Gesellschaft Preis des Erfolgs
Ich erzähle diese Geschichte gern, weil in ihr Tom Hanks und ich selbst vorkommen, in einem Atemzug. Also, es war so: Zum Start des Films "Apollo 13" stand Tom Hanks in Houston für Interviews zur Verfügung. In der Vorbereitung auf das Gespräch las ich in einem früheren Interview, dass er die Scheidung von seiner ersten Frau als "schmerzhafteste Phase meines Lebens" bezeichnet hatte.
Da ich gerade selbst Eheprobleme hatte und eigentlich an nichts anderes denken konnte und in diesen Tagen auch selten über irgendetwas anderes sprach, war es logisch, dass ich ihn danach fragte. Etwa so:
"In Ihrem neuen Film spielen Sie einen Astronauten, wie sind Sie eigentlich mit Ihrer Scheidung klargekommen?"
Ich habe mich nie für Raumfahrt interessiert. Und, hey, es war schließlich Tom Hanks, der Buddy, der Typ mit den Plüschaugen. Sicher, man kann mit ihm über Schraubenzieher, Überdruck und Teflonschilde reden, aber auch über alles, was sonst so anliegt.
Und so sprachen wir über die Frauen im Allgemeinen und besonders meine, und Tom Hanks bemühte sich, diesen doch sehr durchgeknallten deutschen Reporter zu trösten. Wahrscheinlich hatte er Angst, dass ich mich vor ihm erschieße.
Er war bereits ein so großer Star, dass er es sich leisten konnte, keiner zu sein. Er war sehr nett. Wie ein großer Bruder. Wie ein Freund. Wie Tom Hanks eben. Am Schluss nahm er mich in den Arm, wie man es unter Buddys tut, und sagte: "Kopf hoch, es wird schon wieder." TOM HANKS!
In den folgenden Wochen pflegte ich, wenn ich von meinem Schlamassel erzählte, zu sagen: "Findet Tom übrigens auch."
"Welcher Tom?"
"Na, Tom Hanks ... ich hab kürzlich mit ihm drüber gesprochen."
Das war so ziemlich die schärfste Name-dropping-Nummer, die einem nur einfallen konnte, und sie funktionierte auch später noch, als längst alle Eheprobleme gelöst waren und Tom Hanks nicht mehr nur ein Superstar, sondern ein Klassiker war.
Sie ließ sich endlos variieren und neuen Lebensbedingungen anpassen, etwa so: "Ach, und falls Tom wieder anruft, ich bin nicht da ... Ich hab es satt, mir ständig seine Eheprobleme reinzuziehen."
Stars sind offensichtlich dazu da, gleichzeitig angebetet und missbraucht zu werden. Wir zerren an ihnen, weil sie ständig an uns herumzerren, an unseren Gefühlen, unseren Träumen, weil sie es sind, die zunächst mal diese falsche Nähe herstellen im Dunkel des Kinosaals. Sie sind Freunde, Geliebte, Wunschsöhne, Wunschväter, Wunschpartner. Stars vertreiben die Einsamkeit.
Das Verhältnis zwischen Journalist und Star ist dabei, um es mit einem Wort zu sagen, komplex.
Zunächst einmal ist zu sagen, dass die ständige Kritik an den Massenmedien selbstverständlich völlig berechtigt ist. Nichts prägt die Zeit so sehr wie unsere Geistermacht. Mit unserer Hilfe ist jeder auf dem Planeten jeden Moment ansprechbar geworden. Eine einzige Botschaft kann sich zeitgleich in Millionen Köpfe senken, Millionen Seelen durchwühlen, Millionen Träume durchstrahlen oder vergiften.
Die Massenmedien schließen Völker zusammen zu einem erdumspannenden Publikum. Sie vor allem bereiten das Podium und präsentieren: den Star, den Halbgott, den Führer - die Erfindung des 20. Jahrhunderts.
Ohne das Massenmedium Radio wäre Hitler nicht denkbar. Und ohne die bewegten Bilder nicht der global wirksame Sex-Appeal von Jean Harlow und Cary Grant.
Doch mittlerweile sind wir weiter. Die Medien und ihre Konkurrenz untereinander tragen nämlich auch zu Entzauberungen bei. Es spricht einiges dafür, dass etwa Adolf Hitler, der große politische Dämon des 20. Jahrhunderts, keine zehn Minuten bei Larry King auf CNN überstanden hätte - unter den Röntgenaugen des Teledorfs wäre er als groteske Nummer schnell entlarvt.
