Gesellschaft: Der falsche Mörder - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Gesellschaft Der falsche Mörder

Er soll ein Zuhälter sein, seine Freundin war eine Prostituierte. Er soll sie erschossen haben. Seit fast zwölf Jahren wartet der Deutsche Dieter Riechmann in Florida auf seine Hinrichtung. "Ich habe die Frau getötet", sagt der Amerikaner Mark Dugen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er ist bereit", hat die Stimme amTelefon knapp gesagt. Und dann nur eine Adresse genannt:"Days Inn, 14. Straße, Zimmer 417." Das "Days Inn" ist einMotel im Zentrum von Downtown Miami, in unmittelbarer Nähedes Gerichts und der Staatsanwaltschaft. Eine Gegend, inder es von Cops und Streifenwagen wimmelt.Auf der Veranda im vierten Stock des Motels warten in derHitze des Nachmittags zwei Männer: Der 68-jährigePrivatdetektiv und Laienprediger Frank Clay und HiltonWilliams, genannt "Pookie", ein muskelbepackter Hüne, dermit seinen knapp 30 Jahren bereits eine beeindruckendeKarriere als Drogendealer und Häftling hinter sich hat.Der Mann, um den es geht, sitzt in Zimmer 417. Er trägt einknallrotes T-Shirt, eine khakifarbene Hose und eineverspiegelte Sonnenbrille, die keinen Blick in seine Augenzulässt, und er verzieht keine Miene, als Williams ihnvorstellt: "Das ist Mark." Der Schwarze namens Mark zeigtauf den Privatdetektiv: "Ich sitze hier nur, weil dieserMann mir mit seinem Leben garantiert, dass das keine Falleist."Videoaufnahmen lehnt Mark ab. Ein Tonbandmitschnitt ist o.k. Er drängt darauf, dass es endlich losgeht. Er habe nichtviel Zeit, sagt er. Mark Dugen, so sein vollständiger Name,ist nervös, er antwortet knapp und präzise. Nach 20 Minutensteht er plötzlich auf. "Das muss reichen", sagt er. ZweiFotos noch, dann packt er das restliche Bier ein undverschwindet auf den Straßen Miamis.Das 20-minütige Tonbandinterview, die beiden Fotos und dienotariell beurkundeten Aussagen von Clay und Williams sindnun die einzigen Beweise dafür, dass es Mark Dugen wirklichgibt und dass er an diesem Nachmittag in Miami einGeständnis abgelegt hat.Es geht um einen Mord, der bald 13 Jahre zurückliegt. Dugenhat gestanden, dass er am Abend des 25. Oktober 1987 beieinem versuchten Raubüberfall am Biscayne Boulevard inMiami in einen mit zwei weißen Touristen besetztenLeihwagen hineingeschossen hat. Sein Geständnis kann dieWende in einem Mordfall bringen, für den seit fast zwölfJahren ein anderer in der Todeszelle auf seine Hinrichtungwartet.Ermordet wurde in jener Nacht die deutsche TouristinKersten Kischnick. Getötet durch einen Kopfschuss, als sieauf dem Beifahrersitz ihres Leihwagens saß. Im Herbst 1988verurteilte ein Geschworenengericht ihren LebensgefährtenDieter Riechmann, mit dem sie in dieser Nacht in Miamiunterwegs war, für diesen Mord zum Tod durch denelektrischen Stuhl. Seitdem sitzt er im StaatsgefängnisRaiford und kämpft um sein Leben.Der Mann, der mit Handschellen gefesselt in die winzigeBesucherzelle des Todestrakts von Raiford geführt wird,lacht. Seine Augen blitzen hellwach, und unter seiner grellorangefarbenen, schlabbrigen Anstaltskleidung sind dieMuskeln zu erkennen, die er täglich mit hunderten vonLiegestützen und Sit-ups trainiert.Riechmann ist eitel. Seine Frisur hält er mühsam mit einemNagelschneider in Form. Es ist ihm wichtig, gut auszusehen,wenn er das Gefängnis verlässt. "Wenn ich hier rauskomme,lasse ich mir erst mal die Zähne lasern", sagt er. "Siewerden keinen Unschuldigen hinrichten." Davon ist Riechmannüberzeugt, auch wenn alle Anzeichen gegen ihn sprechen.

