flug 4U9525 ist unermesslich. Niemand kann sich anmaßen, ihren Schmerz zu kennen oder gar zu teilen. Und doch fühle ich mich ihnen nahe. Näher als den Betroffenen von geografisch weiter entfernten Katastrophen und Unglücken. Das ist nicht fair, aber es ist leichter, einen Bezug zu einem Ereignis herzustellen, von dem man sagt: Es hätte auch mich treffen können.

Ich habe selbst schon oft in einem Flugzeug gesessen, das über die französischen Alpen flog, und ich weiß schon jetzt, dass mir vor dem nächsten Flug, egal wohin, mulmig sein wird. Man verlässt sich auf die Technik, die einen schnell an entlegene Orte bringt, und man spürt einen Kloß im Hals, wenn einem ein Unfall wie dieser die Fragilität der Konstrukte vor Augen führt, denen wir uns, jedes Risiko verdrängend, sorglos anvertrauen.

Was mache ich mit diesem Mitgefühl, was tun mit diesem Kloß des Unbehagens? Ich könnte mich in eines der virtuellen Kondolenzbücher eintragen, die es seit gestern gibt. Ich könnte mich auf meiner Facebook-Timeline mit Bekundungen meines Vor-den-Kopf-geschlagen-Seins erleichtern, Teil eines sogenannten RIPstorms werden. Ich gehe in milder Frühlingsluft fröstelnd an Gebäuden vorbei, an denen deutsche, französische, europäische Flaggen auf Halbmast wehen. Ich schreibe diesen Artikel.

Wie mir geht es vielen Kollegen, Freunden und Bekannten. Wir wollen irgendwohin mit diesem Gefühl der Herausgerissenheit aus unserer behaupteten Sicherheit. Wir klicken uns rastlos durch die News-Blogs und Live-Schalten vom Unglücksort, auf der Suche nach Erklärungen: Wenn nur die Ursache des Absturzes ermittelt wird, dann ist alles nicht mehr so schlimm. Hoffen wir. Und versuchen alles, um bloß nicht in den schwarzen Abgrund der Sinnlosigkeit zu blicken, der sich vor uns aufgetan hat.

Was wollen, was sollen die Politiker am Unglücksort?

Auch die Politiker sind diesem Aktionismus verfallen. In dem kleinen Örtchen Seyne-les-Alpes trafen sich am Mittwoch Kanzlerin Angela Merkel, der spanische Premier Mariano Rajoy und der französische Präsident François Hollande zum Trauergipfel. Merkel wurde begleitet von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, bereits am Dienstag sind Außenminister Steinmeier und Verkehrsminister Dobrindt für einige Stunden zum Unglücksort aufgebrochen. Bundespräsident Joachim Gauck unterbrach das Programm seiner Südamerika-Reise und schickte eine Videobotschaft an die Hinterbliebenen, weil er es schlicht nicht rechtzeitig zurück geschafft hätte.

Fotostrecke

Absturz von Germanwings-Airbus: Einsatz in den französischen Alpen

Foto: DENIS BOIS/ AFP

Aber hätte es nicht auch für alle anderen gereicht, ihrer Anteilnahme aus der Ferne Ausdruck zu verleihen? Dient nicht die persönliche Anwesenheit der Politiker letztlich nur der Eigen-PR? Den Rettungskräften können sie kaum Hilfe leisten, und auch zur Klärung der Ursache werden sie wenig beitragen können. Dennoch wirkt ihre Anreise pietätvoll und selbstverständlich. Und das liegt daran, dass ihr Krisenmanagement kein zupackendes, sondern ein symbolisches ist. Sie sind unsere gewählten Stellvertreter.

Hauptsache, man steht nicht allein am Abgrund

Die Psychologie unterteilt Trauer in mehrere Phasen: Auf den ersten Schock folgt eine Phase des Ringens um Selbstkontrolle angesichts des aus den Fugen geratenen Lebens. Erst später folgt das, was Sigmund Freud einst "Trauerarbeit" nannte, ein allmähliches Begreifen, Verarbeiten und akzeptieren. Von dieser Phase sind die Angehörigen der 4U9525-Passagiere und -Besatzungsmitglieder noch weit entfernt. Vorher kommt die Suche nach Halt und Orientierung, nach Ratio in einem ganz und gar schicksalhaften, irrationalen Akt.

Früher, in vorsäkularer Zeit, fand der Trauernde und Traumatisierte Trost in der Transzendenz: Gottes Wirken in die immanente Welt galt als gesichert, also glaubte man den Toten lediglich auf dem Weg in eine andere Existenzform, einem übergeordneten, göttlichen Willen gehorchend. Ein Vorgang, der im Gottesdienst zeremoniell bestaunt und reflektiert wurde. Heute, in unserer von Aufklärung und Rationalität geprägten Welt, übernehmen Massenmedien und das soziale Internet die Funktion des kirchlichen Andachtsraums, Facebook und Twitter sind die Kirchmauer, an der sich öffentliches Wehklagen manifestiert. Die schwarze Kleidung, mit der man einst seine Trauer demonstrierte, ist heute ein Trauerflor am Profilbild.

Am Bedürfnis nach gemeinschaftlicher Bewältigung hat sich jedoch wenig geändert. Zu den wichtigsten Errungenschaften der Zivilisation gehört das Ritual, die Selbstvergewisserung der Werte-Gemeinde mit einer kollektiven Erzählung, sei sie nun religionsstiftender Natur wie die Bibel oder Kulturgut wie ein Theaterstück, eine musikalische Aufführung oder ein Kinofilm. Hauptsache, man steht nicht allein am Abgrund.

Für die Angehörigen der Absturzopfer könnte es daher allein schon eine Hilfe sein, sich zusammen mit den anderen, aus gleichem Grund Trauernden auf eine gemeinsame Reise zu begeben, sie sind das Publikum eines gar nicht makabren, sondern gesellschaftlich notwendigen Trauerspiels. Den Politikern vor Ort kommt der Part der Agierenden zu, sie symbolisieren qua Amt nicht nur die Solidarität ganzer Nationen, sie erzeugen durch ihren Aktionismus auch die Illusion eines Narrativs, wo in Wahrheit das Nichts lauert. Zur ihrer wärmenden, tröstlichen Aufführung bilden wir alle den virtuellen Chor.