Wir Journalisten sind Meldegänger zwischen den Berühmten und den Sterblichen, zwischen Star und Publikum. Wir haben mit Kritiken und Porträts und Homestorys den Star oft erst zu dem gemacht, was er ist: Star. Gleichzeitig leben wir von diesem Rummel, denn je begehrter der Star ist, desto begehrter die Geschichten über ihn.
Berühmtheiten zu interviewen ist besonders kompliziert, wenn man Fan ist. Man sitzt gar nicht der betreffenden Person gegenüber, sondern seinen eigenen Phantasien und all den übermenschlichen Qualitäten, die man ihm, dem Star, zuvor angedichtet hat.
So ging es mir, als ich vor rund 20 Jahren Mick Jagger interviewte und jung war (und absolut unverheiratet). Jagger war mein Jugendidol. Während sich meine Kollegin um pragmatische Dinge kümmerte - sie klaute sein Rasierwasser, um es ihrem Freund zu schenken - war ich in erster Linie mit meiner eigenen Faszination beschäftigt.
Die Massenmedien bereiten das Podium und präsentieren den Star, den Halbgott, die Erfindung einer Welt ohne Gott.
Mick Jagger war aus Fleisch und Blut und reichte mir nur bis zur Schulter. Ja, er war KLEIN, wo ich ihn mir immer zwei Meter groß vorgestellt hatte. Er sprach wie ein ganz normaler Mensch über Bücher, die er las, und seine Konzerte - und ich bekam nichts davon mit, denn ich war ausschließlich mit drei Dingen beschäftigt:
1.) Wahnsinn, du redest mit Mick Jagger!
2.) Wie ist es wohl, Mick Jagger zu sein?
3.) Warum hast du dir nicht selbst sein Rasierwasser unter den Nagel gerissen?
Da war jedoch noch etwas anderes wirksam als spätpubertäre Faszination: Ich fühlte mich förmlich zerschmettert von seinem Ruhm. Seine Villen, seine Autos, seine Ländereien - das alles war völlig nebensächlich. Es war der Ruhm, der mich erdrückte. Er war Mick Jagger, und ich war es kein bisschen. Ich war Luft. Ich spürte: Es ist eigentlich unmöglich, mit Mick Jagger zu reden, ohne Mick Jagger zu sein.
Ich hätte schon damals abgebrühter sein müssen, denn ich gehörte ja bereits jener Industrie an, die Mick Jagger zu dem Idol machte, das er heute ist. Ich kenne die Medien, und ich weiß, wie ihre Vergrößerungsspiegel funktionieren. Doch vielleicht ist genau das ein Zeichen für ihre Macht - sie beeindruckt selbst die, die sie exekutieren.
Was Groschenpresse, Fernsehen und Internet bewerkstelligt haben, ist eine ständig wachsende Durchlaufgeschwindigkeit an Berühmtheiten. Ständig ist Götzendämmerung, und immer nervöser suchen wir nach neuen Vorbildern.
Götzen werden gebraucht in säkularen Zeiten. Je verwechselbarer der Einzelne wird, desto mehr sehnt er sich nach dem Unverwechselbaren.
Die Tröstung durch Religion in früheren Zeiten bestand ja darin, dass sie dem Einzelnen das Gefühl der Einzigartigkeit vor Gott gab. Nun ist die Religion aus dem Alltag verschwunden und mit ihr das Gefühl des Angesprochenseins. Das Göttliche fehlt. Doch es hat einen Mangel zurückgelassen, eine atavistische Andachtssehnsucht und gestaltlos gewordene Frömmigkeit, die nach Befriedigung suchen. Die Kirchen sind leer, aber in unzähligen Haushalten gibt es Altäre für Robbie Williams und Schreine für Britney Spears. Letztere, selbst Kunstprodukt, hat eine ganze geklonte Armee kreiert, in der Starlets und Gefolgschaft nicht mehr auseinander zu halten sind. Alle tragen Pferdeschwanz, Ringelsöckchen und pinkfarbene Bustiers, alle sind Britney Spears.
Zu Beginn des neuen Jahrtausends gehen wir ironisch mit diesem Mangel um. Wir sind gleichzeitig demokratisch-aufgeklärter und verträumter, wenn es um Idole oder Führerfiguren geht. Wir bauen sie schnell auf und räumen sie noch schneller wieder ab - die Medien besorgen das Geschäft in beide Richtungen.