Im Februar erst verkündeten die siebenRichter am Obersten Gerichtshof von Florida nach fasteinjährigen Beratungen ihr Urteil in derBerufungsverhandlung: Über das Todesurteil gegen denDeutschen muss neu verhandelt werden. Ein scheinbarerErfolg für Riechmann. In Wahrheit ist er der Freiheitkeinen Schritt näher gekommen. Die jüngste Entscheidung desObersten Gerichts ordnet lediglich an, dass eine neue Juryabermals über das Strafmaß zu befinden hat. Tod oderlebenslange Haft heißen jetzt die Alternativen. Keiner derBeweise und keines der Indizien, die in den vergangenenJahren aufgetaucht sind, und die die Unschuldsbehauptung Riechmanns zu untermauernscheinen, wurde vor dem Supreme Court auch nur diskutiert.Sie werden nach dem amerikanischen Gesetz auch bei derneuen Verhandlung keine Rolle spielen dürfen. DieWahrscheinlichkeit, dass das Todesurteil bestätigt wird,ist hoch.Seine Geschichte hat Riechmann in den vergangenen zwölfJahren immer wieder erzählt, und sie geht so: Er und seineLebensgefährtin Kersten Kischnick sind bester Laune, alssie am Abend des 25. Oktober 1987 ein brasilianischeRestaurant in Downtown Miami verlassen. Sie machen Urlaubin Florida, und auch an diesem Abend reden sie wiedereinmal von ihrem großen Traum, sich im Sunshine State eineneue Existenz unter Palmen aufzubauen. Sie bestellenCocktails und Longdrinks, der Kellner wird sich später andie beiden sympathischen und fröhlichen Deutschen erinnern.Gegen 21 Uhr bezahlen sie und brechen auf. Riechmann lenktdas Leihauto, einen dunkelroten Ford Thunderbird, auf denBiscayne Boulevard, die große Nord-Süd-Achse durch Miami.Ihr Hotel liegt im Norden am Strand. Riechmann muss einpaar Meilen den Biscayne Boulevard hinauffahren und dannnach rechts auf den Causeway biegen, der sie nach MiamiBeach bringt. Alles Routine. Zu spät bemerkt Riechmann,dass er die Abfahrt verpasst hat. Vielleicht war es derAlkohol, vielleicht die angeregte Unterhaltung. Er kenntdie Gegend nicht mehr, durch die sie fahren. Er dreht,fährt ein Stück zurück. Biegt dann nach rechts ab. Das istdie falsche Richtung. Es ist gegen halb zehn Uhr abends.

Der Biscayne Boulevard ist in dieserGegend spärlich beleuchtet. Nur wenige Leute sindunterwegs. Es ist noch zu früh. Links und rechts dervierspurigen Straße reihen sich schäbige kleine Motels,deren Neonreklamen in der Dunkelheit leuchten. DieÜbernachtung kostet hier 15 Dollar, niemand fragt nacheinem Ausweis, und auch an diesem Abend bereiten sich inden Zimmern Huren und Kleindealer auf eine lange Nacht vor.Riechmann und Kischnick biegen in die 63. Straße ein.Am unbeleuchteten Straßenrand steht eine Gruppe vonSchwarzen, langsam fährt Riechmann an ihnen vorbei. An dernächsten Ecke dreht er um. Die Schwarzen haben das Autobemerkt. Langsam setzen sich zwei aus der Gruppe inBewegung. Riechmann will sie nach dem Weg fragen. Er hält,fährt das Fenster der Beifahrerseite ein Stück hinunter.Dann bittet er seine Freundin, ein paar Dollar Tip aus demPortemonnaie zu holen. Einer der Männer kommt zurBeifahrertür und beugt sich hinunter. Er sagt etwas, aberRiechmann versteht ihn nicht. Der Mann wendet sich ab,dreht sich aber Sekunden später erneut herum. Er spürt dieGefahr, gibt Vollgas. In diesem Moment glaubt er, einenKnall zu hören. Er rast weiter. Dann hört er das Röchelnseiner Freundin. Er spricht sie an, keine Reaktion. Erstreicht ihr über den Kopf. Seine Hand greift in etwasNasses, Klebriges. Riechmann langt zu der großenTaschenlampe, die er immer auf dem Rücksitz liegen hat, undleuchtet Kersten ins Gesicht. Ihr Kopf ist zur Seitegesackt, die Augen sind geschlossen. In Panik rastRiechmann ziellos den Boulevard entlang und findet endlicheinen Abzweig nach Miami Beach.An einer großen Kreuzung stehen zwei Streifenwagen desMiami Beach Polizeidepartments. Die Beamten machen einePause, trinken Kaffee. Es ist exakt 22.32 Uhr, als OfficerKelley Read den roten Thunderbird heranrasen und mitquietschenden Reifen bremsen sieht.Im Protokoll vermerkt sie später: Ein weißer Mann sei ausdem Wagen gestürzt, mit wedelnden Armen auf sie zugeranntund habe "Help me, oh my god! My girl!" gebrüllt, immerwieder. Officer Read geht zu dem Thunderbird und siehtKischnick auf dem Beifahrersitz liegen. Sie ist tot. EinePistolenkugel ist hinter ihrem rechten Ohr eingedrungen undin ihrem Kopf stecken geblieben. Kurze Zeit später sind dutzende Streifenpolizisten und Detectives vor Ort.Zum ersten Mal erzählt Riechmann seine Geschichte einemeilig herbeigerufenen Officer, der auf der High SchoolDeutsch gelernt und ein paar Brocken behalten hat.Sergeant Joe Matthews übernimmt noch in der Nacht dieKoordination der Ermittlungen im Mordfall KerstenKischnick. Und er kümmert sich ab sofort fast rührend umRiechmann. Er redet stundenlang mit dem Deutschen,kutschiert ihn im Streifenwagen durch Miami, um den Ortwiederzufinden, an dem der Mord geschehen war. Vergebens.Schließlich bringt er ihn zurück zu seinem Hotel. Ob erWaffen besitze, fragt Matthews eher routinemäßig. Als ob esdas Normalste der Welt sei, erklärt Riechmann, dreiPistolen auf seinem Zimmer zu haben. Bereitwillig händigter dem Sergeant die Handfeuerwaffen aus, die er in Miamioffiziell gekauft hat und mit denen er und KerstenKischnick auf so genannten Shooting Ranges herumgeballerthaben. Riechmann ist ein Waffennarr, der auf seinenUSA-Reisen seiner in Deutschland verbotenen Leidenschaftfrönte.

In den nächsten Tagen sucht Matthewsimmer engeren Kontakt zu dem völlig verstörten Riechmann,der die ganze Zeit nur eines im Sinn hat: Er will nocheinmal seine tote Freundin sehen, mit der er 13 Jahre langzusammengelebt hat. Doch der Polizist hält ihn immer wiederhin. Riechmann weiß nicht, dass er längst der einzigeVerdächtige ist. Kein Polizist denkt nur daran, RiechmannsVersion des Tathergangs zu überprüfen. Schon sind Telexemit Amtshilfeersuchen nach Deutschland gegangen: "Wir habennichts. Können Sie uns helfen, seine Schuld zu beweisen?"Es gibt keine Tatwaffe, denn aus keinem der Revolver, dieRiechmann besaß, wurde der Schuss abgegeben. Es gibt keineZeugen, man sucht auch gar nicht erst danach. Und es gibtkein Geständnis, aber Sergeant Matthews arbeitet daran.Das einzige, was die Mordermittler tatsächlich in der Handhaben, sind Indizien: Blutspuren im Auto und Schmauchspurenan Riechmanns Händen.Als Riechmann nach drei Tagen ins Präsidium gebracht wird,um angeblich den Leichnam seiner Freundin vor derÜberführung noch einmal zu sehen, führt Matthews einvierstündiges Verhör mit dem Verdächtigen, das ohneRiechmanns Wissen mitgeschnitten wird. Diesmal versucht ermassiv, Riechmann zu einem Geständnis zu bewegen. Der wehrtempört ab. Er will den Leichnam seiner Freundin noch einmalsehen, dann will er gehen. Aber im Nebenraum warten Beamteder für illegalen Waffenbesitz zuständigen Behörde ATF, umRiechmann unter dem Vorwand festzunehmen, er habe beim Kaufseiner Pistolen falsche Angaben gemacht. Es ist ein Trick,um ihn festhalten zu können, solange man noch an derMordanklage arbeitet.In dem Untersuchungsgefängnis, in das Riechmann gebrachtwird, um dort auf seinen Waffenprozess zu warten, gibt esnoch andere Deutsche, die meisten von ihnen sitzen wegenDrogendelikten ein. Einer von ihnen ist Joachim Föcker. Erkümmert sich um den neu eingelieferten Landsmann, teilt mitihm in den ersten Tagen die Zelle. Jahre später schilderter Riechmann als gebrochenen Mann. Kotzend und mitDurchfall habe er den ganzen Tag hinter einem Paravent aufdem Klo gesessen, er habe geheult und das Schicksalbeklagt, das seiner Freundin widerfahren war. Föcker hilftihm, die ersten Tage zu überstehen und sich einzurichten.Und er tut noch etwas: Er warnt Riechmann vor einem anderenHäftling ­ Walter Smykowski, Russe, ein angeblicherKGB-Überläufer, verurteilt zu zehn Jahren wegen schwerenBetrugs in mehreren Fällen.Er ist der meistgehasste Mann im Gefängnis, denn allewissen, dass Smykowski ein "Snitch" ist, ein Informant undVerräter. Jemand, der alles unternimmt, um seine Haftzeitzu verkürzen. Riechmann hat die Warnung verstanden. Genützthat es ihm nichts. Er wird Smykowski noch öfter begegnen.Am Silvestertag 1987 wird Riechmann von einem Bundesgerichtin allen Punkten der Waffenanklage freigesprochen. Noch imGerichtssaal nimmt ihn Sergeant Matthews wegenMordverdachts fest. Der Polizist hat zwar kein Geständnis,aber er ist sicher, dass er seinen Täter hat ­ irgendwiewird er ihn auch überführen.

Chefin der obersten Anklagebehörde desBundesstaates Florida ist Janet Reno, heuteJustizministerin der USA. Ihr Mann für denRiechmann-Prozess ist Kevin DiGregory, ein ehrgeizigerStaatsanwalt, heute im Justizministerium, in dem erzwischenzeitlich zuständig war für die Revision vonTodesurteilen.DiGregory und seine Co-Staatsanwältin Beth Sreenan reisennach Lörrach am Bodensee, um Beweise für Riechmanns Schuldzu finden. Die beiden Kriminalkommissare Uwe Wenk und BerndSchleith, die damals für die Betreuung der amerikanischenGäste abgestellt waren, erinnern sich, dass alles sehrschnell habe gehen müssen. Die Staatsanwälte gehen mit dendeutschen Beamten in die gemeinsame Wohnung von Riechmannund Kischnick. Riechmann ist eine Leseratte undleidenschaftlicher Naturfotograf. Er besitzt eineBibliothek mit über 1000 Büchern; Romane, Sachbücher,Bildbände. Zwischen Solschenyzin und der Geschichte der Malerei fischen sie Truman Capotes "Kaltblütig", einGeschenk von Riechmanns Mutter, und eine Sammlung vonKriminalkurzgeschichten mit dem Titel "Der perfekte Mord"heraus. Beides wird beim Prozess als Beweis für dieberechnende, langfristige Verbrechensplanung des Deutschenherhalten.Sreenan wühlt sich durch tausende von Fotos, die Riechmannauf den Feldern rund um Rheinfelden gemacht hat. EineMakroaufnahme von einer Spinne hat es der Staatsanwältinbesonders angetan. Das Foto brauche sie ebenfalls alsBeweis, sagt sie. "Wer solche Bilder macht, mordet auch",habe sie hinzugefügt, erinnern die deutschen Kommissarenoch heute.Die Überprüfung des privaten Umfelds von Opfer undmutmaßlichem Täter bringt noch Erfreulicheres zu Tage:Riechmann ging keiner geregelten Beschäftigung nach. Nochbesser: Kischnick arbeitete als Edel-Prostituierte, hatteeigene Studios in der Schweiz. Schnell fand sich eineehemalige Kollegin, die aussagte, Riechmann sei ihrZuhälter gewesen, habe ausschließlich von den Einkünftenseiner Freundin gelebt und sei nicht bereit gewesen,Kischnicks Wunsch nach Ausstieg zu akzeptieren. Nach einpaar Tagen reisen die Staatsanwälte mit einem Koffer vollerAussagen und vermeintlicher Beweise zurück nach Florida.Der Prozess entwickelt sich zu einem Lehrstück für dieBeweisfindung in der amerikanischen Justiz. DieStaatsanwälte haben eine Theorie zum Motiv: Riechmann hatseine arbeitsunwillige Prostituierte umgebracht, um an dasGeld aus ihrer Lebensversicherung und aus derKreditkartenversicherung heranzukommen. Alles in allem übereine Million Mark. Und sie haben eine durch Gutachtengestützte Theorie, die beweisen soll, dass Riechmann zumZeitpunkt des tödlichen Schusses nicht auf dem Fahrersitzdes Thunderbird gesessen haben kann, ergo bewiesen ist,dass seine Version der Geschehnisse eine Lüge ist.Als die tödliche Kugel in Kischnicks Kopf eindrang, so dieAnnahme der Staatsanwaltschaft, spritzte Blut an dieFahrertür. Hätte Riechmann wirklich auf dem Fahrersitzgesessen, hätte er dem Blut im Wege sein müssen,tatsächlich aber fand die Spurensicherung blutähnlicheFlecken auf Riechmanns Seite und auf einer Decke auf seinemSitz.