In ihrer Mischung aus Anbetung und Häme, Verluderung und Vergötterung sind britische Groschenblätter und ihre Celebrity-Industrie unübertroffen. Nichts ist ihnen dämlich, nichts vulgär genug. Beliebt sind Schnappschüsse zwischen die Beine angetrunkener Berühmtheiten beim Aussteigen aus ihren Limousinen, etwa in der "Drei-Uhr-morgens"-Szene-Sektion des "Daily Mirror".
Ungeschminkte Wahrheiten sind gefragt: Zellulite unterm Zoom, verrutschte Schönheitsoperationen, Fettwülste, faltige Greisenhaut, flache Hintern, Pickel, all das wird zur Fütterung vors Publikum geschmissen: Da ist es, euer Glamour-Pack!
Es sind rituelle Schlachtungen innerhalb des Celebrity-Spiels, die den Stars der goldenen Hollywood-Epoche noch erspart blieben. Damals gab es den Abstand zur Menge, und die Göttlichen verbargen sich am Ende ihrer Sonnenbahn, sie schlossen sich ein, um die Dietrich, die Garbo zu bleiben hinter den goldenen Wolken der Erinnerung - Unnahbare in Schwarz-Weiß.
Mittlerweile gibt es ziemliches Gedränge an der Rampe, und die Stampede dorthin brach in den sechziger Jahren in England los, ausgerechnet dort, wo bis dahin jeder seinen ihm zugewiesenen Platz hatte und der Adel bestimmte, wo oben und wo unten war.
Es war die britische Poprevolte, die die Klassengesellschaft durcheinander wirbelte. Die Beatles baten die oberen Ränge bei ihrem legendären Konzert im Prince of Wales Theatre 1963, mit den Juwelen zu klimpern, und wandten sich dann deren kreischenden Töchtern zu, die sich die Höschen nass machten.
Die sechziger Jahre wirbeln hässlich und schön, oben, unten, das Gute, Schöne und das Ordinäre durcheinander. Sorgfältig geföhnte Leinwandgötter wären lächerlich gewesen angesichts des psychedelischen, koitalen Urschlamms von Hyde Park, Fehmarn und Woodstock. Mick Jagger war androgyn und erklärte seine Sympathie für den Teufel.
Knapp 40 Jahre später sind die Rolling Stones laut "Forbes" unter den mächtigsten Entertainment-Celebrities auf Platz fünf, immer noch, und zwar weit vor Steven Spielberg. Und die Abbruchunternehmer von einst sitzen in ihren Villen und schütteln indigniert die Köpfe über die neue Vulgarisierungswelle, die da heranrollt.Während Mick Jagger geadelt ist und über Stilmöbel näselt und versucht, keinen Deut älter als 60 auszusehen, beschwerte sich Eric Clapton in einer BBC-Serie über Prominente kürzlich: "Wir konnten wenigstens noch Gitarre spielen, aber die können ja gar nichts mehr."
Die - das sind die "Big Brother"-Freaks mit den abgekauten Fingernägeln und aufgeblasenen Brüsten, die Container-Berühmtheiten. Sie sind der verlängerte Wohnzimmercouch-Potato, aus dem Idol wird der Buddy, der Nebenmann. Tja, heutzutage wird selten danach gefragt, ob Ruhm verdient ist. Es genügt, dafür berühmt zu sein, dass man berühmt ist.
Unser Verhältnis zum Ruhm also ist zynisch geworden. Es ist das Zeitalter einer ewigen Götzendämmerung, in der wir unglücklich aufgeklärt zu den bunt bemalten Lampions hinaufschauen, die wir selbst aufgehängt haben, und uns für eine Weile einbilden, sie seien die Sonne und vertrieben uns die Angst vor Einsamkeit und Nacht. Das ist das, was wir heute Ruhm nennen - eine schnell erlöschende Angelegenheit.
In seinem einsichtsvollem Buch "Ökonomie der Aufmerksamkeit" beschreibt der Wiener Architekt und Philosoph Georg Franck, wie gesellschaftliche Zuwendung dem Geld den Rang abzulaufen beginnt - Prominente sind nach seiner Theorie "Einkommensmillionäre an Aufmerksamkeit".
Das hat eine völlig veränderte Situation im sozialen Umgang geschaffen. Mittlerweile ist öffentliche Aufmerksamkeit zur neuen Währung geworden, die tatsächlich mehr und mehr den Wert des Einzelnen bemisst.
Missglückte Schönheitsoperationen werden zur Fütterung vors Publikum geworfen. Da ist euer Glamour-Pack!