Zwölf Jahre später kommt ProfessorWolfgang Bonte, Direktor des rechtsmedizinischen Institutsder Universität Düsseldorf und einer der angesehenstenForensiker Deutschlands, aus dem Staunen über diewissenschaftliche Leistung seiner amerikanischen Kollegennicht mehr heraus. Nach dem Studium der Fotos, derGutachten und der angewandten Methoden gibt es für ihn nureine Möglichkeit: "So kann es nicht gewesen sein ­ dashätte jeder Laie erkennen müssen."Wie die Spritzer auf die Decke und an die Fahrertürgekommen sind, dafür mag es Erklärungen geben. DieErklärung der Staatsanwaltschaft in Florida aber seiunmöglich. "Es gibt eine Einschusswunde an der rechtenKopfseite, aber es gibt keine Austrittswunde", erklärtBonte. "Die Kugel ist im Kopf stecken geblieben. Das Blutkann also nur aus der Wunde in Richtung des Schützengespritzt sein, niemals aber in die Gegenrichtung" ­ dort,wo Riechmann, wie er sagt, am Steuer saß. "Neuerfindung derPhysik" nennt Bonte die im Gutachten der Anklageaufgestellte Theorie. Außerdem sei nie eindeutigfestgestellt worden, dass es sich bei den Flecken auf derFahrertür um Blut handele ­ erst recht nicht um Blut desOpfers. "Es wurde lediglich eine Substanz gefunden, bei deres sich eventuell um Blut handeln könnte."Zu den gleichen Ergebnissen kam auch der renommierteamerikanische Forensiker Stewart James in einemGegengutachten der Verteidigung beim Berufungsverfahren1996. Er geht mit seinen Kollegen aus Florida noch weitdrastischer um. "Micky-Maus-Wissenschaft" sei das, was manim Prozess gegen Riechmann vorgebracht habe.So schwach die Indizienkette der Anklage war, sie hielt.Trotz aller Ungereimtheiten, ja mancher offenkundigerManipulation. Noch an Ort und Stelle hatte man RiechmannsHände nach Schmauchspuren untersucht und Pulverpartikel bei ihm festgestellt. Vor dem eigentlichen Prozess gibt derzuständige Gutachter zu Protokoll, dass die Anzahl dergefundenen Partikel nicht ausreiche, um zweifelsfreifestzustellen, dass Riechmann geschossen habe. Acht Monatespäter ist der gleiche Mann dann sicher, dass Riechmanngeschossen haben muss.Auch diese Analyse und die Methoden, auf denen sie fußt,sind für Professor Bonte nicht nachvollziehbar. Um sicherzu beweisen, dass jemand eine Pistole abgefeuert hat,müssten an den Händen Untersuchungen gemacht werden, diezeigen, ob an bestimmten Stellen sehr viele Partikelauftreten und an anderen weniger. Zu diesem Zweck würdeneinzelne Fingerglieder und auch verschiedene Bereiche anHandrücken und -ballen getrennt untersucht. Nur beibestimmten, abgestuften Konzentrationen könne man beweisen,dass ein Schuss durch diese Hand abgefeuert wurde.

Diese Untersuchungen sind bei Riechmannnicht gemacht worden, obwohl sie auch damals unbedingtStand der Wissenschaft waren", so Bonte heute. Mit denMethoden, die in Miami angewendet wurden, könne man garnichts beweisen. Im Gegenteil: "Der Schuss wurde ins Autoabgegeben, also in einen geschlossenen Raum. Dabeientweicht der Großteil des Pulverdampfs nach vorn ins Autound setzt sich dort überall ab. Es ist völlig klar, dass anRiechmanns Händen Spuren dieses Schmauchs gefunden wurden."Die Tatsache, dass bei der Spurensicherung auchSchmauchspuren an den Händen des Opfers festgestelltwurden, untermauert Bontes Argumentation. "Kein deutschesGericht hätte Riechmann aufgrund dieser Gutachten jemalsverurteilt."Eine besonders dubiose Rolle spielt die große Taschenlampe,die auf dem Rücksitz des Wagens lag und mit der Riechmannauf der Fahrt nach dem tödlichen Schuss seineLebensgefährtin angeleuchtet hat. Officer Hillard Veski,der für die Inventarisierung aller im Auto gefundenenGegenstände verantwortlich zeichnete, gab unmittelbardanach zu Protokoll, die blutverschmierte Taschenlampe habeer im Kofferraum des Leihwagens gefunden. Das hättezweifelsfrei bewiesen, dass Riechmann aus dem Wagenausgestiegen sein muss, bevor er mit der Leiche auf demBeifahrersitz losraste. Doch einen Tag später zieht Veskiseine Aussage zurück. Er schickt ein Schreiben und eineKopie seines Inventarblocks an die Staatsanwaltschaft undan den Richter und räumt ein, er habe eine Falschaussagegemacht. Die Taschenlampe habe in der Tat, wie Riechmann sagte, auf der Rückbank des Autosgelegen. Was hat den Mann zu seiner Falschaussage und zuseinem späteren Rückzieher getrieben?Veski ist mittlerweile im Ruhestand und lebt 40 Meilennördlich von Lake City. Er spricht leise, zögernd, suchtimmer wieder nach den richtigen Worten, als könnten diefalschen ihm noch heute schaden. Nur langsam setzt sich dasBild zusammen: Officer Veski berichtet, er sei von derStaatsanwaltschaft und seinen eigenen Kollegen unter Druckgesetzt worden, die Falschaussage zu machen. Mitte derachtziger Jahre wurde das Miami Police Department von einerReihe heftiger Skandale erschüttert. Korruption,Drogengeschäfte, Vorwürfe gegen Polizisten wegen Förderungder Prostitution. Am Ende wurde eine gute Hundertschaft ausdem Polizeidienst entlassen. Officer Veski sollte gegeneinen Kollegen aussagen, der in einen Kokain-Dealverwickelt war. Veski weigerte sich.Dann geschah der Mord an Kersten Kischnick. Wenn Veski auchdiesmal nicht zur Kooperation bereit sei, drohen ihmKollegen, müsse er damit rechnen, seinen Job zu verlieren.Veski gibt nach. Einen Tag später, nach einer schlaflosenNacht, weiß er, was er da angerichtet hat. SeineFalschaussage hat dabei geholfen, einen vielleichtunschuldigen Mann auf den elektrischen Stuhl zu bringen.Damit will er sein Gewissen nicht belasten. Er zieht seineAussage zurück.