Das Spiel um Ruhm und Anerkennung wird besonders in reichen Gesellschaften Bestandteil des Existenzkampfes: "Nicht der sorglose Genuss, sondern die Sorge, dass die anderen einen auch ja wahrnehmen, wird zum tragenden Lebensgefühl und zur herrschenden Lebensangst in der Wohlstandsgesellschaft." Heute heißt das: Ich bin im Fernsehen, also bin ich. Das gilt für Hinz und Kunz genauso wie für Diplomaten und Minister. Für die besonders.
Ab und zu werde auch ich zu Interviews oder Talkshows eingeladen, und mir ist mittlerweile klar, was da auf mich zukommt:
- Ich bin drei Tage lang schlaflos vor Aufregung.
- Ich rede mich in der Sendung um Kopf und Kragen.
- Ich bin weitere drei Tage lang schlaflos vor Ärger darüber, dass ich nicht die spritzigen und klugen Antworten gegeben habe, die mir hinterher in Endlosparaden durch den Kopf wandern. Zudem legen Kameras, Studiolicht und Schminke einen feinen Film aus Verlogenheiten über alles, was sie berühren - es ist einfach nicht mein Metier.
Ich weiß also, dass ich leiden werde. Deshalb sage ich öfter ab. Noch öfter allerdings sage ich zu. Aus einem ganz einfachen Grund: Ich will Aufmerksamkeit, für mich und für das, was ich tue.
Alle sind wir davon verhext. In Don DeLillos Roman "Unterwelt" sinniert der 16-jährige Graffiti-Künstler Ismael über das Hochgefühl, das es bedeutet, seine Signatur zu hinterlassen. "Die Züge muss man signieren. Die Züge kommen die Rattenrennbahn langgezischt, alle gleich, und dann triffst du auf einen Zug, und das ist deiner, überall im Netz zu sehen, und du kommst in die Köpfe der Leute rein und verwüstest ihre Augäpfel."
Was Ismael sagt, gilt nicht nur für das U-Bahn-Netz, sondern auch für alle anderen Systeme, die Botschaften transportieren können, fürs Internet und fürs Fernsehen erst recht. Aufmerksamkeit ist ein materieller Faktor geworden.
Für den Kunsthistoriker Jakob Burckhardt war der Wille zum Ruhm Kennzeichen des "modernen Bewusstseins". Einfach ausgedrückt: Ruhm, meinen wir alle, ist eine feine Sache. Schon deshalb, weil man im Restaurant den besten Tisch kriegt und alle einem so lange einhämmern, dass man liebenswert und interessant ist, bis man selbst daran glaubt. Ja, das ist überhaupt das Entscheidende, denn jeder von uns vermutet im tiefsten Innern seines Inneren, dass er eigentlich ziemlich uninteressant ist.
Womit er, im nüchternen biologischen Sinne, zunächst Recht hätte. Unter einem entgötterten Himmel ist jeder von uns nur ein winziger Punkt im Milliardengewimmel, eine kurzlebige Zusammenballung von Materie und folgenlos verpuffend. Da ist es doch schön, wenn es zuvor wenigstens ein paar Mal einen guten Platz im Restaurant gibt und Kellner, die dir das Gefühl geben, dass sie nur auf diesen Moment hingelebt haben, in welchem sie dir dein Wiener Schnitzel servieren dürfen.
Allerdings ist Ruhm eine zweischneidige Angelegenheit. Irgendwann in den achtziger Jahren, dem Jahrzehnt der Starund-Status-Hysterien und roten Brillenbügel, das auf den trostlosen kapitalistischen Triumph und seine hedonistischen Pflichterfüllungen vorbereitete, die wir heute leben, spazierte ich mit dem Schriftsteller Harold Brodkey den Broadway hinunter, vorbei an Zeitungskiosken, in denen sein Foto hing - gerade war eine Titelgeschichte im "New York"-Magazin über ihn erschienen. Ein Passant erkannte ihn und rief ihm zu "You're just great!"
Wahrscheinlich hatte der Mann keine einzige Zeile des Schriftstellers gelesen, doch dass Brodkey zu den Auserwählten gehörte, die auf einem Magazin-Titel abgebildet wurden, genügte ihm, und er freute sich, ihn zu treffen - ja, eigentlich: wiederzutreffen, denn ab sofort gehörte er zu so etwas wie einer erweiterten Familie, er war ein BEKANNTER - so, als fühle er sich durch Brodkeys Glanz erwärmt.