Nun taucht Walter Smykowski auf. Dernotorische Knastspitzel hat eine sensationelle Aussage zumachen: Riechmann habe ihm im Untersuchungsgefängnis denMord an seiner Lebensgefährtin gestanden. Er habe in derZelle vor Freude getanzt und immer wieder gerufen, endlichsei er Millionär. Auf Nachfrage vor Gericht streiten dieStaatsanwälte DiGregory und Sreenan ab, die AussageSmykowskis durch Versprechungen erkauft zu haben.Möglicherweise eine Lüge, wie sich viel späterherausstellen sollte. Noch während des Riechmann-Prozesseswurde Staatsanwalt DiGregory beim Justizministerium inTallahassee vorstellig, um für Smykowski eine wohlwollendeBewährungsregelung zu erbitten.Ein ehemaliger Mitgefangener, der US-Amerikaner MichaelKlopf bestätigt, dass jeder im Gefängnis, auch Riechmann,wusste, dass Smykowski ein Informant war. Er hält es fürvöllig ausgeschlossen, dass Riechmann ein derartigesGeständnis gemacht haben könnte. "Dieter hat niemals mitirgendjemandem darüber geredet." Aber Klopf glaubt, diewahren Hintergründe zu kennen: Smykowski sei eines Tages zuihm gekommen und habe ihm von dem ungewöhnlichen Besuchzweier Staatsanwälte berichtet. Man habe ihn direktgefragt, ob er nicht eine Aussage gegen Riechmann machenkönne, und ihm dafür großzügige Hilfe in seinem eigenenFall in Aussicht gestellt. Klopf: "Ich habe Smykowskivöllig entgeistert angestarrt und ihm gesagt, dass er dasnicht machen kann, dass er einen auf den elektrischen Stuhlschickt." Smykowski habe genickt. Er werde keineFalschaussage machen.Bald wird Smykowski in ein anderes Gefängnis verlegt.Wochen später ­ über den Prozess wird jeden Tag imFernsehen berichtet ­ sieht Klopf in den Abendnachrichtenden Auftritt Smykowskis vor Gericht. Er beschuldigtRiechmann.Kurz nach dem Prozess wird Smykowski entlassen. Erverschwindet und setzt seine kriminelle Karriere fort. SeitJahren steht er wieder auf den internationalenFahndungslisten. Er soll sich in den Golfstaaten aufhalten und einen Prostitutionsring leiten.Riechmann reagiert während des Prozesses auf alle Beweiseund Zeugen der Staatsanwaltschaft mit einem Schulterzucken.Sein Anwalt mit einem milden Lächeln und Ironie. Zuoffenkundig ist die plumpe Strategie der Anklage angesichtseiner völlig löchrigen Indizienkette. Welch ein Irrtum.In einem Beitrag des US-Fernsehmagazins "Hard Copy" gestehtStaatsanwältin Sreenan unter Tränen, dass sie überzeugtsei, den Prozess verloren zu haben. Ein paar Tage späterweint sie wieder. Diesmal aus Freude über das Urteil.Jeff Blom war Mitglied der Jury, die Riechmann verurteilte.Zwölf Jahre später kniet er mit einem Schraubenschlüsselneben einem Yamaha-Bootsmotor und schüttelt immer wiederden Kopf. "Wir hatten unsere Zweifel. Wir hatten großeZweifel", gibt er heute zu. "Wenn wir damals alles gewussthätten, was heute auf dem Tisch liegt, hätten wir ihn nichtschuldig gesprochen." Er zögert eine Sekunde. "Und schongar nicht hätten wir ihn zum Tode verurteilt."

So aber beginnt der jahrelange KampfRiechmanns um die Wiederaufnahme seines Verfahrens. Balderkennt er, dass die Chancen, ein Berufungsverfahren zugewinnen und die Wiederaufnahme seines Prozesses zuerreichen, miserabel sind. Eigentlich sieht die Verfassungnur zwei Möglichkeiten vor: Es müssen neue Beweise gefundenwerden, die zum Zeitpunkt des ersten Prozesses nichtvorlagen und auch nicht vorliegen konnten. Oder aber:Riechmann muss nachweisen, dass er von seinem Verteidigernicht ausreichend vertreten wurde.Er engagiert einen neuen Verteidiger, James Lohmann. MitUnterstützung des Auswärtigen Amtes, das bis heute mehr als200000 Mark bereitgestellt hat, tut der neue Verteidiger1995 das, was Riechmanns erster Anwalt sieben Jahre zuvoraus Geld- und Zeitmangel nicht tun konnte: Er engagiert denPrivatdetektiv Clay und schickt ihn nach Miami auf