Einige Schritte weiter trafen wir auf einen Kritiker. Auch er beglückwünschte Brodkey, allerdings mit einer undurchsichtigeren, raffinierteren Floskel. Kaum war er in unserem Kielwasser verschwunden, murmelte Brodkey: "Ein Idiot. Völlig von sich eingenommen. Hat noch nie eine brauchbare Zeile zu Papier gebracht." Ich bin überzeugt, dass der entschwundene Kollege im gleichen Moment etwas Ähnliches vor sich hergemurmelt hat.
Ruhm also hat ein Doppelgesicht. Die einen lieben dich, die anderen wünschen dich zum Teufel, denn so alt wie der Wunsch nach Ruhm ist der Neid, den er auslöst. Reflexartig. Einer ist berühmt, einer spielt sich vor, und die anderen deckeln ihn ab. Ein schönes Beispiel dafür ist der Fall Josef.
Ich bin im Fernsehen, also bin ich. Das gilt für Hinz und Kunz genauso wie für Diplomaten und Minister. Für die besonders.
Jeder kennt die biblische Geschichte: Josef träumt von der eigenen Auserwähltheit vor allen seinen Brüdern - und erzählt ihnen davon. Die reagieren absolut brudergemäß. Sie vermöbeln den Hosenscheißer und schmeißen ihn in einen Brunnen. Josef hatte sich, im Sinne der Aufmerksamkeits-Ökonomie, Kapital geliehen, das er sich noch gar nicht verdient hatte - sein Traum war der bloße Vorgriff auf Ruhm.
Die Pointe des alttestamentarischen Gottes allerdings ist nicht zu überbieten: Es stellt sich heraus, dass Josef tatsächlich so auserwählt ist, wie er immer geahnt hatte, und diese Auserwähltheit sollte später der ganzen Familie nützen.
Auf unserem kurzen Spaziergang über den Broadway hatte sich Brodkey in diesen beiden Seiten des Ruhmes gespiegelt: in Hingabe und Verteufelung. Und es war ihm anzusehen, wie verwirbelt das Gemüt darauf reagiert: In die Begeisterung über die eigene Auserwähltheit mischt sich immer die Angst vor den Attacken der Neider.
Schließlich saßen wir in einem Café, ließen uns von Kellnerinnen bedienen, die wie Filmstars aussahen, und sprachen über Ruhm. Brodkey vertrat die Auffassung, dass der Ruhm schütze wie ein Bad in Drachenblut, ja, dass dieser Schutz vor Verletzungen die attraktivste Eigenschaft von Ruhm sei.
Er war gleichzeitig streitsüchtig und liebenswert, und seine liebenswerteste Eigenschaft war wohl seine Verletzbarkeit. Er stürzte sich in jede literarische Schlacht und holte sich regelmäßig Schrammen. Er litt unter Kritikern, was seine Streitlust nur noch erhöhte und damit seine Verletzbarkeit.
Und nun, fragte ich, da er berühmt sei?
Er seufzte. Er schaute mich an und fragte: "Wer wärst du lieber? Harold Brodkey oder Mick Jagger?" "Mick Jagger", sagte ich, ohne zu zögern. Melancholisch sagte er: "Ich auch." Das ist die nächste Lektion für den Umgang mit Ruhm: Es gibt keinen Berühmten, der nicht davon träumte, noch berühmter zu sein.
Vielleicht aber ahnte Harold damals auch schon, dass er bald sterben würde. Der Wunsch nach Ruhm scheint auch mit der Angst vor dem Tod zusammenzuhängen. Wer berühmt ist, stirbt nicht, sondern er bleibt, und zwar über die Grenze seiner Sterblichkeit hinaus.
Das ist der Ruhm, den Brodkey erstrebte und den er sich mit seinen Büchern erwarb. Nun aber gibt es, im Medienzeitalter, die Verfallsform von Ruhm - die schiere Bekanntheit.
Natürlich wäre es schön, für irgendetwas Seriöses berühmt zu sein, etwas, das die Menschheit weiterbringt, also Entdeckungen, Kunstwerke, Heldentaten. Es gibt keine euphorischeren, keine schöneren Schlussworte in einer Tragödie als die, die Kleist seinem Prinzen von Homburg in den Mund legte, ihm, der sein Leben der Staatsräson opfert und der kurz vor der Hinrichtung ausruft: "Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein!"
Aber da dieser Lebenseinsatz mühselig ist, tun es in unseren Zeiten auch die fünf Minuten, in denen man sich im "Big Brother"-Container unter die Dusche stellt, oder, im "Fear Factor", in einen Bottich voller Schlangen.
Es ist anzunehmen, dass besagter Kellner dem Kandidaten aus "Deutschland sucht den Superstar" sein Schnitzel mit der gleichen hingebungsvollen Wiedererkennungsfreude servieren wird, die er einem Nobelpreisträger schenken würde. Ach was, er würde sich noch die Speisekarte signieren lassen. Vom "Superstar".
Nähe oder Distanz - das ist das Grundproblem für jeden Journalisten im Umgang mit Idolen. Die meisten sind ja mit demokratischen Reflexen ausgerüstet, in die sich sicher auch Neid als urmenschlicher Trieb mischen kann. Sie machen die, die groß sind, ein bisschen kleiner, und die, die unten sind, werten sie ein bisschen auf. Sie versuchen auf diese Weise, die Welt wieder zu reparieren und ein Stück Gerechtigkeit herzustellen.
Als ich mich in der Woche nach dem tödlichen Autounfall Lady Di's mit ein paar kritischen Bemerkungen in die Trauerhysterie einmischte, erhielt ich den Anruf einer "Bild"-Zeitungskollegin, die sich bei mir bedankte - ihr hing der vergötternde Todeskult um Diana genauso zum Halse raus wie vielen anderen Kollegen, aber sie musste liefern, was das Publikum verlangte, nämlich: eine weitere Hagiografie.
Das Diana-Fieber ist mittlerweile abgeklungen - man erinnert sich heute daran wie an einen merkwürdigen intellektuellen Schwächeanfall. Doch in den Wochen nach ihrem Tod zeigte sich, dass die Medien durchaus die Qualität von Virenschleudern besitzen - sie können epidemisch Hysterien befördern und mit ihren Narrationen, Heiligenlegenden und Vergötterungen das globale Dorf anstecken.
Die US-Autorin Elaine Showalter hat für diese merkwürdigen Erregungswellen und Reizketten den treffenden Begriff "Hystorien" gefunden. Es ist durchaus befriedigend, Hystorien entgegenzuwirken und Idole auf Menschenmaß zu bringen.
Bisweilen staunen Star und Journalist gleichermaßen über diese Überdehnung, die der Ruhm mit sich bringt und die absolut nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat.
Da war dieses Gespräch, das ich mit Jeremy Irons anlässlich eines neuen Films zu führen hatte. Jeremy Irons ist auf interessante Zwielichtrollen spezialisiert, und er begegnete mir absolut unzwielichtig, liebenswürdig und gleichgültig. Ich teilte seine Gleichgültigkeit, und ich konnte ihm ansehen, wie sehr er mir meine Langeweile ansah, und er versuchte, uns darüber mit Tee und Gebäck hinwegzuhelfen.
Es nützte nichts. Wahrscheinlich hatte ich nicht damit gerechnet, auf einen Star zu treffen, der so uninteressiert war wie ich selbst. Plötzlich mussten wir beide darüber lachen. Und dann wurde es doch noch eine nette Angelegenheit.
Das Verrückte an unserer überschnappenden Götzenindustrie ist wohl, dass sie mittlerweile an ihrer Selbstabschaffung arbeitet. Die Fetischisierung des Ruhms hat eine Inflation an Stars geschaffen, und die geht logischerweise einher mit einer ungeheuren Entwertung der einzelnen Berühmtheit. Kurz: Wenn alle Mick Jagger sind, ist es keiner mehr - dann ist es unmöglich geworden, Mick Jagger zu sein. Götzendämmerung.
Vielleicht kommen wir aber auch anders dahinter, dass unsere Sucht nach Idolen - sowie unsere Selbstidolisierungen - infantil sind.
Unsere Sehnsucht nach Idolen und die eigene Sucht nach Ruhm - das ist im Grunde die gleiche Falle. Als Ausweg empfiehlt Georg Franck eine größere Selbst-Aufmerksamkeit, eine gesteigerte Wachheit für die Wunder des eigenen Lebens. Erst dann auch ist man frei, dem Mitmenschen jene Aufmerksamkeit zu widmen, die er verdient.
Das wäre Aufklärung am Anfang dieses Jahrtausends.
Wahre Aufklärung heißt ja nicht, dass wir über Gott triumphieren. Nein, siegreich ist die Aufklärung erst dann, wenn wir es schaffen, ohne Götzen zu leben.
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