denBiscayne Boulevard in der vagen Hoffnung, Informationenüber die Geschehnisse in der Mordnacht finden zu können.Clay mietet sich in einem Motel am Biscayne ein. Er klebthunderte von Plakaten mit dem Bild der Ermordeten und demVersprechen auf 15000 Dollar Belohnung für Hinweise überdie Mordnacht; das Geld ist nie gezahlt worden. Er treibtsich auf der Straße und in den Schnellrestaurants derGegend herum. Der Nachrichtendienst der Szene funktioniert perfekt und schnell. Bald weiß jeder, was Clay will. Aberes dauert Monate, bis etwas passiert. Die Kids auf derStraße sind vorsichtig. Auch ein schwarzer Fremder ist einFremder.Eines Tages schließlich lernt er Pookie Williams kennen,der ihn auf einer Tankstelle anspricht. Sie gehen in ein"Kentucky-Fried-Chicken" essen. Nach ein paar Chicken Wingsund Colas sagt Williams: "Ich weiß, was du wissen willst.Ich kann dir helfen."Nur nach und nach gibt Pookie sein Wissen preis.Schließlich ist Clay sicher: Wenn es einen Menschen gibt,der vielleicht Riechmanns Unschuld beweisen und sein Lebenretten kann, dann ist es Hilton "Pookie" Williams. Ererzählt ihm, wie er und seine Kumpel an jenem Abend ineiner Seitenstraße des Biscayne Boulevard herumgestandenhaben. Sie rauchen Gras, trinken Alkohol, reden Blödsinn,als plötzlich dieser Nobelschlitten um die Ecke biegt.Pookie und sein Freund Mark Dugen hoffen auf einen kleinenDrogendeal, aber der Wagen fährt vorbei. Erst ein paarMeter weiter wendet der Fahrer. Sie nähern sich demThunderbird von zwei Seiten. Dugen geht zur Beifahrerseite.Er spricht die Fremden an, bietet ihnen Drogen an. Pookieerkennt, dass zwei Weiße in dem Auto sitzen. Er sieht dieGoldketten, die Armbanduhren.Dann geht alles ganz schnell. Die Fremden wollenanscheinend keine Drogen, dafür will Pookies Freund dieKetten und die Uhren. Er zieht seine Waffe. Als der Schussfällt, rast der Wagen schon mit quietschenden Reifen los.Sekunden später ist die Straße menschenleer. "Als wir unsein paar Tage später wieder getroffen haben, haben wir unstotgelacht", erzählt Williams heute. "Da erschießt der 'neWeiße und kriegt nicht mal die Uhr dafür."

Je mehr sich Williams dem Privatdetektivöffnet, desto gefährlicher wird die Lage für beide.Williams wird aus bis heute ungeklärten Gründenangeschossen. Clay hilft ihm, sorgt dafür, dass Williamsaus der Gegend um den Biscayne Boulevard verschwinden kann.Und er gewinnt die Freundschaft und das Vertrauen desJungen, der auf der Straße lebt, dealt und kämpft, seit erzehn Jahre alt ist. Williams weiß, dass er nicht vieleChancen hat, aus diesem Leben auszubrechen, und er weißauch, dass er nicht viele Chancen hat, dort sehr alt zuwerden. Clay ist seine einzige Chance. Er verrät demDetektiv, wer sonst noch dabei war in der Nacht am BiscayneBoulevard. Auch die anderen Mitglieder der Gang bestätigennach und nach die Geschichte Williams'.Dugen ist Pookies "Uncle". Er hat ihn adoptiert, ihm allesbeigebracht, was man zum Überleben auf der Straße im Ghettobraucht. Heute ist Dugen an Aids erkrankt, er weiß, dassseine Zeit abgelaufen ist. Es dauert Wochen, bis Williamsseinen "Uncle" überredet hat, mit dem Privatdetektiv, zureden. Später wird Dugen sagen, dass er damit wenigstenseine Sache in seinem Leben zu einem guten Abschlussgebracht habe. Man mag glauben, dass dies sein Antrieb war,man mag es lassen.Das Geständnis des selbst ernannten Mörders und dieAussagen von Williams und Clay liegen inzwischen bei derStaatsanwaltschaft von Miami. Die neu gefundenen Beweisesind Riechmanns letzte Chance, vielleicht doch noch einenneuen Prozess zu bekommen. Ein Gericht in Florida will inden nächsten Wochen darüber entscheiden. Seit 1976, habenBefürworter einer Justizreform in den USA herausgefunden,sei jeder siebte Exekutierte unschuldiggewesen. Peter F. Müller, Michael Mueller